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Wahl in Island : Die Brandstifter als Feuerwehr

Wirtschaftsfaktor Tourismus: Island zieht mit seinen heißen Quellen Schau- und Badelustige an.

Wirtschaftsfaktor Tourismus: Island zieht mit seinen heißen Quellen Schau- und Badelustige an.

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reuters/Chris Helgren

Reykjavik -

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Die Fahrt von Reykjavik in die zwölf Kilometer entfernte Satellitenstadt Kopavogur dauert mit dem Auto zu Büroschluss eine gute halbe Stunde, denn die Finanzkrise, die Island beutelte, hat den Stoßzeitverkehr nicht spürbar gelichtet. In Kopavogur wohnen nicht die ärmsten Isländer. Hier sind die Häuser schick, zwischen ihnen wächst Grün. Viele der Häuser stehen leer und werden zum Verkauf angeboten. Immer wieder fällt der Blick auch auf halbfertige Ruinen, deren Bauherren in der Krise das Geld ausging.

„Solange man eine feste Arbeit hat, geht es“, sagt Hakon Sigurdsson, ein 39-jähriger Pharmazeut, der sein Haus 2006 erworben hat. Damals blühte der Optimismus und alle Isländer glaubten, es gehe nur noch aufwärts. „Zwei Einkommen sind nötig. Wenn einer den Job verliert, wird es hart“, sagt Sigurdsson. Er und seine Frau, die als Lehrerin um ihren Arbeitsplatz nicht bangen muss, haben ihr Haus als Rohbau gekauft für 50 Millionen Kronen – 330 000 Euro wären das heute, doppelt so viel war das damals – und dann aufgeputzt mit viel Liebe und Mühe.

Sie haben vorsichtig kalkuliert. „20 Millionen Kronen, also 40 Prozent, brachten wir als Eigenanteil mit“, erzählt Sigurdsson. Andere Käufer nahmen zu dieser Zeit Hypotheken für 100 Prozent des Hauswerts auf. Und die Banken warfen ihnen noch einen Kredit für einen Audi-Stadtjeep hinterher.

Doch jetzt blättert Sigurdsson in schlaflosen Nächten in den Bankpapieren und weiß nicht, wie er die Forderungen bezahlen soll. „Ich habe mir 30 Millionen geborgt und immer die Raten gezahlt“, sagt er. Doch verständnislos weist Sigurdsson auf die Stelle in den Unterlagen, die besagt, dass er der Bank jetzt noch 50,9 Millionen Kronen schuldet. Denn es gab damals in Island zwei Arten von Krediten, und beide ritten ihre Nutzer ins Verderben: Entweder lieh man in Fremdwährung zu billigen Zinsen.

Da explodierte die Schuld, als nach dem großen Bankenkrach im Herbst 2008 der Wert der isländischen Währung halbiert wurde. Oder man borgte in Kronen, dann wächst die Kreditsumme mit der Teuerung. Das war unproblematisch, solange der Wert der Häuser rascher stieg als die Inflation. Doch dann kam „Kreppa“, die Krise. Der Immobilienmarkt kollabierte, und die Hauseigner waren verschuldet bis weit über den Schornstein.

Den Waghalsigsten ist der Staat beigesprungen und tilgte Schulden, die mehr als 110 Prozent des Immobilienwerts betrugen. Die Konstruktion mit den Fremdwährungskrediten erklärte der Oberste Gerichtshof für gesetzwidrig, ohne dass klar wäre, was das für die Betroffenen konkret bedeutet. Doch „zehn Prozent der Haushalte können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen und 50 Prozent haben echte Probleme“, sagt Sigmundur Gunnlaugsson, der Chef der rechtsliberalen Fortschrittspartei.

Die Wut köchelt weiter in Island. Sie hat andere Ausdrucksformen gefunden als vor vier Jahren, als Tausende täglich vor das „Althing“, das Parlament in Reykjavik, zogen und auf Töpfe und Pfannen trommelten, bis der damalige konservative Premier Geir Haarde entnervt aufgab. „Vier Jahre später sind wir immer noch sehr zornig, schimpfen und bezichtigen einander des Verrats, der Dummheit und Feigheit“, beschreibt der Schriftsteller Hallgrimur Helgason die Lage.

Überraschender Absturz

Doch die Wut richtet sich nicht mehr gegen die, die die Krise eingebrockt haben, sondern gegen die, die versuchten, sie zu lösen. Die 70 Jahre alte Sozialdemokratin Johanna Sigurdardottir, die mit einer rot-grünen Koalition vier Jahre lang regierte, tritt bei den Wahlen am Samstag nicht mehr an. Arni Arnason, der den Parteivorsitz übernahm, muss mit ansehen, wie die 30 Prozent, die die Sozialdemokraten 2009 erzielten, in Meinungsumfragen halbiert werden. „Wir werden dafür bestraft, dass wir eine Krise bekämpften, die wir nicht verschuldet haben“, sagt Arnason.

Dem Koalitionspartner geht es noch schlechter. Die Links-Grünen warnten vor Liberalisierung, Deregulierung und dem maßlosen Schuldenboom. Die Quittung in den Umfragen: 8 Prozent Stimmanteil statt 22 vor vier Jahren.

Denn die Regierung „vermasselte die Schuldenfrage“, wie es ihr konservativer Gegenspieler Bjarni Benediktsson nennt, sie zankte über die EU-Beitrittsgespräche, sie scheiterte an den Reformen von Fischereipolitik und Verfassung. Der verschuldete Hausbesitzer Hakon Sigurdsson sieht das so: „Die Regierung hat uns Hilfe versprochen und nichts gehalten.“ Wie er wendeten sich viele ab, die der Koalition beim letzten Mal die Stimme gaben.

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Das Ausmaß des Absturzes der Regierungsparteien überrascht selbst die politischen Widersacher. Nicht nur der Internationale Währungsfonds lobt ihr Krisenmanagement, führende Ökonomen sehen Island als Vorbild für die noch viel härter getroffenen Südeuropäer. Die wirtschaftlichen Leitdaten stimmen wieder: das Budget ist im Gleichgewicht, das Wachstum signifikant, die Arbeitslosigkeit sinkt, der Export ist dank der schwachen Krone stark, die Fischerei boomt, der Tourismus blüht. Und das ohne sozialen Kahlschlag. „Das Sozial-, Schul- und Gesundheitswesen hat die Regierung einigermaßen bewahrt, die schwächsten Gruppen wurden von der Sanierung weniger hart getroffen als die Mittelklasse“, lobt der Soziologe Ingolfur Ingolfsson.

Doch große Wählergruppen haben Angst um ihre Häuser, und das hat Gunnlaugsson, der liberale Parteichef, erkannt. Er hat die Verschuldung der Privathaushalte zum dominierenden Thema gemacht und will die Schulden für alle um 20 Prozent senken. Dafür soll das Geld herhalten, das die ausländischen Gläubiger für die Übernahme der isländischen Pleitebanken zahlen sollen, irgendwann. So liegt die Fortschrittspartei mit mehr als 30 Prozent und einer Verdoppelung ihres Besitzstandes plötzlich an der Spitze der Umfragen. Klar scheint, dass Island nach den Wahlen wieder von einer konservativ-liberalen Koalition geführt wird, wie damals, als eben jene Parteien das Land mit einer überhasteten Liberalisierung des Kapitalmarkts ins Verderben rissen.

Der EU wird Island wohl so schnell nicht beitreten. Die Liberalen profilierten sich mit ihrem Widerstand gegen Brüsseler Diktate, und die Konservativen werden von reichen Familien aus der Fischindustrie dominiert, die von der schwachen Krone profitieren und jeden EU-Einfluss auf die Fischereipolitik ablehnen. „Wir werden die EU-Verhandlungen abbrechen und nicht wieder aufnehmen, ehe das Volk Ja dazu gesagt hat“, sagt Bjarni Benediktsson. Er trifft den Nerv des verschuldeten Hausbesitzers Sigurdsson: „Mit Griechen und Zyprern wollte ich nicht tauschen.“