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Wahl in Schleswig-Holstein: Die Macht der Satire

Martin Sonneborn, Satiriker.

Martin Sonneborn, Satiriker.

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dpa

Realsatire nennt man wirkliche Begebenheiten, die ein Satiriker sich nicht besser hätte ausdenken können. Zum Beispiel die Wahl des Kandidaten einer Satirepartei in ein echtes Parlament. Seit Sonntag gibt es das: In Lübeck hat „Die Partei“ ihr erstes Mandat gewonnen. Bei der Wahl für die Bürgerschaft der Hanse- und Marzipanstadt stimmten immerhin 1,3 Prozent für die von dem Satiriker Martin Sonneborn gegründeten „Partei“. Nun weiß man nicht genau, ob die 813?Wähler wussten, wem sie da ihre Stimmen gaben.

Ein Blick ins Wahlprogramm hätte helfen können: „Im Zuge des Projekts Schleswig-Holstein 21 werden Hauptbahnhöfe und der Lübecker Flughafen unter die Erde verlegt“, heißt es da. Oder: „Keine Kita-Maut! Dass die Lütten von ihrem Taschengeld auch noch Gebühren zahlen, geht gar nicht.“ Und: „Die Redakteure der lokalen Gazetten werden in Umerziehungslager gesteckt, wo sie lernen, wie man investigativ schreibt (und evtl. was es bedeutet).“

„Größter Vorsitzender aller Zeiten“

Hinter dieser „Partei“ steckt vor allem das Genie ihres Vorsitzenden Martin Sonneborn (48), einst Chefredakteur des einschlägigen Magazins Titanic. Doch schon lange hat er seine subversiven Aktivitäten vielfältig ausgeweitet, zunächst als Parodist etablierter Parteien und seit 2004 als Chef der „Partei“, pardon, als GröVaZ, „Größter Vorsitzender aller Zeiten“. So plump diese Anspielung auf die satirische Umschreibung Hitlers als GröFaZ auch klingt – Sonneborns große Kunst besteht darin, Satire und Ernst so geschickt verschwimmen zu lassen, dass ihr Charakter nicht mehr eindeutig zu erkennen ist.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Programm der „Partei“, das sich über weite Strecken wie eine seriöse, eher linke politische Agenda liest – bis es zur Neuordnung des Bundesgebietes kommt: Die fünf neuen Bundesländer sollen danach eine Sonderbewirtschaftungszone (SBZ) bilden. „Diese SBZ soll auch baulich vom Rest der Bundesrepublik getrennt werden. Auf diese Weise soll unserer modernen, fortschrittlichen und zukunftsweisenden Idee einer solchen Zone Nachdruck verliehen werden.“

In Schlips und Kragen

Es ist diese Art bitterböser Satire, mit der Sonneborn den politischen Alltag persifliert. Zur Verfremdung gehört sein Aufzug: stets seriös in Schlips und Kragen, wie er auch als Reporter der ZDF-Satirsendung „heute-show“ unterwegs ist.

Aber was macht „Die Partei“ nun mit ihrem Parlamentssitz in Lübeck? Eine erste Forderung hat Sonneborn schon erhoben. In der grafischen Darstellung des Wahlergebnisses erscheint sie magentafarben. Also: „Wir werden jetzt als erstes die Telekom auf Herausgabe der Farbe Magenta verklagen. Die sollen man ihre Ansprüche darauf drosseln...“

Ansonsten: In der Lübecker Bürgerschaft herrscht zwischen CDU und SPD ein Patt. Ein Mehrheitsbeschaffer wird gesucht. Wer, wenn nicht „Die Partei“...? 813 Lübecker haben immerhin gezeigt, dass Norddeutsche Sinn für Humor haben. Wenn sie denn wussten, was sie taten.


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