07.02.2012

Wahlen in Duisburg: Sauerland will bleiben

Von Bernhard Honnigfort
Er wurde ausgebuht und mit Tomaten beworfen – und ist trotzdem noch da. Jetzt findet eine Abstimmung über Adolf Sauerlands Schicksal statt.
Er wurde ausgebuht und mit Tomaten beworfen – und ist trotzdem noch da. Jetzt findet eine Abstimmung über Adolf Sauerlands Schicksal statt.
Foto: dapd
Duisburg –  

Anderthalb Jahre nach der Loveparade-Katastrophe ist Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland immer noch im Amt. An diesem Sonntag könnte sich das ändern. 80.000 Unterschriften wurden bereits für seine Abwahl gesammelt.

„Dann isset so“, sagt Adolf Sauerland in seinem breiten Ruhrdialekt, verschränkt die Arme vor der Brust und lächelt verschmitzt. Er sitzt in der Kreisgeschäftsstelle der Duisburger CDU, es geht um seine mögliche Abwahl und um die Unions-Kampagne dagegen. Sauerland lässt seine Worte kurz im Raum stehen, bevor er die Kunstpause mit einer Pointe beendet: „Aber ich tue alles, damit et nich so is.“ Wieder dieses Lächeln, das an den Moderator Jürgen von der Lippe erinnert.

Adolf Sauerland, 56, ist Oberbürgermeister von Duisburg und will es bleiben. Also plaudert er, macht Witzchen, ist demonstrativ guter Dinge. Eigentlich ein normales Verhalten im Wahlkampf. Wenn dies ein normaler Wahlkampf wäre. Ist er aber nicht. Denn wenn am Sonntag, dem 12. Februar, die 365.000 wahlberechtigten Duisburger entscheiden, ob sie diesen Bürgermeister behalten wollen, dann fällen sie auch ein moralisches Urteil über den Menschen Adolf Sauerland.

Schließlich ist der Grund der Abstimmung dessen Benehmen nach der Loveparade-Katastrophe im Sommer vor anderthalb Jahren, als 21 Menschen umkamen und 500 schwere Verletzungen erlitten. Sauerland, der den Millionen-Umzug wegen der positiven Publicity unbedingt in seiner Stadt haben wollte, weigerte sich, die Verantwortung zu übernehmen.

Er trat nicht zurück, er bat niemanden um Verzeihung und zeigte auch wenig Mitgefühl. Er nahm sich einfach einen Medienberater und machte weiter. Dieses Verhalten löste Staunen und Entsetzen aus: Wieso geht der nicht? Was muss noch passieren? Wie kann ein Mensch so dickfellig sein?

Ein Riss durch die Stadt

Seit jenen Tagen geht ein Riss durch die alte Stahl- und Arbeiterstadt Duisburg. Auf der einen Seite stehen Oberbürgermeister Sauerland, seine CDU und ihre Anhänger, auf der anderen empörte Bürger und ein Abwahlbündnis, in dem sich SPD, Linke, Kirchenvertreter, Grüne, Gewerkschafter und Liberale zusammengetan haben.

Jeden Donnerstag, jeden Freitag und jeden Sonnabend kann man den Riss sehen. Mitten in der Innenstadt. Dort, zwischen dem Büro der CDU und dem Lifesaver, einer gewaltigen quietschbunten Vogelfigur der Künstlerin Niki de Saint Phalle, steht ein großes weißes Zelt. Neben dem Zelt steht Gisela Dannehl, Rentnerin.

Loveparade-Tragödie: Politik will neue Regelungen

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Zwölf Jahre hat sie in der Stadtverwaltung gearbeitet, jetzt wirbt sie für die Abwahl Sauerlands. „Neuanfang für Duisburg“ heißt die Bürgerinitiative, die den Abwahlversuch durch 80.000 gesammelte Unterschriften in Gang gesetzt hat. Dessen Erfolg hängt jetzt davon ab, ob am Sonntag mindestens 91.478 Duisburger, ein Viertel aller Wahlberechtigten, abstimmen und sich gegen den Oberbürgermeister entscheiden.

Eine hohe Hürde, das weiß auch Gisela Dannehl, aber: „Was nicht in Ordnung ist, ist nicht in Ordnung.“ Dannehl ist eine nette ältere Dame, die in ihrer Freizeit Kindern vorliest. Sie hängt an ihrer Stadt und deshalb, so sagt sie, sei es ihr nicht egal, wie es weitergehe. „Der Oberbürgermeister lässt die Duisburger im Stich. So geht es nicht.“

Gisela Dannehl wohnt direkt am Ort der Katastrophe in Duisburg-Mitte. Als am Samstagnachmittag des 24. Juli 2010 bei Sommerhitze Hunderttausende durch die Karl-Lehr-Straße ziehen, kann sie dem bunten, lärmenden Zug zusehen. Am späten Nachmittag hört sie nur noch Sirenen. Sie schaltet den Fernseher ein. Die Loveparade ist zur Katastrophe geworden. In den Unterführungen der Karl-Lehr-Straße stauen sich die Massen. Wer noch kann, flieht über eine Treppe.

„Mein Neffe war dabei“, erzählt Gisela Dannehl. Gruselige Szenen spielten sich damals ab: Menschen erstickten, wurden niedergetrampelt, zerquetscht – und ein paar Hundert Meter entfernt ging die Party weiter, weil man im Fetenlärm nichts mitbekam. „Ich habe all diese verstörten jungen Leute gesehen“, sagt Dannehl. „Ich höre noch, wie sie schreien: Wir wollten doch nur feiern!“

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