Politik
Aktuelle Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

Wahlkampf 2013: Gertrud Steinbrück ist nicht Michelle Obama

Von 
Seltener gemeinsamer Auftritt mit ihrem Mann: Gertrud Steinbrück schätzt wie Angela Merkels Gatte die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit.
Seltener gemeinsamer Auftritt mit ihrem Mann: Gertrud Steinbrück schätzt wie Angela Merkels Gatte die Zurückhaltung in der Öffentlichkeit.
Foto: dpa

Einen Wahlkampf nach US-Vorbild will die Ehefrau von Peer Steinbrück nicht führen: "Das ist geistiges Popcorn". Die Politiklehrerin mit SPD-Parteibuch zieht ihren Gatten vor den Familienrat, als er seine Kandidatur ankündigt.

Wie geht man damit um, wenn der Name des Ehemannes täglich in der Zeitung steht? „Guten Tag“, sagt Gertrud Steinbrück am ersten Schultag nach dem Ende der Sommerferien. Sie steht in einem Klassenraum des Amos-Comenius-Gymnasium in Bonn-Bad Godesberg. „Ich bin die neue Politiklehrerin“, stellt sich die Frau mit dem brünetten Pagenkopf vor und schiebt eilig nach: „Das hat aber nichts mit meinem Mann zu tun.“

Mehr als acht Jahre ist die Szene nun her, an die sich ehemalige Schüler noch genau erinnern. Damals war Peer Steinbrück Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Inzwischen ist er Kanzlerkandidat der SPD. An der Eigenständigkeit von Gertrud Steinbrück hat sich nichts geändert. Nach wie vor radelt die 63-Jährige jeden Morgen zum „Amos“, wo sie Biologie und Politik unterrichtet. Auch wenn im Wohnzimmer zuhause inzwischen ein Doppelporträt des Malers Johannes Heisig hängt, der das „Ehepaar Steinbrück“ in Öl verewigt hat, betrachtet sich die resolute Frau nicht etwa als „bessere Hälfte“ des Spitzenpolitikers. Nur selten zeigt sie sich in der Öffentlichkeit an seiner Seite, und alle Interviewwünsche werden bis auf weiteres abgelehnt.

Kein Wahlkampf nach US-Vorbild

Also muss die Annäherung über Umwege gehen. Über den Peer-Steinbrück-Biografen Daniel Sturm zum Beispiel. Mit dem hat die promovierte Naturwissenschaftlerin bei einem kleinen Wiener Schnitzel einen Abend im „Café Einstein“ in der Berliner Kurfürstenstraße zusammengesessen und dabei ziemlich klar gemacht, dass sie keinen Wahlkampf nach US-Vorbild mitspielen wird: „Wer auch nur etwas graue Substanz unter seiner Schädeldecke hat, weiß, dass die Fotos der Politiker-Familie bei Chips und Cola vor dem Fernseher gestellt sind. Sie sind ein großer Fake. Das ist geistiges Popcorn, das die Intelligenz eines jeden Bürgers beleidigt.“ Klare Worte sind das, und man wundert sich nicht, dass sie anschließend mit großer Sympathie über den Ehemann von Angela Merkel redet: „Herr Sauer macht es gut. Er hält sich zurück und sucht selten bis nie die öffentliche Bühne.“

Ganz vermeiden lassen sich öffentliche Auftritte der Kanzlerkandidaten-Gattin freilich nicht. So sitzt Gertrud Steinbrück im schwarzen Hosenanzug und mit knallroten Lackpumps in der ersten Reihe beim SPD-Nominierungsparteitag in Hannover. Ihr Haar hat sie etwas streng zu einem Dutt hochgesteckt, doch nähert sie sich durchaus freundlich den ihr entgegengestreckten Mikrofonen. Bundeskanzler sei ein Wahlamt, holt die Politiklehrerin grundsätzlich aus: „Ich finde nicht, dass man da eine zweite Person automatisch mit wählt.“ Auch deshalb werde sie sich zurückhalten.

Schlechte Laune nach einer Sauftour

Ein neuer Versuch der Annäherung. Dieses Mal über die Biografie. Bei einem Skiausflug in die Eifel hatte der angehende Volkswirt Peer Steinbrück 1973 die Biologiestudentin Gertrud Isbary kennengelernt. Er dachte: „Endlich mal eine Frau, die quatschen kann.“ Sie fand ihn zunächst ziemlich unmöglich, weil er nach einem Zech-Abend offenbar schlecht gelaunt war.

Im Sommer 1975 aber heiratete das Paar. Kurz darauf war sie mit der ersten Tochter schwanger und er arbeitslos. Doch diese schwierige Phase dauert nicht lange. Ein paar Monate später findet Peer Steinbrück eine Anstellung als Hilfsreferent im Forschungsministerium und beginnt seine Karriere, die ihn mit einigen Brüchen in das Amt des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen (bis zur Wahlniederlage 2005) und an die Spitze des Bundesfinanzministeriums (bis zur Wahlniederlage 2009) führen wird.

Gertrud Steinbrück zieht in dieser Zeit zwei Töchter und einen Sohn groß. Doch sie unterrichtet auch durchgängig am Amos-Comenius-Gymnasium. Dort erleben sie die Schüler als „hart, aber fair“. Die Lehrerin lasse sich nicht auf der Nase herumtanzen, erinnert sich eine ehemalige Schülerin, sei aber trotzdem sehr beliebt: „Sie hat eine natürliche Autorität“. Dabei helfen offenbar ihre Schlagfertigkeit und ihr Humor – zwei Eigenschaften, die Gertrud Steinbrück mit ihrem Mann teilt. Über Politik redet sie im Unterricht naturgemäß viel, doch niemals mit parteipolitischer Einfärbung. Seit den 1980er Jahren hat sie ein SPD-Parteibuch, doch bezeichnet sie sich selbst als Karteileiche: „Ich zahle meinen Beitrag, und sonst halte ich den Mund.“

Ehepaar auf Augenhöhe

Das entspricht ansonsten kaum ihrem Naturell. So muss man sich die raren gemeinsamen Abende im Hause Steinbrück wohl durchaus angeregt vorstellen. Die Ehepartner agieren auf Augenhöhe. Zur Entspannung spielen sie Scrabble oder Backgammon – nicht Schach, das ist allein die Leidenschaft des Kandidaten. Und dann die gemeinsamen Urlaube. Die sind, berichtet Peer Steinbrück, ganz wichtig. Gelegentlich lädt er die ganze Familie mit Partnern irgendwohin ein in ein Ferienhaus. Im Sommer 2011 war es in Cornwall. Da liest, entspannt und redet man dann miteinander.

An Ostern 2007 geriet ein Familienurlaub beinahe zur Staatsaffäre. Da meldete sich der Bundesfinanzminister Steinbrück mit seiner Frau zur Safari nach Namibia ab, während in Washington der Internationale Währungsfonds tagte. Er könne die Afrikareise unmöglich absagen, erklärte Steinbrück im kleinen Kreis: Seine Frau habe sie solange vorbereitet, das gebe sonst richtigen Ärger. Es klang glaubwürdig.

Richtig begeistert war Gertrud Steinbrück wohl auch nicht von der ziemlich überstürzten Ausrufung ihres Mannes zum Kanzlerkandidaten. Die wird natürlich auch ihr Leben verändern, wenn sie im Sommer 2013 als Lehrerin in den Ruhestand geht. Zuhause sei erst einmal der Familienrat einberufen worden, berichtete sie dem Biografen Sturm: „Mein Mann musste aussagen. Das war ein Gerichtstermin für ihn.“ Nach dem traditionellen Rollenverhalten der Politiker-Gattin klingt das nicht. Am Tag nach der Bekanntgabe der Kandidatur brach Gertrud Steinbrück mit ihrem Leistungskurs Biologie denn auch wie geplant zur Studienreise nach Istrien auf.

Am Amos-Comenius-Gymnasium dürfte das kaum jemanden überrascht haben. Als ebenso engagierte wie kompetente Lehrerin haben ehemalige Schüler Gertrud Steinbrück erlebt. Einmal, nach einem Zeltlager mit Oberstufenschülern, das buchstäblich vom Regen weggeschwemmt wurde, lud sie die Teilnehmer kurzerhand zu sich nach Hause ein und tischte ihnen ihre Vorräte auf. Irgendwann kam ein Mann nach Hause, der dem damaligen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen verdammt ähnlich sah. Er stellte sich mit einem lockeren Spruch vor und verschwand im Arbeitszimmer. Die Feier ging weiter.

Auch interessant

Jetzt bestellen

Das neue, einfache und überall verfügbare
E-Paper der Berliner Zeitung.

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Aktuelle Videos
Neuste Bildergalerien Politik
Blog aus Istanbul
Dossier
Einflussnahme auf Abgeordnete im Bundestag. Inzwischen gilt es als ausgeschlossen, dass  Deutschland in dieser Legislaturperiode noch das UN-Abkommen  ratifizieren wird, das schon vor  zehn Jahren verabschiedet wurde.

Wir begleiten vier Abgeordnete, die in dieser Legislaturperiode erstmals im Bundestag sitzen.

Dossier
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

Aktuelle Nachrichten vom Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre mutmaßlichen Helfer.

Dossier

Edward Snowden hat den größten Spionage-Skandal der Geschichte aufgedeckt.

Meinung
Jobmarkt
Wohnen
Specials

Sonderbeilagen und Specials der Berliner Zeitung. Eine Auswahl besonderer Beilagen finden Sie nun auch online.

Anzeige