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Wahlkampf: AfD auf dem Weg zur zweitstärksten Kraft in Sachsen-Anhalt

Poggenburg

Der AfD-Landesvorsitzende von Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, ist auf dem Weg zur zweitstärksten Kraft.

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Draußen schneit es noch leise vor sich hin, drinnen ist schon großes Stühlerücken. Das prächtige Schloss Moritzburg in Zeitz, ein eleganter Nebenraum des Restaurants, Wahlkampfabend mit der AfD. Der Platz reicht nicht aus, es kommen immer noch Leute. Eine Kellnerin rennt hin und her. Mit dreißig Leuten habe man gerechnet, sagt sie. Aber nun? „Das ist ja das Doppelte und wird noch mehr. Wo sollen die denn alle hin?“

In der Ecke neben dem Kleiderständer hockt ein stämmiger Mann. Er hat einen Stuhl ergattert. Frage: „Warum sind Sie hier?“ Er sagt, er komme eigentlich aus Halberstadt, nicht aus Zeitz. „Wegen der Gemeinschaft“, sei er jetzt hier. Er fühle sich einfach wohl bei der AfD. Die redeten wie er. Die dächten wie er. Gleiche Wellenlänge. „Damit kann ich was anfangen.“ 39 Jahre alt, Angestellter, den Namen? Nein, den wolle er nicht sagen. Er sei zu Pegida gegangen in Dresden und zu Legida in Leipzig. Und nun gehe er eben zur AfD. Und wählen werde er die natürlich auch, aber sicher. „Es ist doch im Moment wie kurz vorm Ende der DDR“, sagt er. Ja, so sei die Stimmung im Lande. Die da oben machten, was sie wollten. Niemand höre mehr auf das Volk von denen. Früher habe er immer die CDU gewählt, immer. Aber das sei endgültig vorbei wegen Merkel. „Der Volksverräterin.“

17 Prozent für die AfD in Sachsen-Anhalt

Dann sagt er plötzlich nichts mehr, weil André Poggenburg zu sprechen beginnt. Er steht mitten im Raum, er trägt einen braunen Anzug. Poggenburg ist 40 Jahre alt, der Landesvorsitzende der AfD, von Beruf Unternehmer. Er leitet einen Betrieb, der Wärmetauscher repariert. In Sprechweise und Körperhaltung ähnelt er ein wenig dem FDP-Chef Christian Lindner. In dem, was er denkt und von sich gibt, garantiert nicht.

Es ist Poggenburgs Tag, sein Abend, er wirkt lässig und entspannt, alles läuft ja auch wie geschmiert. Am Morgen hat der MDR seine neuesten Umfrageergebnisse für die Landtagswahl Sachsen-Anhalt am 13. März veröffentlicht. 17 Prozent für die AfD, hieß es dort. Der seit Monaten andauernde Höhenflug geht weiter. Die Umfragen sind Poggenburgs Freunde. Alles läuft wie von selbst auf ihn und auf die AfD zu.

Nun spricht er. Im Plauderton plündert er die CDU aus. „Wir haben nichts gegen den einzelnen Flüchtling. Wir haben etwas gegen die verantwortungslose Politik.“ Das gefällt den Leuten und Poggenburg weiß das. „Von der AfD lernen, heißt siegen lernen“, sagt er frech. Der Saal applaudiert vergnügt. Er muss nur ernten.

Bei der politischen Konkurrenz herrscht Panik. Die Mehrheit der in Magdeburg regierenden CDU/SPD-Koalition schrumpft immer weiter zusammen. „Das wird noch mehr werden für uns“, sagt Poggenburg. Er reibt sich die Hände. Er spricht langsam und selbstsicher. „Wir peilen weiterhin 20 Prozent plus an.“

Lesen Sie im Folgenden, wie die große Koalition auf die Umfragewerte der AfD reagiert.

AfD könnte die große Koalition blockieren

Katrin Budde

Katrin Budde, SPD-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, könnte in den letzten Zügen noch von der AfD überholt werden.

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Nicht an den Haaren herbeigezogen. In Magdeburger Regierungskreisen heißt es, die CDU und ihr Ministerpräsident Reiner Haseloff seien „hochgradig nervös“. Schon seit der Jahreswende geht die Angst um, es könnte nicht einmal mehr für eine große Koalition reichen, weil eine Kraft strotzende AfD alles blockieren könnte. Für Rot-Rot-Grün schon gar nicht. „Haseloff sieht seine letzten Felle davonschwimmen“, heißt es in Magdeburg. Er mache Wahlkampf ohne Ende, aber es sei wie beim Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel. „Er tut und macht und rennt, und wo er auch auftaucht, wartet schon das riesengroße Flüchtlings-Thema und grinsend daneben steht der Igel von der AfD“, heißt es in Regierungskreisen. Und der Koalitionspartner SPD mit Spitzenkandidatin Katrin Budde? „Ist total schlecht aufgestellt und kriegt sowieso auf die Fresse.“

Als es in den Umfragen immer brenzliger wurde, schwenkte CDU-Ministerpräsident Haseloff auf die Linie des Bayern Horst Seehofer ein. Forderte auch Flüchtlingsobergrenzen für sein Bundesland. Und 7000 neue Stellen bei der Polizei. Er habe den „kleinen Seehofer“ gemacht, heißt es in Magdeburg. „Es wird ihnen nichts nützen“, sagt AfD-Chef Poggenburg im Restaurantsaal des Moritzburger Schlosses. „Die Leute wissen, wer das Original ist.“

Während er spricht, über sich, über den Landesverband, über den Bundesverband, will ein Mann mittleren Alters eine Frage loswerden. Er steht auf. Was er denn für Unterlagen brauche, um in die AfD einzutreten? „Brauche ich ein polizeiliches Führungszeugnis?“ Dann meldet sich noch einer, der auch eintreten will.

Poggenburg hat es geschafft, genau die Leute anzusprechen, die offensichtlich enttäuscht von der CDU sind, aber nicht die NPD wählen würden. Etliche im Raum waren früher CDU-Wähler. Poggenburg, der auch ganz anders kann, hat seinen Ton genau abgestimmt, es ist der Sound für die kleinen Leute: radikal, aber nicht NPD, ein wenig antiwestdeutsch, aber nicht wie bei Pegida. Einer von uns, immer freundlich, ein wenig jungenhaft und manchmal fast unbedarft wirkend. „Erdverbundener als die meisten von uns", beschrieb ihn Bundesparteivize Alexander Gauland einmal.

Lesen Sie im Folgenden, welche Themen Poggenburg mit der AfD verfolgt.

Privatleben spielt keine Rolle

Höcke und Poggenburg

Der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag, Björn Höcke (r.) und Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat, Andre Poggenburg (l.)

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Aber der Mann hat auch eine andere Seite. Nur muss er die momentan nicht abrufen. Ehemalige Mitstreiter haben ihm vorgeworfen, er könne rüde, ruppig, intrigant und verletzend sein. Mit dem Thüringer AfDler Björn Höcke unterschrieb er im Frühjahr 2015 die Erfurter Resolution, ein Papier, das den deutschnationalen Teil der AfD sammelte und mit dafür sorgte, dass im August die alte AfD-Führung um Bernd Lucke aus der Partei gejagt wurde. Bei Demonstrationen gab er auch gern den Einpeitscher. Im Januar war er schon einmal in Zeitz. Da klang er noch anders. „Wer muss weg?", rief Poggenburg. „Merkel muss weg!", antworteten fast 200 Demonstranten. „Kriminelle Ausländer", rief Poggenburg. „Raus, raus, raus", antwortete die Menge.

Seinetwegen, Poggenburg ist im Bundesvorstand der AfD, sind vergangenen Sommer zehn Parteimitglieder ausgetreten. „Wir können nicht mehr Mitglied einer Partei sein, in deren Vorstand mit André Poggenburg mindestens ein Mitglied gewählt wurde, der als AfD-Funktionär auf Veranstaltungen gemeinsam mit Neonazis aufgetreten ist", erklärten zehn baden-württembergische AfD-Mitglieder in einem offenen Brief. Poggenburg wolle aus der AfD einen „revolutionären Kampfverein" machen, meinte der EU-Abgeordnete Bernd Kölmel.

Auch sein Privatleben spielt keine Rolle. Darüber spricht er nur wenig, macht fast ein Geheimnis daraus. Bei ihm sei mehrfach eingebrochen worden, sagt er an diesem Abend im Moritzburger Schloss. Er vermutet politische Motive, sagt, er gebe nichts Privates preis aus Schutz. Er sei unverheiratet und seit 22 Jahren Unternehmer. Punkt. Dass gegen ihn wegen nicht beglichener Schulden mehrfach Haftbefehl erlassen worden war, wie die Mitteldeutsche Zeitung schrieb, ist nicht der Rede wert.

Stattdessen, er dreht sich sich wieder ganz den Zuhörern im Raum zu, geht es jetzt um mehr direkte Demokratie, gegen das repräsentative Parteiensystem, für eine Hinwendung zu Russland, gegen zu viel USA-Nähe und dann - gegen die Frühsexualisierung in den Kindergärten, ein Thema, bei dem der Saal fast laut wird. Gegen diesen „Irrsinn“, dass kleine Kinder in den Grundschulen schon mit Plastepenissen herummachen müssten. Und gegen die „Lügenpresse“, - „ja, die haben wir in Sachsen-Anhalt“, die über Frauke Petry und ihren angeblichen Schießbefehl („völliger Blödsinn“) hergefallen sei und dann geschwiegen habe, als Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer von bewaffneter Grenzsicherung geredet habe.

„So isses“, ruft ein Mann im Saal. Der Rest applaudiert. Poggenburg lächelt. Er reibt sich die Hände. Wahlkampf wie von selbst.

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