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Wenn das Mitgefühl für Flüchtlinge verschwindet

Magazin-Angst und Hass

Angst und Hass erschweren die Sicht in Deutschland.

Foto:

Getty Images/iStockphoto

Auf meinem Kopf stehen Dutzende silberne Folien ab. Ich sehe aus wie ein Fossil oder wie Außerirdische in Science-Fiction-Filmen mit kleinem Budget. Die Kunden im Friseurgeschäft sitzen einander zugewandt, aber durch Spiegel getrennt. Man sieht sich nicht, man hört sich gut. Ich entspanne, während meine Strähnchen unter der Folie erblonden. Die andere Spiegel-Seite redet empört über Flüchtlinge: 600 Euro bekommen die sofort in die Hand, alles bekommen die umsonst, während es uns Deutschen immer schlechter geht.

Ich will hier keine Auseinandersetzung. Aber ich weiß, dass ich mich schlecht fühlen werde, wenn ich jetzt nichts sage. Deshalb mische ich mich als unsichtbare Stimme ein: Es gebe viel weniger Geld für die Flüchtlinge, oft klappe die Auszahlung nicht. Im Unterschied zu uns besäßen die Flüchtlinge nicht einmal das Notwendigste und hätten große Strapazen hinter sich. Die Sätze stolpern, ich bin nicht gelassen.
Auf der anderen Seite ist Ruhe. Dann mustert mich eine Frau durch die Lücke zwischen zwei Spiegeln: „Sie sind für Flüchtlinge? Ich nicht. Wir Deutschen sind nach dem Krieg nicht geflüchtet. Wir Deutschen haben unser Land wieder aufgebaut. Was sagen Sie dazu?“ Durch mein seltsames Aussehen wirkt die Situation wie eine groteske Filmszene. Was sage ich dazu? 

Ich habe den Glauben an die Kraft der Argumente fast verloren. Hat es Sinn, dieser Frau etwas von den „Rattenlinien“ zu erzählen? Das waren Fluchtrouten vermögender Nazis und Kollaborateure nach Kriegsende, zumeist nach Argentinien, oft mit der Hilfe des Vatikans – wer Geld und Grund zum Fliehen hatte, ist geflohen. Dass Deutsche viele Länder zerstört hatten und nach Kriegsende dort Feinde blieben, denen man kein Asyl gewährt, dass die meisten Deutschen also gar nicht hätten flüchten können –  würde die Frau den Gedanken folgen wollen? Würde es sie interessieren, dass Deutschland 2016  für die Flüchtlinge  etwa 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgeben wird?
Ich bin der Typ, der leicht mit Menschen ins Gespräch kommt. Ich mag Zufallsbegegnungen, die lachend enden. Irgendwie ist das vorbei. Fragen bedeuten kein Interesse an meiner Meinung: Sie sind von Vorurteilen vergiftet oder sie sind Tests. Leute wollen herausfinden, ob ich auf ihrer Seite bin.
Das ging los mit den Handys der Flüchtlinge. „Wieso haben die denn alle eins? Und auch noch so teure!“ Ich erklärte, dass sich Flüchtende mit Informationen auf dem Laufenden halten müssen, dass sie mit der Familie Kontakt halten, das Kriegsgeschehen verfolgen und dass das alles nur mit einem Smartphone geht. Dennoch erhellte sich kein Gesicht.

Suche nach einem Grund

Eine Verkäuferin zu mir, von Frau zu Frau: „Haben Sie gesehen, welchen Müll die Flüchtlinge hinterlassen? Wie das überall aussieht, wenn die weiterziehen?“ Ich habe das auch im Fernsehen gesehen. Flüchtende kommen erschöpft irgendwo an und brechen erschöpft nach irgendwohin auf. Was sie nicht mehr brauchen oder tragen können, lassen sie liegen. Sie schleppen das Wichtigste – Kinder, Decken, Gepäck. Sie haben keine Hand frei für Mülltüten, und auf ihrem Weg über Gleise, Trampelpfade und Autobahnen stehen keine Abfalltonnen. Die Verkäuferin könnte sich die Frage selbst beantworten. Aber sie will nicht.
Ich weiß nicht mehr, wie Leute, die ich zu kennen glaube, auf Flüchtende reagieren. „Aber das Foto mit diesem ertrunkenen kleinen Jungen, das ist doch eine Fälschung, Frau Sylvester. Ich meine – wenn der wirklich ertrunken wäre, dann müssten seine Sachen doch viel nasser sein!“ Das sagt eine sympathische Frau aus dem gehobenen Mittelstand. Sie kann nicht wissen, wie nass dieses Kind gewesen ist. Es gab nur ein Foto. Sie sucht nach einem Grund, mit Fremden kein Mitgefühl haben zu müssen. 

Ein Besoffener öffnet in der Berliner S-Bahn-Linie 41 seine Hose und pinkelt die Kinder einer Flüchtlingsfrau an, fünf und fünfzehn Jahre alt sollen sie gewesen sein. Als Angela Merkel vor der Flüchtlingsunterkunft in Heidenau eintrifft, stehen ihr wütende Leute gegenüber, mit Schildern auf denen „Volksverräterin“ steht. Eine blonde Frau um die dreißig schreit der Kanzlerin hinterher: „Schlampe!“ „Fotze!“
Wenn das Mitgefühl verschwindet, kommt die Schamlosigkeit zu großen Auftritten.

Eine Gesellschaft ohne Einfühlungsvermögen erkaltet, weil sich kein Gemeinsinn ausbildet, keine Solidarität, kein Respekt gegenüber Schwächeren. Erst das Mitgefühl macht den Menschen zum sozialen Wesen.

Ich lese jeden Tag im Netz die Kommentare über Flüchtende, Medien und Politiker. Da sind  Bündnisse entstanden: überwiegend eifernd, hasserfüllt, obszön, aufwiegelnd. Ich denke, dass ich als Journalistin wissen muss, was die Deutschen denken, mit denen ich zur selben Zeit im selben Land lebe. Es sind doch auch meine Leute.

Im Kollegenkreis werden Rückzüge erklärt: „Ich nehme das nicht mehr zur Kenntnis, es belastet mich sonst“, sagt einer. „Das ist doch nur der moderne Stammtisch“, sagt ein anderer, „man lässt Wut raus und fühlt sich besser. War schon immer so, bleibt so, muss ich nicht haben.“ Eine Kollegin: „Wenn ich immer die Kommentare zu meinen Texten lesen würde, könnte ich nicht mehr schreiben.“

Unverschämte Kommentare

Im letzten Jahr begrenzte fast jede zweite Zeitung die Kommentarfunktion auf ihrer Website: Redakteure konnten die Flut strafrechtlich relevanter Kommentare nicht mehr bewältigen. Die Berliner Zeitung geht jetzt juristisch gegen Leser vor, die Redakteure bedrohen und diffamieren. Ein Kriminalreporter hatte über Ermittlungsergebnisse der Polizei geschrieben – demnach war die Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen erfunden. Ein Leser namens Speedball mailt danach: „Falls es Ihnen entgangen ist: Wir reden über eine Familie von Russlanddeutschen – also ‚Blutdeutschen‘ genau wie Sie. Ich dachte immer, echte Deutsche halten zusammen.“ MissKittyKawaii twittert dem Reporter: „Erweise Deutschland einen Dienst und scheide freiwillig aus dem Leben.“

Kopp online, das Internet-Portal des Kopp-Verlags („Hier finden Sie die Fakten und Meinungen, die in den Mainstream-Medien tabuisiert und unterdrückt werden.“), greift die Debatte in der Berliner Zeitung auf.  Die Aufforderung zum Selbstmord wird dort „saftiger Kommentar“ genannt, es gebe auch Grund dafür: „Die Zeitung leistet sich immer wieder abwegige Standpunkte, die provozieren und aufregen.“
Selber schuld also.

Man kann zusehen, wie sich die Meinungen polarisieren. Eine Seite ruft der anderen Parolen über die Mauer: „Wir wollen keine Asylantenheime!“ gegen „Wir wollen keine Nazi-Schweine!“ Weiß jemand, wie die Kräfteverhältnisse jetzt sind? Ändern sie sich? Die meisten Deutschen, glaube ich, sind weder fremdenfeindlich noch rassistisch. Aber sie sind gleichgültig, feige und auf diffuse Art unzufrieden. Immer mehr Leute argumentieren jetzt gegen unsere Staatsform: die Demokratie? Was wollen sie stattdessen?
Ich wandere wieder durch das Netz.

Alexander Kissler schreibt in Cicero am 23. Februar 2016: „Sind wir Zeuge einer demokratisch nicht gedeckten, fundamentalen Veränderung des Staatsvolkes? Treibt Merkel diese offensiv voran? Und wer hätte das Recht und die Pflicht, ihr in die Speichen zu greifen? Wäre Deutschland heute eine Republik, die zu streiten und zu debattieren vermag und nicht nur zu moralisieren und zu diffamieren, würden genau diese essenziellen Fragen nun breit und offen diskutiert. Jede Wette: Es wird nicht dazu kommen.“

Der Text ist gut geschrieben und spielt ein bisschen mit dem Feuer: 3 581 Likes. Der am meisten geäußerte Gedanke in 108 Kommentaren: Wir haben gar keine Demokratie. Es gibt keine Volksentscheide. Der Volkswille gilt nichts.  Unter Demokratie verstehen die Leute das, was für sie selbst gut ist.

Die Kommentare werden unverschämt. Nur ein Zitat aus einem der Kommentare: „Ich möchte nicht, dass wie 1914 der Kronprinz Franz Josef und seine Frau, oder 1963 John F. Kennedy oder 1968 Martin Luther King Frau Merkel-Sauer einem Attentat zum Opfer fällt. Sie ist schwer krank, mit einer Holocaust-Psychose und deutlich zunehmender Altersdemenz belastet.“

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt: "Maßlose Behauptungen" ++

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