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Im Alter von 71 Jahren: DDR-Oppositionspolitiker und Stasi-Spitzel Wolfgang Schnur ist tot

Wolfgang Schnur nach seinem Sturz: Der Politstar fiel über seine Tätigkeit als Spitzenspitzel des MfS.

Wolfgang Schnur nach seinem Sturz: Der Politstar fiel über seine Tätigkeit als Spitzenspitzel des MfS.

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dpa

Berlin/Wien -

Wolfgang Schnur, eine der schillerndsten Figuren der DDR-Wendejahre, ist, wie jetzt bekannt wurde, in der Nacht zum Sonnabend im Alter von 71 Jahren in Wien an Krebs gestorben. Das sagte ein Sprecher der Bestattung Wien, eines städtischen Bestattungsunternehmens, am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Zuerst hatte die „Bild“-Zeitung darüber berichtet.

Zusammen mit den Pfarrern Rainer Eppelmann und Friedrich Schorlemmer gründete er Ende Oktober 1989 die Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“, die später in dem Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“ aufging. Schnur, der in der DDR eine steile Karriere als Jurist und Anwalt absolviert hatte, galt als Hoffnungsträger für den damaligen CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl. Schnur war es, der Angela Merkel als Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs einstellte.

Rücktritt vier Tage vor der Wahl

Wie sich jedoch herausstellte, war Schnur seit 1965 als Inoffizieller Mitarbeiter unter den Decknamen „Torsten“ und „Dr. Ralf Schirmer“ für die Staatssicherheit tätig, bespitzelte Mandanten und kirchliche Gruppen und lieferte ? oft mehrmals pro Woche ? geheime Berichte über sie. Nach seinem Examen war Schnur zunächst als Rechtsanwalt in Binz auf Rügen tätig. Später kam er nach Rostock, wo er 1978 das in der DDR äußerst seltene Privileg genoss, die Zulassung für eine eigene Kanzlei zu erhalten. Schnur, der früh in der Kirche aktiv war, und über die Grenzen der DDR hinweg einen Ruf als „Kirchenanwalt“ genoss, bekam Orden für seine Zubringerdienste. Noch im Herbst 1989 legte er Dossiers für den DDR-Geheimdienst an.

Vier Tage vor der Volkskammerwahl im März 1990, nachdem der Spiegel Schnurs Stasi-Tätigkeit enthüllte, trat Schnur zurück, leugnete erst die Zusammenarbeit und bestand dann darauf, niemandem geschadet zu haben. Laut Berichten der Abteilung XX des MfS war er allerdings zuständig für die Bespitzelung und Zersetzung kirchlicher und oppositioneller Gruppen. Anfang der 1990er-Jahre wurde Schnur wegen Verrats von Mandanten die Anwaltszulassung aberkannt. Im März 1996 verurteilte das Berliner Landgericht Schnur wegen „politischer Verdächtigung“ zum Nachteil seiner damaligen Mandanten Stephan Krawczyk und Freya Klier zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung.

Seitdem hat sich Schnur als Geschäftsführer, Investitions- und Projektberater, Firmengründer und Goldstaubhändler verdingt. Er führte ein Bekleidungs- und Handelsunternehmen in Dessau, versuchte sich in der Hotel- und Baubranche und als Immobilienmanager. Viele seiner Unternehmungen erwiesen sich als Luftnummern – 1999 hatte sich Schnur wegen Betrugsverdachts zu verantworten, nachdem er bei einer Privatbank in Berlin mit wahrscheinlich gefälschten Wertpapieren einen Millionenkredit aufzunehmen versuchte.

Schnur, der 1944 in Stettin geboren wurde, wuchs als Vollwaise auf, nachdem der Vater umgekommen und die jüdische Mutter in den Westen geflohen war. Er wurde 1946 von Pflegeeltern aufgenommen und sah seine leibliche Mutter erst 1961 wieder. Er lernte zuerst den Maurerberuf, holte das Abitur auf der Abendschule nach und beendete ein Fernstudium als Diplom-Jurist an der Berliner Humboldt-Universität. Schnur hatte fünf Kinder, vier aus der ersten Ehe und ein weiteres aus einer langen Beziehung. (red/dpa)


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