05.01.2012

Wulff-Interview: Der empörte Präsident

Von Thomas Kröter
Bundespräsident Christian Wulff (links) im Interview (04.01.2012).
Bundespräsident Christian Wulff (links) im Interview (04.01.2012).
Foto: afp

Bundespräsident Christian Wulff gibt sich im TV-Interview reumütig, reagiert aber gereizt auf Nachfragen – und bleibt sich damit in entscheidenden Momenten treu.

Es sind dann doch nicht bloß die angekündigten 15, sondern mehr als 21 Minuten (ARD-Mediathek). Und die beiden Interviewer geben Christian Wulff keinen Präsidialrabatt. Am Schluss scheinen alle drei froh: Aus, endlich! Aber die Befangenheit ist nicht gewichen. Kein lockerer Das-Mikro-ist-ja-aus-Plausch. Keine entspannten Blicke. Wulff schaut von seinen Interviewern weg. Bettina Schausten (ZDF) und Ulrich Deppendorf (ARD) meiden den Augenkontakt auch zu einander. Jetzt bloß keine Zeichen von Triumph! Der Bundespräsident legt die Hände ineinander. Dann wird abgeblendet.

Begonnen hat Christian Wulff mit einem klaren, festen „Nein“. Ein Rücktritt kommt für ihn nicht in Frage. Er will „nach fünf Jahren eine Bilanz vorlegen, dass ich ein guter, erfolgreicher Bundespräsident war“. In den Wochen aber, die sich die Affäre um seinen Privatkredit und die Journalistenbeschimpfung schon hin zieht, behauptet der Schlossherr, sei ihm nicht eine Sekunde der Gedanke durch den Kopf geschossen, vorzeitig auszuziehen. Entschlossen soll das klingen. Und das ist er wohl auch.

Aber, da taucht sie wieder auf, die Frage, die Wulff nicht loswerden wird: Ist er auch glaubwürdig? Wenn einer so unter Druck steht, zweifelt er nie? Wulff, in dunkelblauem Anzug mit blauer Krawatte, ist heiser, seiner Stimme das Bemühen um Selbstbeherrschung eingeprägt, Schultern und Arme gespannt vor Konzentration. Dieser Mann will selbst in den dunkelsten Minuten nicht mal kurz gedacht haben: Warum tue ich mir das an?

Wulff erklärt sich im TV

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Jetzt aber sitzt er, das Haupthaar frisch geschnitten, hell ausgeleuchtet im Fernsehstudio, roter Hintergrund mit Hauptstadtsilhouetten. Die Leiter der Berliner Vertretungen von ARD und ZDF nebeneinander, ihm gegenüber. Wenigstens optisch soll der Eindruck vermieden werden, da werde einer in die Zange genommen am Dreieckstisch im Studio. Wird er aber doch.

"Ein schwerer Fehler"

Ja, der Anruf beim Chefredakteur der Bild-Zeitung sei ein „schwerer Fehler“ gewesen, „der mir leid tut, für den ich mich entschuldige“, räumt er ein. Mit seinem Amtsverständnis sei so ein Verhalten nicht vereinbar. Aber auch im Moment öffentlicher Reuebekundung bleibt sich Wulff treu. Er bittet nicht um Entschuldigung. Er entschuldigt sich.

Nach diesem Anfang wird er das Wort „ich“ kaum noch in den Mund nehmen: „Man“ lerne, „man“ nehme sich vor... Da enthüllt die Sprache mehr von der inneren Abwehr des Sprechers als er preisgeben möchte. An manchen Stellen wird der Gast auf dem heißen Stuhl sogar offensiv. Zumal, wenn es um die Einzelheiten des Falles und den Vorwurf der „Salamitaktik“ geht.

Unsere Präsidenten - warum sie gingen

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400 Fragen habe er bekommen, sagt Wulff. Die könne er nicht anders beantworten als – scheibchenweise. Dass er auch die ersten Fragen immer nur beantwortete, wenn es nicht anders ging – vergessen. Er empört sich, was da gefragt werde: Was wo gegessen worden sei, wer seine Hochzeiten bezahlt habe. So viele Einzelheiten, ärgert sich Wulff. Nun sollen die Antworten nicht mehr nur für Journalisten, sondern für alle im Internet einsehbar sei. Da wird unter der konzentrierten Oberfläche von Höflichkeit ein Rest Empörung spürbar.

Dieses Gefühl lässt den Mann, der früher gern mit einen Ruhepuls von 60 Schlägen in der Minute prahlte, einen Flüchtigkeitsfehler machen. Der Präsident gibt einmal nicht nur zu, was nicht mehr zu leugnen ist. Er selbst bricht ein Tabu, das die seriösen Medien bislang beachtet haben. Er spricht von den waghalsigen Anschuldigungen, die im Internet verbreitet würden und deutet „Fantasien“ an, die über seine Ehefrau verbreitet würden. Diese Gefühlswallung legt den Schluss nahe: Da ist einer eben doch mehr als nur – durchaus verständlicherweise – empört über die tatsächliche oder angebliche Verletzung seiner Privatsphäre.

Rhetorisches Übermaß

Im Grunde seines Herzens empfindet Wulff Kritik an seiner Person wohl als Majestätsbeleidigung. Ein Satz bestätigt dies in seinem rhetorischen Übermaß: „Es gibt auch Menschenrechte – selbst für Bundespräsidenten.“ Dass an die Inhaber öffentlicher Ämter, selbst wenn sie „nur“ Ministerpräsident sind und nicht Staatsoberhaupt, andere Maßstäbe angelegt werden als an Herrn und Frau Mustermann – mit dieser Zumutung hat Christian Wulff Probleme.

Wulffs mögliche Nachfolger

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Er mag nicht „Präsident in einem Land sein, wo sich jemand von seinen Freunden kein Geld mehr leihen kann“. Und wenn Politiker nicht mehr bei Freunden übernachten dürften, wäre das für Wulff eine andere Republik. Als Beispiel nennt er einen Aufenthalt auf Norderney. Dass im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte seine Familienferien in Villen von Millionärsfreunden auf Mallorca und in Florida stehen – auch dies scheint ihm entfallen. Als Bettina Schausten fragt, warum er den Freunden, bei denen er übernachte, denn keinen Unkostenbeitrag bezahle, fragt er zurück: „Tun Sie das?“ Über das postwendende „Ja“ ist er sichtlich erstaunt.

Dann, kurz vor Schluss des Gesprächs artikuliert Christian Wulff seine Empörung offen. Ob er nun ein Präsident auf Bewährung sei, wird er gefragt. „Den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig“, sagt er in kaltem Juristendeutsch. Die Rolle des reuigen Sünders hat er abgelegt. Nun klingt er schneidend. Aber dann kehrt Christian Wulff doch wieder den kampferprobtem Politiker heraus: „Wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen.“ Er scheint die Hitze zu mögen – wenn er bloß nicht so abgespannt aussähe.

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