17.02.2012

Wulff-Rücktritt: Merkels Unglücks-Präsident beteuert seine Unschuld

Von Bettina Vestring
Bundespräsident Christian Wulff spricht neben seiner Frau Bettina. Im Schloss Bellevue verlas er seine Rücktrittserklärung.
Bundespräsident Christian Wulff spricht neben seiner Frau Bettina. Im Schloss Bellevue verlas er seine Rücktrittserklärung.
Foto: dpa

Bundespräsident Christian Wulff zieht die Konsequenz aus den strafrechtlichen Ermittlungen gegen ihn: Am Vormittag tritt er in Berlin zurück. Was bleibt ist ein Scherbenhaufen. Besonders groß ist der Schaden für die Kanzlerin.

Endlich. Christian Wulff, der seit Monaten wegen seiner Schnäppchenjagden umstrittene Bundespräsident, ist zurücktreten. In Begleitung seiner Frau Bettina trat er im Schloss Bellevue ein letztes Mal an das Rednerpult mit dem goldenen Bundesadler. Gefasst, kontrolliert, beinahe ein bisschen distanziert las er seine Erklärung vor. Nur seine Hände, die immer wieder die Blätter auf dem Pult zu Recht rückten, verrieten seine Anspannung.

Kanzlerin Angela Merkel bedauerte den Rücktritt. Sie wolle versuchend, gemeinsam mit der Opposition einen Nachfolger zu finden. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein Bundespräsident, der erste Mann im Staat, wegen strafrechtlicher Vorwürfe seinen Hut nehmen musste. Die Hannoveraner Staatsanwaltschaft kündigte an, ungeachtet des Rücktritts ihre Ermittlungen gegen Wulff wegen Vorteilsannahme fortzusetzen.

Reaktionen auf den Wulff-Rücktritt
Bundeskanzlerin Angela Merkel lobt Wulff, er habe in seiner Amtszeit bezüglich der Integration wichtige Impulse gesetzt. Tatsächlich ist es eine Stärke unseres Rechtsstaates, dass er alle gleichstellt.
Foto: dapd
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

"Ich habe den Rücktritt des Bundespräsidenten mit großem Respekt und persönlichem Bedauern zur Kenntnis genommen". Wulff habe in seiner Amtszeit bezüglich der Integration wichtige Impulse gesetzt. "Tatsächlich ist es eine Stärke unseres Rechtsstaates, dass er alle gleichstellt". Wulff stelle seine Überzeugung, dass er juristisch korrekt gehandelt hat, hinter das Amt zurück, so Merkel.

Schon am Samstag will die Kanzlerin gemeinsam mit FDP-Chef Philipp Rösler und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der das Amt des Bundespräsidenten kommissarisch übernimmt, über Wulffs Nachfolge beraten. Für Merkel ist der Skandal um Wulff eine schwere Belastung: Wulff war ihr Kandidat, den sie 2010 gegen den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck durchsetzte.

Wulff zieht Konsequenz aus dem anhaltenden Skandal

Deutschland brauche einen Präsidenten, der „vom Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen wird“, sagte Wulff. „Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen hat gezeigt, dass dieses Vertrauen und damit meine Wirkungsmöglichkeiten nachhaltig beeinträchtigt sind.“ Aus diesem Grund sei es ihm nicht mehr möglich, das Amt des Bundespräsidenten nach innen und nach außen so wahrzunehmen, wie es notwendig sei.

Wulff - der Rücktritt in Bildern

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Mit seiner kurzen Erklärung machte Wulff einen wahrhaft überfälligen Schritt: Seit Monaten schon gab es immer neue Berichte über Gefälligkeiten, die der CDU-Politiker in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident angenommen hat. Dazu zählten Urlaubsaufenthalte auf Kosten befreundeter Unternehmer, die Nutzung eines Handys und besonders vorteilhafte Konditionen bei Autos und Bankkrediten.

Bundespräsident Christian Wulff: Eine Amtszeit in Zitaten
Drei Tage vor dem Rücktritt: Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina am 14. Februar 2012  auf dem Flughafen von Rom.
Foto: dpa

„Aus Niederlagen habe ich immer mehr gelernt als aus Siegen.“
(Der neu gewählte Bundespräsident Christian Wulff am 30. Juni 2010 in seiner ersten Rede als Staatsoberhaupt zum Ende der 14. Bundesversammlung, in der er drei Wahlgänge brauchte)

Erst am Donnerstag hatte die Hannoveraner Staatsanwaltschaft die Aufhebung von Wulffs Immunität beantragt. Gegen Wulff und den Filmunternehmer David Groenewold bestehe der Anfangsverdacht der Vorteilsannahme beziehungsweise Vorteilsgewährung, hieß es in einer Erklärung. Groenewold soll Wulff Berichten zufolge 2007 einen Sylt-Urlaub bezahlt haben.

Wulff: Habe mich stets rechtlich korrekt verhalten

Wulffs Anwälte hatten dazu erklärt, der damalige niedersächsische Ministerpräsident habe die Groenewold die Hotelkosten damals in bar erstattet. Groenewold soll zu Wulffs Zeiten als Ministerpräsident eine Bürgschaft des Landes Niedersachsen erhalten haben. Bundespräsident Norbert Lammert hatte dazu am Vormittag erklärt, der Bundestag solle gleich zu Beginn seiner nächsten Sitzungswoche über die Aufhebung der Immunität entscheiden. Das Parlament tritt am 28. Februar das nächste Mal zusammen.

Wulff selbst wies auch am Freitag die Vorwürfe zurück. „Was die anstehende rechtliche Klärung angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie zu einer vollständigen Entlastung führen wird“, sagte er. Er habe sich rechtlich stets korrekt verhalten, habe zwar Fehler gemacht, aber er sei immer aufrichtig gewesen. Nach seiner kurzen Erklärung verlies Wulff das Rednerpult, ohne Fragen zu beantworten. Neben seiner Frau Bettina gehend ging er zügigen Schrittes aus dem Saal.

Wulffs mögliche Nachfolger

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Kanzlerin Merkel reagierte auf den Rücktritt mit „persönlich tiefem Bedauern“.  „Wulff und seine Frau haben Deutschland im In- und Ausland würdig vertreten“, sagte sie. Bereits am Samstag will die Kanzlerin die Spitzen der Koalition treffen, um über die Nachfolge zu beraten.

Merkel kündigte an, auch das Gespräch mit der Opposition suchen zu wollen. „wir wollen versuchen, einen gemeinsamen Kandidaten für das Amt vorschlagen zu können“, sagte die CDU-Vorsitzende. In der Bundesversammlung hat Schwarz-Gelb nur noch eine knappe Mehrheit (mit rtr/dpa)

Unsere Präsidenten - warum sie gingen

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