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Zeltstadt in Idomeni: Der Ort der Ungewissheit und Kälte

Entlang der Bahngleise ist eine Zeltstadt entstanden, in der mehr als 10000 Flüchtlinge hausen.

Entlang der Bahngleise ist eine Zeltstadt entstanden, in der mehr als 10000 Flüchtlinge hausen.

Foto:

dpa

Idomeni -

Die Festung Europa beginnt hinter einem Weizenfeld. Ein Stacheldrahtzaun führt an der Feldkante entlang, es folgt ein schmaler Weg, auf dem Militärjeeps hin- und herfahren, dann kommt ein zweiter Zaun, dahinter liegt ein Weinberg. Der Weizen wächst auf griechischer Erde, der Wein in Mazedonien.

Von seinem Zelt aus kann Amir die Rebstöcke auf der anderen Seite sehen. Er sagt, er trinke ja keinen Wein, aber dieser Weinberg sehe schön aus. Amir hat sein Zelt so aufgestellt, dass der Eingang zur Grenze zeigt, den Rest des riesigen Lagers sieht er nicht, wenn er auf seiner Matratze liegt und wartet, dass der Tag vergeht. „Ich kann das nicht ständig sehen, diese ganzen Leute, diese Hilflosigkeit“, sagt er.

Symbol der Flüchtlingskrise

Amir lebt jetzt schon seit zwei Wochen in dem Lager im Norden Griechenlands, das zum traurigen Symbol der Flüchtlingskrise geworden ist. Seit Mazedonien seine Grenze geschlossen hat, harren hier mehr als zehntausend Flüchtlinge auf schlammigen Feldern aus und warten auf ein Wunder.

Man riecht das Lager schon lange, bevor man es zu sehen bekommt. Es ist eine Mischung aus schwelendem, feuchtem Holz, verbranntem Spiritus, Fäkalien und orientalischem Tabak. Seit einer Woche stehen schwere, dunkelgraue Wolken über Idomeni, immer wieder fällt Regen. Die Wolken drücken den Dunst der Menschen zur Erde zurück, tauchen das Lager in ein milchiges Licht.

Für Kinder wird selbst das furchtbarste Leben normal

Männer schleppen Feuerholz heran, das sie auf Plastikplanen durch den Matsch ziehen, Frauen stehen an der Wasserstelle, schrubben verbrannte Töpfe. Mädchen balancieren Wasserschüsseln in den Armen, Jungen bauen aus Holzpaletten einen neuen Boden für das Zelt. Kinder tollen herum, als wäre dieses Lager der tollste Spielplatz der Welt. Sie setzen Papierschiffe in einen schmalen Wasserlauf, rennen hinterher, schreien sich vor Begeisterung die Kehlen wund. Es ist erstaunlich, wie schnell sogar das furchtbarste Leben für ein Kind normal werden kann.

Für Amir ist in diesen zwei Wochen gar nichts normal geworden. Er ist 24, Medizinstudent aus Damaskus, er sagt, er wollte eigentlich gar nicht weg von zu Hause. Aber dann habe ihn vor drei Monaten seine Schwester aus Dortmund angerufen. Sie rief ins Telefon: „Komm her, sei kein Idiot!“

Als er dann endlich abreiste, war es zu spät. Amir hat ein kleines Radio, mit dem er die internationalen Nachrichten verfolgt. Er hört von den Verhandlungen, die in Europa stattfinden, dem Plan der Türken, alle syrischen Flüchtlinge zurückzuholen. Er hat Angst davor, sagt er, dass die Europäer sich mit den Türken einigen, weil er dann wieder dahin muss, wo er seine Flucht vor vier Wochen begann.

  1. Der Ort der Ungewissheit und Kälte
  2. Angst als ständiger Begleiter
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