Weit und breit keine Großstadt: Langenwetzendorf im Thüringer Vogtland zählt 3 596 Einwohner – verteilt auf zehn Orte. Foto: Anne Lena Mösken
Weit und breit keine Großstadt: Langenwetzendorf im Thüringer Vogtland zählt 3 596 Einwohner – verteilt auf zehn Orte. Foto: Anne Lena Mösken
Langenwetzendorf –
Die Bevölkerung auf dem Land wird weiter deutlich abnehmen, besagt eine neue Studie. Der rapide demografische Wandel bedroht zahlreiche kleine Orte. Nicht alle können gerettet werden.
Für Bürgermeister Kai Dittmann liegt die Zukunft seines Dorfes zwischen den grauen Deckeln eines Aktenordners. Dittmann sitzt im Gemeindehaus von Langenwetzendorf, einem Dorf im Thüringer Vogtland, und tippt auf eine lange Tabelle. Ganz unten steht eine Zahl: 290.000 Euro. So viel könnte Langenwetzendorf im Jahr zusätzlich einnehmen, hätte es 1000 Einwohner mehr. Gerade bemüht sich Dittmann daher, fünf Dörfer aus der Umgebung einzugemeinden, also in seine bereits aus zehn Orten zusammengesetzte Gemeinde aufzunehmen. Das ist ein Zukunftskonzept für schrumpfende ländliche Kommunen, nicht nur in Thüringen.
...strömen junge Menschen vom Land in die Städte, auf der Suche nach einem besseren Leben. Den Heimatdörfern ging das selten an die Substanz, weil es genug Nachwuchs gab. Das Bild hat sich völlig gewandelt: „In keiner einzigen ländlichen Region Deutschlands gleicht die Geburtenzahl den Bevölkerungsschwund mehr aus“, sagte Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung am Montag in Berlin.
Ganz Deutschland verliert Einwohner
– im Jahr 2050 leben voraussichtlich zwölf Millionen Menschen weniger hierzulande – aber auf dem Land verläuft diese Entwicklung schneller und radikaler als bisher gedacht. Das ist ein Ergebnis der Studie „Die Zukunft der Dörfer – zwischen Stabilität und demografischem Niedergang“, die Klingholz zusammen mit Klaus Töpfer vorstellte. Der ehemalige Bundesumweltminister Töpfer ist Vorstandsvorsitzender der aus thüringischen Landesmitteln finanzierten Stiftung Schloss Ettersburg, die Strategien für eine Gesellschaft im demografischen Wandel sucht.
Besonders dramatisch...
...ist die Entwicklung in Ostdeutschland. Im Untersuchungszeitraum der Studie zwischen 2003 und 2008 verloren dort fast zwei Drittel der ländlichen Gemeinden mehr als fünf Prozent ihrer Einwohner. Zum Vergleich: Der deutsche Mittelwert, wieder bezogen auf zwei Drittel der Dörfer, lag bei gut einem Prozent Schwund. Aber auch im Westen der Republik sind einige Regionen stark betroffen. Dazu zählen Gemeinden in der Hocheifel, in der Südwestpfalz, in der Oberpfalz, im Bayerischen Wald und im Harz.
Die Dörfer...
...haben ihre traditionelle Funktion, das Wohnen in der Nähe ländlicher Arbeitsplätze, weitgehend eingebüßt. Dazu trägt nicht nur die automatisierte landwirtschaftliche Produktion bei, sondern auch die Stilllegung von Betrieben. Exemplarisch ist die Entwicklung entlang der ehemaligen westlichen Zonengrenze: Bis zur Wende gab es dort hoch subventionierte Fabriken mit tausenden Beschäftigten. Als die Förderung entfiel, waren auch die Stellen weg. Viele Menschen verließen die Gegend auf der Suche nach Lohn und Brot.
Neue Arbeitsplätze...
...entstehen vor allem in den Metropolen, dort, wo die welthungrigen jungen Leute bevorzugt hinströmen. Daher werden zahlreiche urbane Zentren ihre Einwohnerzahl wohl auch in Zukunft stabil halten oder sogar erhöhen können.
Von diesem Trend...
...profitieren auch die umliegenden ländlichen Gemeinden. Solange die Fahrentfernung zur Stadt nicht mehr als 20 Minuten beträgt, bleibt die Einwohnerzahl stabil, sind mehr als 40 Minuten zu fahren, sinkt sie rapide. Allerdings sei dieser Effekt nur im Westen Deutschlands zu beobachten, heißt es in der Studie. In Ostdeutschland schrumpfen viele Siedlungen bereits innerhalb der 20-Minuten-Zone. Dennoch sei die Geografie bundesweit entscheidend: Je weiter weg von einer zentralen Stadt gelegen, desto stärker bluten die kleinen Orte aus.
Es gebe allerdings...
...auch Schutzfaktoren, sagte Reiner Klingholz: Schöne Dörfer in idyllischer Lage mit einem regen Vereinsleben seien sogar attraktiv für Zuzügler. Dies zeigt sich in der Studie bei einem detaillierten Vergleich zweier Regionen: des hessischen Vogelbergkreises und des thüringischen Landkreises Greiz.
Die grundgesetzlich verankerte...
...„Gleichheit der Lebensbedingungen“ könne angesichts des rapiden demografischen Wandels nicht mehr landesweit garantiert werden, heißt es in der Studie. Der Bevölkerungsschwund auf dem Land werde sich in den kommenden Jahren deutlich beschleunigen und zahlreiche Dörfer in ihrer Existenz gefährden.
Die Infrastrukturkosten...
...etwa für Wasser, Abwasser und Müllentsorgung, müssen auf immer weniger Menschen verteilt werden, die Immobilienpreise fallen in manchen Gegenden dramatisch, immer mehr Schulen und Geschäfte schließen. „Es ist Zeit, hier und da an einen geordneten Rückzug zu denken“, sagte Klingholz. Er dürfe jedoch nicht von oben verordnet werden, das rufe nur Widerstand hervor, wichtig sei vielmehr die Bürgerbeteiligung.
Ein Abgesang...
...auf das Dorf ist die Studie des Berlin-Instituts keineswegs. Im Tourismus und vor allem in der Nutzung von Biomasse, Erdwärme, Wind- und Sonnenenergie sehen die Autoren große Zukunftschancen. Nur auf dem Land gebe es die notwendigen Flächen, um regenerative Energien gewinnbringend zu nutzen. So gesehen hat das Dorf Konjunktur. Es könnte sogar ein weltweites Zukunftslabor werden, denn der demografische Wandel betrifft viele Länder.
Im Jahr 2050 leben voraussichtlich zwölf Millionen Menschen weniger hierzulande – aber auf dem Land verläuft diese Entwicklung schneller und radikaler als bisher gedacht. Foto: Anne Lena Mösken
Im Jahr 2050 leben voraussichtlich zwölf Millionen Menschen weniger hierzulande – aber auf dem Land verläuft diese Entwicklung schneller und radikaler als bisher gedacht. Foto: Anne Lena Mösken
Einige Dörfer hat Langenwetzendorf bereits zu DDR-Zeiten aufgenommen, die meisten aber 1996. Sie waren schon damals zu klein, um manche Gemeindeaufgaben zu erfüllen. Heute geht es vor allem auch um bares Geld: Die Zuweisungen vom Land an die Gemeinden berechnen sich nach der Zahl ihrer Einwohner.
Mit den fünf zusätzlichen Dörfern käme Langenwetzendorf auf rund 4 700 Einwohner statt der aktuellen 3 596 – und damit hätten sie Anspruch auf genau die Summe mehr, auf die Dittmann mit seinem Zeigefinger klopft.
- unter dieser Überschrift machen die Forscher den Kommunen einige Vorschläge.
Information
Fürs Erste sei es wichtig, die Bürger ländlicher Gebiete offen über die Folgen des demografischen Wandels zu informieren.
Infrastruktur
Kostentreibende Vorschriften, etwa der obligatorische Anschluss von Dörfern an eine zentrale Kläranlage, sollten künftig unterbleiben, empfiehlt die Studie.
Zusammenschluss
Sinnvoll sei auch ein Zusammenschluss von Dörfern in Großgemeinden, um die knappen Güter sinnvoller einzusetzen. Fördermittel sollten in Regionalkontingenten gebündelt und den Regionen ohne detaillierte Zweckbindung zur Verfügung stehen.
Rückbau-Fonds
Die Wissenschaftlicher empfehlen einen Kapitalstock anzulegen, mit dem der Rückbau von Dörfern und der Abriss von leerstehender Gebäuden, die die Orte verschandeln, finanziert wird.
Umzugsprogramm
Für Orte mit nur noch wenigen, älteren Bewohnern sollen Programme entwickelt werden, die Umzugswillige finanziell dabei unterstützen, sich eine stadtnähere Wohnung zu suchen.
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