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Zum Prozess des Asylbewerbers Jalloh : "Vorkommnis mit Ausländer"

Die Mutter des getöteten Afrikaners, Mariam Djombo Diallo, weint im Gerichtssaal.

Die Mutter des getöteten Afrikaners, Mariam Djombo Diallo, weint im Gerichtssaal.

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dpa

Magdeburg Dienstagvormittag, Landgericht Magdeburg, Saal 23 im zweiten Stock, Verhandlungstag Nummer 46. Rechtsanwältin und Nebenklägerin Gabriele Heinecke schimpft wie ein Rohrspatz. Sie und ein Kollege vertreten Mariama Djombo Djallo, die Mutter des Toten, und dessen Halbbruder. Aufgegeben habe das Gericht, schimpft sie. Da werde ein furchtbarer Todesfall auf das Niveau eines Verkehrsunfalls herabgestuft, die Richterin sei offensichtlich genervt und habe während des langen Prozesses ein zunehmend aggressives Verhalten an den Tag gelegt. Nun wolle man aus dem Verfahren flüchten. Richterin Claudia Methling hört ihr seelenruhig zu und lässt die Attacken über sich ergehen.

Am Montagnachmittag hatte sie kapituliert und aufgegeben, in diesem quälenden Prozess nach der Wahrheit zu suchen. Sie hatte zwei Stunden lang einem Zeugen zugehört, einem Polizisten, der an jenem Tag, dem 7. Januar 2005 in Dessau war und nichts wusste, so wie kein Polizist und kein anderer Zeuge während des langen Prozesses irgendetwas wesentliches zur Lösung des furchtbaren Rätsels beitragen konnte, wie ein an Händen und Füßen angeketteter Häftling in einer Gewahrsamszelle verbrennen konnte. Am Montagnachmittag hatte Richterin Methling allen Verfahrensbeteiligten vorgeschlagen, die Angelegenheit gegen Zahlung einer Geldstrafe einzustellen. Hinten im Saal übersetzte ein Dolmetscher den Vorschlag in Fulla, eine Sprache des westafrikanischen Staates Guinea. Mutter Mariama Djombo Djallo, eine kleine alte und durch ihr buntes Kleid fast verhüllte Frau, war entsetzt, als sie verstand, was das Gericht wollte. Ebenso der Halbruder des Toten.

Fahrlässige Tötung durch unterlassene Hilfe?

Vorne im Saal saß der Angeklagte, der Polizist Andreas Sch. Fahrlässige Tötung durch unterlassene Hilfe, lautet der Vorwurf gegen den 51-Jährigen. Dunkler Anzug, graues Gesicht. Der Mann hat einen Schlaganfall hinter sich, er leidet an Krebs. Er hat während des langen Prozesses geschwiegen. Vor ihm liegt ein Schreibblock, manchmal macht er Notizen. Als Richterin Methling vorschlägt, den Prozess einzustellen, zieht er Striche auf das Blatt. Als wären es Schlussstriche.
Der 7. Januar 2005 war ein milder leicht windiger Freitag, und Andreas Sch. hatte Dienst auf der Polizeiwache. Morgens um acht hatten sich vier Putzfrauen über einen Schwarzafrikaner beschwert, der sie im Park belästigt haben soll. Eine Streife fuhr hin und fand den Mann: Oury Jalloh, damals 36 Jahre alt, 1,70 Meter groß. Jalloh, ein Flüchtling aus Sierra Leone, war schwer betrunken: 2,98 Promille, außerdem Kokain und Spuren von Cannabis im Blut. Er randalierte, heißt es später, die Polizisten nehmen ihn mit. Jalloh ist der Polizei in Dessau bekannt: Er soll demnächst eine dreieinhalbjährige Haftstrafe wegen Drogendealerei antreten.

Sie stecken ihn in Zelle 5, eine Ausnüchterungszelle im Keller, alles Fliesen, eine im Boden eingelassene Betonpritsche, metallene Ringe an der Wand zum Fixieren. Ein Arzt untersucht ihn und stellt fest, dass er in Gewahrsam genommen werden darf. Polizisten durchsuchen Jalloh, er soll wieder randaliert und mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen haben. Schließlich binden sie ihn auf der Pritsche an Händen und Füßen mit vier Handschellen fest.
Was genau danach geschehen ist, wird sich wohl nie klären lassen. Laut Obduktionsbericht ist Oury Jalloh zwischen 12.04 und 12.09 Uhr qualvoll auf seiner Pritsche verbrannt. In der Asche finden Polizisten später die verschmolzenen Reste eines roten Feuerzeugs. Woher kam es? Jalloh habe, so der Ermittler, den Schaumgummikern der Matratze angezündet und starb dann schnell durch einen Hitzeschock.

Entscheidende Fragen nicht geklärt

Obwohl es einen Feuermelder und eine Gegensprechanlage gab, reagierten die diensthabenden Polizisten zu spät auf das, was im Keller der Wache geschah. Im Rechtsausschuss des Magdeburger Landtages berichtet die Staatsanwaltschaft später, dass der Feuermelder von den Beamten zweimal abgeschaltet worden sei. Deren Begründung habe gelautet, der Melder habe in der Vergangenheit öfter Fehlalarm gegeben. Die Staatsanwaltschaft glaubt das nicht, denn der Melder war am 14. September 2004, ein Vierteljahr vor Jallohs Feuertod, repariert worden. Auch die Wechselsprechanlage, mit der die Zellen abgehört werden konnten, war kurz vor zwölf Uhr leiser gestellt worden. Angeblich, weil ein Polizist ein Telefongespräch führen wollte. Kurz zuvor sollen zwei Beamte knapp zehn Minuten lang mit Jalloh geredet haben.
Sieben Jahre liegt der Fall zurück. Die entscheidenden Fragen sind in zwei Gerichtsverhandlungen nicht geklärt worden: Woher stammte das Feuerzeug? Hatte Jalloh es dabei? Wenn ja, wieso war es bei der Durchsuchung übersehen worden? Wenn nein, woher kam es? Wurde er womöglich angezündet? Wie soll ein betrunkener und gefesselter Mann eine angeblich feuerfeste Matratze anzünden? Die Ermittler ließen Versuche anstellen. Danach war es trotz Fesselung an Händen und Füßen durchaus möglich, ein Feuer zu legen. Auch brannte die Matratze, aber nur, wenn sie aufgerissen war und die Flamme das weiche Innere erreichen konnte.

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