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Berliner Zeitung | Zum Tod von Wolfgang Schnur: „Eine tief gespaltene Persönlichkeit“
20. January 2016
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Zum Tod von Wolfgang Schnur: „Eine tief gespaltene Persönlichkeit“

Wolfgang Schnur

Wolfgang Schnur

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dpa

Unter den vielen der in den 90er Jahren bekannt gewordenen Stasi-Fällen gab es mindestens drei, die herausragten: der des Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme, der des Lyrikers Sascha Anderson, von Wolf Biermann Sascha „Arschloch“ gerufen, und der des Rechtsanwalts Wolfgang Schnur. Letzterer starb, wie die Bild-Zeitung berichtet, bereits in der Nacht auf Samstag mit 71 Jahren an Prostata-Krebs – in Wien.

Der in Stettin geborene Schnur wuchs als Waisenkind in Rostock auf. Er arbeitete zunächst als Rechtsanwalt in Binz, ab 1978 mit eigener Kanzlei in Rostock und schließlich in Ost-Berlin. Zudem war er in der Evangelischen Kirche aktiv, so als Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Mecklenburg, zeitweise Vizepräses der Synode der Evangelischen Kirche der Union (EKU) und Synodaler des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

In dieser doppelten Funktion vertrat Schnur zahlreiche Dissidenten, Bürgerrechtler und Wehrdienstverweigerer innerhalb und außerhalb der Kirche, darunter Stephan Krawcyzk, Freya Klier, Bärbel Bohley und Vera Wollenberger, die heute Lengsfeld heißt.

Merkel eingestellt

Als die Mauer fiel, ließ es Schnur ebenfalls nicht an Ehrgeiz fehlen – wenngleich der seinerzeit 45-Jährige eigentlich hätte wissen müssen, wie angreifbar er war. 1989 gründete Schnur die Partei „Demokratischer Aufbruch“, war sogar vier Monate deren Vorsitzender und betrieb gegen den Widerstand eher linker Vertreter wie des Pfarrers Friedrich Schorlemmer „mit fast missionarischem Eifer die politische Orientierung hin zur CDU“, wie das Munzinger-Archiv vermerkt. Als Pressesprecherin stellte Schnur damals eine junge Frau ein: die heutige Kanzlerin Angela Merkel, und stellte sich selbst, von Bundeskanzler Helmut Kohl tatkräftig unterstützt, als „der künftige Ministerpräsident der DDR“ vor.

Doch nur wenige Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990 wurde er als Stasi-IM „Torsten“ und „Dr. Ralf Schirmer“ (1965 bis 1989) enttarnt. Die Nachricht schlug wie die berühmte Bombe ein. Schnur versuchte noch, sich zu wehren, sprach von Verleumdung. Aber die Fakten waren erdrückend.

Allein in Rostock fand man 33 Aktenordner über seine Spitzel-Tätigkeit. Er verlor seine politischen Funktionen, seine Anwaltszulassung und alle Ehre sowieso. Im März 1996 verurteilte das Berliner Landgericht Schnur wegen „politischer Verdächtigung“ zum Nachteil seiner damaligen Mandanten Stephan Krawczyk und Freya Klier zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Auch damals gab er sich uneinsichtig und behauptete, stets im Interesse dieser und anderer Mandanten gehandelt zu haben, gestand jedoch eine „moralische Schuld“ ein.

Mandanten geholfen?

1999 folgten Berichte, wonach Schnur zusammen mit einem weiteren Mann wegen des Verdachts des Betruges festgenommen worden war. Die Polizei teilte mit, dass er versucht habe, bei einer Privatbank in Berlin mit wahrscheinlich gefälschten Wertpapieren im Wert von rund 11,8 Millionen Euro einen Millionenkredit aufzunehmen. Der Mann hatte längst erhebliche Geldprobleme. Er war mehrfach geschieden und nach Angaben der Ostsee-Zeitung Vater von insgesamt elf Kindern. Zuletzt verdingte sich Schnur als freier Rechtsberater und war ansonsten vergessen.

Friedrich Schorlemmer sagte der Berliner Zeitung, er schließe nicht aus, dass der Verstorbene einzelnen Mandaten geholfen habe, fügte generell freilich hinzu: „Wolfgang Schnur war eine tief gespaltene Persönlichkeit, die sich des Zwiespalts gar nicht mehr bewusst war. Er war selbstunsicher und geltungssüchtig. Ich habe schon im Januar 1990 zu ihm gesagt: Wolfgang, für Geld machst Du alles.

Denn er hatte das Zugehen auf die CDU unter anderem mit dem Satz begründet: Die anderen geben uns ja nichts. Da sprang Schnur auf, legte die Hände an die Hosennaht und erwiderte: Friedrich, ich verbitte mir das.“ Stephan Krawczyk zitierte angesichts des Todesfalles einen Satz des spanischen Schriftstellers Luis Cernuda: „Wahrheiten und Lügen sind Vögel, die fortziehen, wenn die Augen sterben."


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