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Porträt eines Politikers: Sigmar Gabriel, der Alleingänger

Manchmal sitzt er auch einfach nur da und hört zu: Sigmar Gabriel bei einem Treffen mit jungen Künstlern in Havanna.

Manchmal sitzt er auch einfach nur da und hört zu: Sigmar Gabriel bei einem Treffen mit jungen Künstlern in Havanna.

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Reuters/ALEXANDRE MENEGHINI

BERLIN -

Zum Auftakt des Jahres schafft sich jede Partei ihre eigenen, symbolträchtigen Bilder. Die CSU versammelt sich im verschneiten Wildbad Kreuth, wo die Welt noch in Ordnung ist. Die FDP pilgert mit den Drei Königen ins geschichtsträchtige Stuttgarter Staatstheater, um sich an der Rede ihres Vorsitzenden zu wärmen. Die CDU-Spitze mit Kanzlerin Angela Merkel präsentiert sich dort, wo sie ihren nächsten Wahlsieg erhofft – in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz.

Und Sigmar Gabriels Genossen? Der SPD-Vorstand reist am Wochenende ins brandenburgische Nauen. Nauen? Eigentlich kein schlechter Ort für Sozialdemokraten. Bei der Anfahrt aus Berlin säumen friedliche Windräder die Alleenstraße. Nur ein Waldstück trennt den Tagungsort im Havelland vom Schloss Ribbeck, dessen freigiebiger Hausherr einst Theodor Fontane zu seinem berühmten Gedicht inspirierte. An der Stelle des legendären Birnbaums steht dort nun ein ganzer Birnengarten – ein schönes Sinnbild für eine solidarische Partei. Das gilt auch für das Ensemble aus roten Backsteinbauten, in dem die Klausur stattfindet. Es wurde im 19. Jahrhundert vom Eisenbahnunternehmer August Borsig errichtet, einem Sozialpionier, der für seine Arbeiter eine Krankenkasse einrichtete.

Die frustrierten Genossen

Ein zauberhafter Ort also – wäre da nicht die böse Erinnerung ans vergangene Jahr. Da hatte ein schlecht gelaunter Parteichef den Genossen die Leviten gelesen. Dann ging er seine Kritiker harsch an. Am Ende fuhren alle frustriert nach Hause. Es folgten: der Pegida-Streit, der Aufstand gegen die Vorratsdatenspeicherung und die schwindelerregende Grexit-Debatte. Für Gabriel war Nauen der Auftakt eines Horrorjahrs. An dessen Ende stand das Wahl-Debakel auf dem Parteitag. Mit jenen beschämenden 74,3 Prozent am Bein und den jüngsten, extrem mageren Umfrageergebnissen im Gepäck wird Gabriel das diesjährige Treffen eröffnen.

Manch ein Genosse befürchtet nun, dass sich die Geschichte wiederholt. Und tatsächlich sind die Parallelen frappierend. Im vergangenen Jahr hatten Bilder aus Dresden kurz vor dem Treffen die Genossen verstört: Als Privatmann nahm Gabriel an einer Diskussion mit Pegida-Anhängern teil. Dieses Mal kommen die irritierenden Nachrichten aus Kuba. Dorthin flog der Wirtschaftsminister zu einer Dienstreise, während die Fraktion in Berlin den Kurs fürs nächste Jahr plante. Bereits Gabriels Abwesenheit stieß manchem Abgeordneten auf.

Ein hochsensibles Thema

Richtig sauer aber wurden die Funktionäre, als sich Gabriel im zerknitterten Polo-Hemd aus dem fernen Havanna zu den Kölner Silvester-Ereignissen zu Wort meldete: „Wenn es nötig ist, Gesetze zu ändern, werden wir das machen“, kündigte er an. „Ich glaube, dass der alte Satz von Gerhard Schröder richtig ist: Kriminelle Ausländer haben in Deutschland nichts zu suchen.“

Das ist nicht nur starker Tobak für rechtgläubige SPD-Funktionäre. Vor allem ist der Vorstoß mit niemandem abgesprochen. Kurz bevor Gabriel eine Residenzpflicht für anerkannte Asylbewerber forderte, hatte Fraktionschef Thomas Oppermann noch versichert, es gebe keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf. „Das war nicht sonderlich klug von Gabriel, aus dem Bauch heraus zu reagieren“, heißt es nun in der Parteispitze.

Was aber treibt Gabriel immer wieder zu solchen Alleingängen mit bisweilen populistisch anmutenden Forderungen? Niemand, der den 56-Jährigen kennt, würde ihm Sympathien für rechtspopulistische Gedanken unterstellen. Scharf wie kaum ein anderer hat Gabriel 2010 mit dem Berliner Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin abgerechnet und seine ausländerkritischen Thesen auf die Rasse-Lehre der Nationalsozialisten zurückgeführt. Gabriels Biografie ist gekennzeichnet von der Auseinandersetzung mit seinem kürzlich verstorbenen Nazi-Vater. Auch deswegen ist er bei dem Thema hochsensibel.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt "Das Problem ist seine Sprunghaftigkeit" +++

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