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Presseschau zur Lage in Israel: Der Hass ist hier eine Konstante

Tariq Khdeir (15), ein in Amerika lebender Cousin des ermordeten Palästinensers Mohammed Abu Khudeir, wurde während seines Aufenthalts in Jerusalem von israelischen Polizisten schwer zusammen geschlagen.

Tariq Khdeir (15), ein in Amerika lebender Cousin des ermordeten Palästinensers Mohammed Abu Khudeir, wurde während seines Aufenthalts in Jerusalem von israelischen Polizisten schwer zusammen geschlagen.

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dpa

Die Nachricht, dass der Mord an einem Palästinenser-Jungen auf das Konto jüdischer Extremisten geht, hat Israel schockiert. Politiker fast aller Parteien haben die Tat verurteilt, fassungslos darüber, dass Juden zu solch einem sadistischen Verbrechen fähig sind – der in Ost-Jerusalem entführte Junge war erst malträtiert und dann bei lebendigem Leib angezündet worden.

„Tiefe, große, erdrückende Schande“ – mit diesen Worten drückt die Journalistin Sima Kadmon in Yedioth Achronoth das allgemeine Empfinden aus, nachdem die Identität der sechs festgenommenen Verdächtigen bekannt wurde. Bis dahin hatten viele Israelis geglaubt und auch gehofft, es handele sich um einen Fall einer arabischen Familienfehde, kurzum Palästinenser selbst hätten den Jungen auf dem Gewissen. Jetzt, so Kadmon, müssen man sich bitteren Fragen stellen, ob nicht die Aufstachelung, die massenhaften Vergeltungsgelüste, die nach dem vorangegangenen Mord an drei israelischen Teenagern im Westjordanland kursierten, einen Anteil hätten.

„Vielleicht ist es etwas Furchtbares mit unserer Gesellschaft passiert“, so Kadmon, „unbeachtet haben Rassismus, Hass, Gewalt und Extremismus unser Leben wie eine bösartige Krankheit befallen, angefangen von den Preisschildaktionen (ein von radikalen Siedleranhängern gewählter Begriff für Schmierereien an Moscheen und andere Hassattacken, d. Red.) bis hin zu Aufrufen auf den Straßen wie in sozialen Netzwerken, Araber zu töten.“

Mit dem gleichen Phänomen beschäftigt sich auch Kadmons Kollege Nahum Barnea: „Dieser Mord ist nicht in einem Vakuum passiert.“ Jetzt gehe es darum, „sich mit den Aufhetzern in unserer Mitte auseinanderzusetzen, die für die unbesonnenen, rücksichtslosen Äußerungen verantwortlich sind“, wie sie nach der Beerdigung der drei jüdischen Teenager zu hören waren. „Verurteilt sie nicht nur, spuckt sie aus“. Barnea wird dabei sehr konkret.

Leute wie Vize-Verteidigungsminister Danny Danon, der nach Entdeckung der Leichen dreier Talmud-Schüler empfahl, nun am besten ein ganzes palästinensisches Dorf dem Erdboden gleichzumachen, passe zu einer Putin-Regierung. „Doch die Regierung Netanjahu sollte ihn aus ihren Reihen verbannen.“

Mit den Politikern rechnet auch Haaretz-Analyst Anschel Pfeffer ab. Es reiche nicht, wenn sie jetzt allenthalben betonten, dass die Mörder des 16-jährigen Mohammed Abu „jüdische Werte betrogen haben“, solange das Ausmaß des Problems weiter geleugnet werde. „Die Besatzung zu beenden, wird womöglich weder Frieden mit unseren Nachbarn stiften noch den Rassismus in unserer Gesellschaft tilgen“, schreibt Pfeffer.

„Fremdenhass existiert überall und ist eine Art menschliche Konstante.“ Auch seien beileibe nicht nur die Siedler schuld. So wie der Mörder von Izchak Rabin stammten auch die sechs Verdächtigen im Falle Abu Chedeir zum großen Teil aus dem israelischen Kernland. Aber: „Damit aufhören, das Leben der Palästinenser zu kontrollieren, wird den Israelis ermöglichen, die Fäulnis auszumisten, die uns schon so lange korrumpiert.“


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