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Pressestimmen zu den Mauerkreuzen: Der Diebstahl ist üble Gleichsetzung

Gedenkkreuze für Maueropfer vor dem Marie-Elisabeth-Lueders-Haus am Spreeufer (Archivbild).

Gedenkkreuze für Maueropfer vor dem Marie-Elisabeth-Lueders-Haus am Spreeufer (Archivbild).

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imago/blickwinkel

Tote Flüchtlinge der Vergangenheit gegen tote Flüchtlinge der Gegenwart auszuspielen, ist eine recht aggressive Form des politischen Engagements, meint Jörg Häntzschel in der Süddeutschen Zeitung. Er zitiert dann sogleich die Begründung jener künstlerischen Aktivisten, die sieben Kreuze der Berliner Gedenkstätte für die Mauertoten entwendet haben, um sie an den EU-Außengrenzen wieder aufzustellen. „Deutsche Herzen müssen manchmal mit dem Brecheisen geöffnet werden“, sagt Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit, das hinter der Aktion steht.

Auf der Seite politicallybeauty.de feiern die Aktivisten sich und ihre Aktion vor allem selbst. „Während in Berlin Ballons in die Luft steigen und nostalgisch-sedierende Reden gehalten werden, wird die deutsche Zivilgesellschaft in einem Akt politischer Schönheit die europäischen Außenmauern zu Fall bringen. Sie wird das Gedenken um einen entscheidenden Gedanken erweitern: die Gegenwart. Helfen Sie uns beim Abriss der europäischen Außengrenzen. Der europäische Vorhang muss fallen!“

Berthold Kohler mag in der FAZ die künstlerische Ironie nicht goutieren. „Es ist eine üble Gleichsetzung, die mit dieser ‚Aktion‘ vorgenommen wird. Die Grenzpolizisten Italiens, Griechenlands, Bulgariens und der EU schießen nicht auf Bootsflüchtlinge, sondern retten sie. Das gelingt nicht immer, wie die Tragödie im Bosporus zeigt.

Doch haben auch die Türken keinen Schieß-, sondern einen Hilfsbefehl. Wer Publizität durch Provokation erlangen will, darf sich von solchen Unterschieden aber nicht beirren lassen. Auch nicht von der Empörung über einen schändlichen Diebstahl. Außerhalb der CDU hielt sie sich freilich in Grenzen: Die deutschen Linken sind mehrheitlich noch damit ausgelastet, sich über den Bundespräsidenten zu ereifern.“

Bei aller Kritik vermag Martin Kaul in der taz der Aktion doch etwas abzugewinnen. „Es gibt zweifellos gute Gründe, Orte des Gedenkens nicht dem Zynismus zu überlassen: Es wäre zynisch, die Mauertoten, die an der innerdeutschen Grenze infolge des Schießbefehls ermordet wurden, mit jenen Menschen zu vergleichen, die an der Außengrenze Europas heute auf ein Leben in Würde hoffen. (...) Es ist dagegen überhaupt nicht zynisch, mit symbolpolitischen Maßnahmen auf die humanitäre Dimension hinzuweisen, die vor den Außengrenzen Europas ihren durchaus katastrophalen Lauf nimmt. Es braucht, natürlich, eine Provokation, damit die kulturelle Zeremonie des deutschen Erinnerungstheaters, die in den kommenden Tagen wieder ansteht, nicht zur bloßen Selbstvergewisserung wird.“

In der Kommentarspalte der Online-Ausgabe der taz weist Leser Rainer B. die moralischen Bedenken gegen die künstlerische Intervention ausdrücklich zurück. Die Aktion hat schon jetzt mehr zum Gedenken an die Mauertoten beigetragen, als es die Gedenkstätte jemals bewirken konnte. Wirklich geschmacklos muss man aber nur den Umgang mit den Menschen finden, die ihr nacktes Überleben in Europa suchen und wie lästige Insekten abgewehrt werden.“


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