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Pro und contra Jürgen Habermas: Ist die Menschenwürde die Quelle der Menschenrechte?: Die Würde des Menschen ist verletzbar

Die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" beginnt mit dem Satz: "Alle Menschen sind gleich an Würde und Rechten geboren." Dieser Satz ist so selbstverständlich wie umstritten. Nach wie vor ist nicht geklärt, wie sich die Menschenrechte und Menschenwürde zueinander verhalten. Dieser Frage hat sich jetzt Jürgen Habermas gewidmet (Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 3/2010) und das "bemerkenswerte Faktum" hervorgehoben, dass der Begriff der Menschenwürde erst nach dem Zweiten Weltkrieg in die nationalen Verfassungen Eingang gefunden hat, offenbar als Reaktion auf die Verbrechen unter dem Naziregime. "Wird die Idee der Menschenrechte", fragt Habermas, "erst im historischen Zusammenhang des Holocaust mit dem Begriff der Menschenwürde gewissermaßen nachträglich aufgeladen - und möglicherweise überfrachtet?"Im Gegensatz zu dieser These behauptet er, dass es einen "engen begrifflichen Zusammenhang" zwischen beiden Konzepten gibt. Denn "die Berufung auf Menschenrechte zehrt von der Empörung der Beleidigten über die Verletzung ihrer menschlichen Würde". Habermas nennt einige, wie er sagt, "rechtstheoretische Gründe", die dafür sprechen sollen, "dass Menschenwürde kein nachträglich klassifizierender Ausdruck" ist, sondern die "moralische Quelle", aus der sich die "Gehalte aller Grundrechte" speisen.Diese rechtstheoretischen Gründe laufen auf ein Verständnis der Menschenwürde als "Seismograph" hinaus, der anzeigt, was für eine demokratische Rechtsordnung konstitutiv ist. Und konstitutiv sind genau jene Rechte, die Bürger sich geben müssen, um sich gegenseitig als Freie und Gleiche überhaupt achten zu können.Dieses Argument vermag nur zu überzeugen, wenn sich Menschenrechte und Menschenwürde aus derselben moralischen Quelle speisen. Das wiederum bedeutet, dass alle hierbei zur Geltung kommenden Begründungen denselben Status haben, vor allem auch religiöse, die (für viele) wesentlich zur moralischen Quelle selbst gehören. Diese aber schließt Habermas letztlich aus dem philosophischen Diskurs der Vernunft aus. Damit missverstehe er, schreibt Dietrich Schotte in einem aufschlussreichen Aufsatz zu Habermas' neuerer Religionsphilosophie (Zeitschrift für philosophische Forschung, 3/2010), die religiöse Rede. Sie gehöre weder in den Bereich ästhetischer Sinnlichkeit noch in den der Vernunft, sondern sei das "Andere der Vernunft" selbst. Als solche ist sie eine eigene Erkenntnis- und auch moralische Quelle. Eben darin steckt für Schotte auch jene Herausforderung an die Philosophie, die Habermas unterschlägt.Der Dialog mit und unter den Religionen kann aber, so Josef Schmidt (Jahrbuch für Religionsphilosophie, 9/2010), nur gelingen, wenn alle Gesprächspartner bereit und fähig sind, "einander im Kern ihrer Überzeugungen anzuerkennen". Wenn die Philosophie die Religion aber nur "verstehen" will im Sinne "einer pädagogischen oder therapeutischen Überlegenheit", wird es zum Gespräch unter Gleichberechtigten nicht kommen.Das gilt auch für das Verhältnis der Menschenwürde zu den Menschenrechten: So lange - wie etwa von Habermas - die religiöse Flanke der moralischen Quelle der Menschenwürde unterschlagen wird, bleibt der Zusammenhang dieses Verhältnisses bloße Behauptung.------------------------------Wird die Idee der Menschenrechte gewissermaßen nachträglich mit dem Begriff der Menschenwürde aufgeladen?