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Projekt "Hoaxmap": Internet-Karte will Lügen über Flüchtlinge widerlegen

Bisher hat Karolin Schwarz 187 Fälle in der Hoaxmap registriert - Tendenz steigend.

Bisher hat Karolin Schwarz 187 Fälle in der Hoaxmap registriert - Tendenz steigend.

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Screenshot Hoaxmap

Sie sollen Gräber schänden, Männer umbringen, Frauen vergewaltigen und Exkremente in Schwimmbädern hinterlassen: Diese und andere Gerüchte über Flüchtlinge werden seit etwa Mitte 2015 im Netz verbreitet. Das ging Karolin Schwarz aus Leipzig auf die Nerven. Sie hat die Behauptungen gesammelt, die über Asylsuchende in die Welt gesetzt werden, und auf www.hoaxmap.org veröffentlicht – inklusive der Widerlegungen dieser Unwahrheiten. „Hoax“ kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie Täuschung, Trick, Streich oder auch falscher Alarm.

Mit der Karte hofft sie, Argumentationshilfen gegen die Falschmeldungen zu liefern. „Und dann ist es natürlich interessant, zu sehen, wie sich das Ganze entwickelt. Nehmen die Gerüchte zu? Gibt es inhaltliche Zusammenhänge oder regionale Schwerpunkte?“, sagt Schwarz, die erst vor zwei Wochen gemeinsam mit ihrem Freund begonnen hat, die Daten zu sammeln.

Die Idee für die Hoaxmap kam ihr 2015: „Ich interessiere mich für Datenvisualisierung und hielt das auch in dem Zusammenhang für wichtig. Letztes Jahr kursierten schon viele Gerüchte und in den letzten Wochen haben Ton und Intensität dann noch einmal zugenommen.“

Die Gerüchte samt Aufklärungen hat die junge Frau über Suchmaschinen, Twitter und Google Alerts gefunden. „Inzwischen gibt es viele Einreichungen via Mail und Twitter, die auch noch in die Karte aufgenommen werden sollen.“

Bisher hat Karolin Schwarz über 180 Fälle in der Hoaxmap registriert. So zum Beispiel einen Bericht aus Leipzig: Ein Flüchtling, heißt es auf einer Webseite, soll ein Luxusauto fahren und es verkehrswidrig in der Einfahrt zu einem Flüchtlingsheim parken. Der Norddeutsche Rundfunk klärt auf: Der Wagen gehört keinem der Flüchtlinge in diesem Wohnheim.

„Kostenlose Bordellbesuche“

Aufgeführt wird auch die angebliche Vergewaltigung einer 13-jähriger Russlanddeutschen durch „Südländer“. Dieses Gerücht wurde in den sozialen Netzwerken und durch russische Medien befeuert, es gab Demonstrationen, auch vor dem Kanzleramt. Dann kam heraus: Das Mädchen hatte die Geschichte aus Angst vor den Eltern erfunden und bei einem Bekannten übernachtet.

In Halle (Saale) sollen im November, so behauptet es die Gerüchteküche, Flüchtlinge den Hausmeister des ehemaligen Maritim-Hotels zu Tode geprügelt haben. Auch diese Horrormeldung erwies sich nach Überprüfung als Fake: Der Mann lebt, es geht ihm gut.

Selbst die abwegige Geschichte, ein „Sozialamt des Freistaates Bayern“ verteile Freikarten „für einen einmaligen kostenlosen Flüchtlin“ an Flüchtlinge, verbreitet sich Ende Januar schnell auf Facebook. Vor fünf Jahren wurden so Hartz-IV-Empfänger verunglimpft.

Toter Flüchtling?

Aufgeführt ist auch der Fall eines Berliner Flüchtlingshelfers, der behauptete, ein 24-jähriger Syrer sei vor dem Lageso mit Schüttelfrost und Fieber zusammengebrochen und später im Krankenhaus gestorben. Nachdem schon erste Mahnwachen abgehalten wurden, räumte der Helfer schließlich gegenüber der Polizei ein, dass er die Geschichte erfunden hat.

Das Projekt Hoaxmap sei aus dem Wunsch entstanden, eine Ordnung in die Vielzahl gestreuter Gerüchte zu bringen und die Dekonstruktion selbiger zu erleichtern, so die Verantwortliche auf ihrer Webseite. In der Sammlung tauchen aber nicht nur Gerüchte auf, die Asylsuchende betreffen. Ergänzungen können per Mail an mail@hoaxmap.org oder @hoaxmap auf Twitter gesendet werden. Ein ähnliches Projekt betreibt der österreichische Verein Mimikama seit 2011.


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