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Protest in Brasilien: Der Ball des Anstoßes

Hunderttausende Demonstranten in Brasilien haben die Rücknahme der umstrittenen Preiserhöhungen im Nahverkehr erreicht.

Hunderttausende Demonstranten in Brasilien haben die Rücknahme der umstrittenen Preiserhöhungen im Nahverkehr erreicht.

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dpa

Rio de Janeiro/Recife -

Altair Guimarães ist 58, gelernter Polier, am vergangenen Montag war er zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Demonstration. Zusammen mit hunderttausend anderen protestierte er im Zentrum von Rio de Janeiro. „Von diesem Moment habe ich lange geträumt“, sagt er. „Endlich bewegt sich mal was!“

Jetzt sitzt Altair Guimarães vor seinem unverputzten Haus, auf einer Bank an einem lehmigen Weg. Nebenan sitzen sehr junge Mütter mit Babys neben den Wäscheständern vor ihren Haustüren. Parallel zum Weg verläuft ein Kanal mit stehendem Wasser, dessen Geruch sich mit dem beißenden Rauch verbrannten Mülls vermischt. Schwärme von Stechmücken steigen am frühen Abend auf. Jenseits des Kanals donnert auf einer sechsspurigen Straße der Feierabendverkehr vorüber.

Auf der anderen Seite der Straße beginnt die schöne neue Welt der Olympia-Stadt Rio de Janeiro: Funkelnagelneu ragen glänzende Wohn- und Büropaläste zwanzigstöckig in den Abendhimmel.

Der Kanal stinkt weiter

Vila Autódromo heißt die bescheidene Siedlung, in der Altair wohnt. Die 520 Häuser mit ihren rund 3000 Bewohnern sollen weggeräumt werden, weil sie dem Olympia-Park im Weg sind. „Wir haben hier verbrieftes Wohnrecht für 99 Jahre“, sagt Altair Guimarães . „Ich hab’ den Bürgermeister gefragt: Wenn Sie uns nicht mit Gewalt rauskriegen wollen, wie wollen Sie uns dann rauskriegen? Er hat gelächelt und gesagt: Er kriegt uns schon raus. Soll ich das etwa nicht als Drohung verstehen?“ Solange die Räumung Vila droht, bleibt der Lehmweg unasphaltiert und der Kanal stinkt weiter. Die Stadt investiert kein Geld. Aushungern, nennt es Altair.

„Wir sind gar nicht gegen Olympia, aber vorher müssen doch erst vernünftige Schulen und Krankenhäuser her“, erklärt er, „die bauen hier neue Straßen für die Spiele, und in den Hospitälern sterben die Leute, weil Ärzte und Medizin fehlen.“ Die Erhöhung der Fahrpreise sei nur der Wassertropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, jetzt erwache das Volk.

Evanildo Barreto, 44, ist Immobilienmakler. Er hat sich in den Protestzug eingereiht, der sich am späten Nachmittag im Zentrum von São Gonçalo bildet. „Der Riese erwacht“, „Wir verlassen das Facebook“, „Wenn Ihr Kind krank ist, wenden Sie sich bitte ans Fußballstadion“, heißt es auf den Plakaten, die die mehrheitlich jungen Teilnehmer tragen. Evanildo Barreto trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Metro-Linie 3 – die will ich!“

Über die Meeresbucht von Rio führt eine 13 Kilometer lange Brücke nach Niterói, Rios Schwesterstadt. Und São Gonçalo, gut eine Million Einwohner, ist wiederum die Schwesterstadt von Niterói, oder, besser gesagt, die Stiefschwesterstadt. Denn die Grenze zwischen den beiden ineinander übergehenden Gemeinden ist so gezogen, dass Niterói reich und São Gonçalo arm ist. Dass das rachitische U-Bahnnetz von Rio de Janeiro, das nur aus zwei Linien besteht, irgendwann durch einen dritten, die Meeresbucht unterquerenden Schienenstrang ergänzt wird, so, dass man ohne Stau nach Rio zur Arbeit fahren könnte – das glauben eigentlich nur noch notorische Optimisten.

„Hören Sie, diese U-Bahn wird uns seit zwanzig Jahren versprochen“ sagt Evanildo, „aber passiert ist nichts. Und warum? Weil die Busunternehmen kein Interesse daran haben!“ In Brasilien vergibt die Kommune Konzessionen für Buslinien, subventioniert sie ein bisschen und überlässt den Rest dem „Marktgeschehen“. Im Volk heißt das „Transport-Mafia“.

Eine Revolution liegt Evanildo Barreto fern, ihm geht es einfach um ein gut funktionierendes Gemeinwesen. Aber auch er fühlt, dass das ganze System auf dem Prüfstand steht. „Die Parteien und die Politiker vertreten uns doch nicht mehr“, sagt er, und dass es gerade jetzt losgeht, sei dem Fußball zu verdanken. „Die WM sollte privat finanziert werden, hieß es am Anfang, und jetzt fliegen die Milliarden an Steuergeldern nur so raus, in überteuerte Projekte. Ist doch klar, dass das irgendwann explodiert.“

Sturm auf die Bastille

Eduardo Martin liegt die Revolution nahe. Er ist Student, Mitte zwanzig, und er verteidigt die Ausschreitungen vor dem Landesparlament von Rio, bei denen Bankfilialen zerstört wurden, ein Auto in Flammen aufging, Steine flogen. „Das war kein Vandalismus, sondern die nötige Ohrfeige für die Politik“, sagt er und vergleicht die Straßenschlacht mit dem Sturm auf die Bastille. Die Proteste dürften sich nicht in Gut und Böse auseinanderdividieren lassen, wie das die brasilianischen Medien täten, vor allem das Globo-Fernsehen.

Warum ausgerechnet jetzt der Ausbruch an Protest? „Es kam wie ein Bummm, selbst wir Teilnehmenden haben erst gar nicht richtig verstanden, wo die Energie herkam“, sagt Eduardo Martin staunend.

Und die Gründe? Bis vor ein paar Monaten, erzählt Eduardo, habe er sich mit einem Kommilitonen eine Wohnung in Rio geteilt, aber dann verdoppelte sich die Miete, und jetzt wohnt er wieder bei seinen Eltern in São Gonçalo. Ohne Verkehr würde er 35 Minuten von dort nach Rio an die Uni brauchen. Aber natürlich muss er morgens fahren, wenn sich ganz Niterói und São Gonçalo auf die Brücke quetscht. Da dauert es zwei, zweieinhalb Stunden.

Eduardo Martin ist ein direkter Nutznießer der sozialen Fortschritte in den vergangenen Jahren. Sein Vater ist schwarz und arm, Eduardo ist über eine Quote an die Uni gekommen. Er kriegt ein Stipendium von rund 150 Euro – das wäre noch vor zehn Jahren alles undenkbar gewesen. „Zweifellos geht es Brasilien heute besser“, räumt er ein, „aber es ist immer noch ein reiches Land mit armen Bürgern.“ Auch er zählt all die Missstände auf, von der Korruption bis zu den miesen Schulen. Wie der Makler Evanildo Barreto diagnostiziert er eine „Krise der Repräsentation, nicht nur hier, sondern weltweit“. Die „alten Dichotomien“ seien sinnlos geworden: „Was rechts und was links ist, spielt heute keine Rolle mehr.“ Daher die Pluralität des Protestes, nicht nur in Brasilien.

Und wie wird es weitergehen mit den Protesten? Die Forderungen gehen ja mittlerweile weit über die Fahrpreiserhöhungen hinaus, die die Städte, eine nach der anderen, zurückgenommen haben. „Ja, sicher, die Politik von Korruption zu säubern oder das Gesundheitswesen zu verbessern, das ist viel schwieriger. Und dann noch für eine Bewegung ohne Führung“, räumt er ein, „aber vielleicht kommt ja die Lösung von oben, durch Druck von unten.“

Die Schießhund-Attitüde der Fifa

Die Stadt Recife hat bereits klein beigegeben. Seit Mittwoch kosten die Bustickets dort zehn Centavos weniger, umgerechnet etwas mehr als drei Cent. Vor einer Woche hätte das die Gemüter vielleicht noch beruhigt, doch inzwischen ist Brasilien schon viel weiter. „Wir sind doch nicht wegen 20 oder 50 Centavos auf den Straßen“, sagte eine Demonstrantin der Zeitung Folha de Pernambuco, was ein bisschen geringschätzig denen gegenüber klang, für die zwanzig Centavos durchaus etwas bedeuten, und auch ein bisschen unlogisch. Schließlich waren die Bus-Centavos der konkrete Auslöser der Protestwelle, bevor diese gesamtgesellschaftliche und vor allem auch sportliche Dimensionen annahm.

Der Fußball-Weltverband (Fifa) hat schon vor dem Confederations Cup gewusst, dass er in Brasilien etwa so beliebt ist wie die Yakuza in Tokio. Dennoch hatte er nicht mit der gewaltigen Empörung gerechnet, die nun über ihn hereinbricht. Kontroversen in Veranstalterländern großer Turniere ist man gewohnt im Hause von Joseph Blatter, die gab es auch bei der WM 2006 in Deutschland oder 2010 in Südafrika. Die Schießhund-Attitüde, die der Verband beim Schutz seiner Sponsoren und der Vergraulung aller anderen Gewerbetreibenden an den Tag zu legen pflegt, verärgert viele Menschen. Die extensiven Bannmeilen, in denen faktisch Fifa-Recht und nichts als das gilt, gleichen einer feindlichen Übernahme, die Steuerbefreiungen für Gewinne aus den Veranstaltungen werden als skandalös empfunden, die Regeln, welche die Fifa den Ausrichtern in umfangreichen Verträgen aufdrückt, sind pure Erpressung: Erfüllt unsere Wünsche oder wir gehen woanders hin.

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Die brasilianische Regierung, das muss man ihr zugestehen, hat sich teilweise gewehrt, etwa gegen das Verlangen der Fifa, im Sinne eines ihrer Topsponsoren, einer Brauerei, Alkoholverkauf bei WM und Confederations Cup zuzulassen. Das ist in Brasilien normalerweise verboten, nachdem so ziemlich jede Untersuchung zum Thema ergeben hatte, dass die Gewalt in und um die Stadien des Landes wesentlich geringer ist, wenn kein Bier ausgeschenkt wird. Am Ende beugte sich das brasilianische Parlament dann doch dem Diktat der Fifa und erließ ein Ausnahmegesetz. „Nicht die Spiele passen sich so an, dass sie den Gesetzen genügen, sondern die brasilianischen Gesetze passen sich den Spielen an“, konstatierte Alex Magalhaes, Juraprofessor in Rio, gegenüber der New York Times – in diesem Fall im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, die 2016 in Rio stattfinden.

Es hat sich einiges an Unmut aufgestaut gegenüber der Fifa, die durch undiplomatisches Vorgehen zusätzlich für Aversionen sorgte. Die Organisatoren bräuchten hin und wieder „einen Tritt in den Hintern“, hatte der Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke im vergangenen Jahr in bester Kolonialistenmanier gespottet. Das sehen viele Brasilianer in der Sache ähnlich, aber von einem arroganten Europäer wollen sie es nicht hören. Vom Sportminister Aldo Rebelo wurde Valcke zur Persona non grata erklärt, bis er sich schließlich entschuldigte.

Joseph Blatter machte sich dennoch keine großen Sorgen. Der Präsident des Weltverbandes glaubt fest an die selig machende Wirkung des Fußballs, wenn der Ball einmal rolle, sei alles andere vergessen, so sein Credo, das er auch in diesen Tagen immer wieder tapfer wiederholt. Doch diesmal scheint er sich zu täuschen, und es ist gut möglich, dass die Proteste nicht nur den Confederations Cup überdauern, sondern auch zu Blatters heiliger WM im kommenden Jahr ein unerwünschtes Beiprogramm liefern könnten. Zu gewaltig sind die Kosten, die sich Brasilien mit den beiden Großereignissen WM und Olympia innerhalb von nur zwei Jahren aufgebürdet hat, wo doch schon eine dieser Veranstaltungen immense finanzielle Belastungen mit sich bringt. Der wirtschaftliche Boom hat die Regierenden ein bisschen größenwahnsinnig werden lassen, aber anstatt die sportlichen Mega-Events als Symbol eigener Größe zu begreifen, ruft die Bevölkerung immer lauter Stopp.

Die Fifa und das Internationale Olympische Komitee haben ihre Prunkstücke WM und Olympia so aufgeblasen, dass ihre Ausrichtung ganze Staatshaushalte ruinieren kann, wenn es dumm läuft, der Europäische Fußball-Verband folgt mit der Erweiterung der EM auf 24 Mannschaften auf dem Fuße und muss das Turnier 2020 schon auf dem gesamten Kontinent austragen, weil es einzelne Länder kaum bewältigen können.

Ein viertes Stadion für Recife

London hat im vergangenen Jahr ohne Zweifel fröhliche Spiele gefeiert, die Bürger, die zuvor ebenfalls über die explodierenden Kosten klagten, haben sich im patriotischen Taumel ihrer vielen Goldmedaillen erfreut und die Zeche, die sie noch lange zu zahlen haben werden, einfach verdrängt. In Brasilien wird das schwierig, weil nach der ersten Rechnung die zweite, fast genauso hohe gleich hinterher kommt. Umgerechnet 11,5 Milliarden Euro verschlingt die Fußball-WM, für Olympia wird mit einem ähnlichen Aufwand gerechnet. Natürlich ist nicht alles Geld verschwendet. Manche der Investitionen, etwa in Straßen, Flughäfen, Nahverkehr, sind sinnvoll, andere eher weniger.

Ein gutes Beispiel für Letzteres ist Recife, wo am Mittwoch die überaus unterhaltsame Partie Italien gegen Japan stattfand. Die Stadt ist fußballverrückt, und sie besitzt drei alteingesessene große Fußballklubs, Sport, Santa Cruz und Nautico. Alle drei haben ein eigenes Stadion, doch die genügten den Ansprüchen der Fifa nicht. So wurde für 200 Millionen Euro, 20 Kilometer vom Zentrum entfernt, die mächtige Arena Pernambuco in die Landschaft gesetzt. Ein schönes Stadion, in dem drei Partien des Confederations Cups und fünf WM-Spiele stattfinden. Das wird es dann wohl gewesen sein. Vielleicht noch ein paar Rockkonzerte, mal ein Länderspiel, mehr wird schon allein die komplizierte Verkehrsanbindung verhindern.

Es sind solche Dinge, die den Brasilianern zunehmend als Irrsinn erscheinen. Joseph Blatter aber bleibt trotzig. Die Fifa habe Brasilien die WM nicht aufgezwungen, grantelte der Schweizer in einem Fernsehinterview und reiste erst mal zur U20-WM in die Türkei. Kommende Woche, zum Halbfinale des Confederations Cups, kommt er wieder.

Dass er dann freundlicher empfangen wird, ist nicht zu erwarten. Obwohl der Ball längst rollt.


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