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Ralf Fücks: „Deutschland hat jetzt eine riesige Verantwortung“

Ralf Fücks, 62, leitet seit 17 Jahren die Heinrich-Böll-Stiftung.

Ralf Fücks, 62, leitet seit 17 Jahren die Heinrich-Böll-Stiftung.

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dpa

Herr Fücks, bei der Weltklimakonferenz in Warschau versucht die Welt erneut, ein Abkommen vorzubereiten, in dem sich jeder zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Wie könnten Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer ihre gegenseitige Blockade überwinden?

Die Verhandlungen stecken in der Sackgasse, so lange sie unter dem Stichwort „Lastenverteilung“ laufen. So wehren sich die Schwellenländer dagegen, für den Klimaschutz ihr Wirtschaftswachstum abzubremsen, und die Industrieländer sträuben sich gegen ambitionierte CO2-Reduktionsverpflichtungen. Dabei ist es umgekehrt: Der Übergang zu einer CO2-neutralen Wirtschaftsweise kann einen enormen Schub an Innovation, Investitionen und nachhaltigem Wachstum auslösen. Außerdem sind Investitionen in Klimaschutz heute eine Rückversicherung gegen sehr viel höhere Kosten übermorgen.

Beim Klimagipfel verpflichten sich Staaten aber nicht zu visionärem Denken, sondern nur zu CO2-Einsparungen – also zu Einschränkungen.

Natürlich geht es um harte, verbindliche Reduktionsziele. Es ist aber wenig damit gewonnen, wenn der Norden seinen CO2-Ausstoß reduziert, damit China, Indien oder Brasilien mehr Spielraum für eine CO2-intensive Industrialisierung bekommen. Stattdessen müssen Wege gefunden werden, weltweit Wirtschaftswachstum von Ressourcenverbrauch und Emissionen zu entkoppeln. Dabei müssen wir die Entwicklungsländer unterstützen.

Deutschland will mit seiner Energiewende vorangehen. Während des Gipfels hört man aber: Japan gibt seine CO2-Ziele auf, die USA erleben einen Öl- und Gasboom, Polen setzt ganz auf Kohle, deren Preis fällt. Deutschland wirkt, als hätte es aufs falsche Pferd gesetzt.

So ist es keineswegs. In den letzten Jahren haben andere Länder deutlich mehr Tempo bei der Entwicklung erneuerbarer Energien und der Steigerung von Energieeffizienz aufgenommen. Europa ist dabei, den Vorsprung auf dem Feld umweltfreundlicher Technologien und Produkte zu verspielen, was erneuerbare Energien, Elektromobilität oder Speichertechnik angeht. China, Südkorea und andere Schwellenländer investieren da massiv in Forschung und Entwicklung. In Europa wird abgebremst, während andere Volkswirtschaften anziehen.

Auch die großen, einflussreichen?

Aber ja: China ist heute größter Produzent von Solarzellen und beschleunigt den Ausbau von Windkraft und Elektromobilität, weil die Verschmutzung seiner Böden, Luft und Flüsse dramatisch ist. Die USA sind dabei, die Emissionswerte für neue Kohlekraftwerke so zu verschärfen, dass kaum mehr welche gebaut werden können. Sie haben sich ambitionierte Ziele gesetzt für die Reduzierung von Verkehrsemissionen. Wind- und Solarenergie dürften sich bis 2020 verdoppeln. Global wächst grüne Ökonomie viermal so schnell wie die konventionelle.

Gilt die deutsche Energiewende in Warschau trotzdem noch als eine Art Pilotprojekt?

Auf jeden Fall – aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Diejenigen, die der Klimawandel besorgt, betrachten Deutschland als Referenzprojekt mit globaler Ausstrahlung. Gleichzeitig gibt massive Gegenwehr der alten Industrien, also der ressourcen- und CO2-intensiven Industriezweige, die ihr Geschäftsmodell mit aller Macht verteidigen. Die greifen gierig jedes Signal aus den Koalitionsverhandlungen in Berlin auf, dass Kohle wieder eine größere Rolle spielen soll. Deutschland hat eine riesige Verantwortung, nicht zurückzurudern, sondern den Strommarkt so zu reformieren, dass die Energiewende eine Erfolgsgeschichte bleibt.

Allerdings war ein zentrales Argument für die Energiewende, dass Deutschland einen Vorsprung für die Zeit bekommt, in der Erdöl, Kohle und Gas zu teuer werden. Danach sieht es jetzt nicht mehr aus.

Es stimmt, dass zurzeit enorme neue Reserven erschlossen werden. Aber in den Kosten werden weder die Umweltschäden durch Fracking oder Ölförderung in der Tiefsee berücksichtigt, noch die volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Klimaschäden aus der Kohleverbrennung. Weil die erst in 20 oder 40 Jahren anfallen, zählen sie heute nicht. Der Industriegesellschaft wird der fossile Treibstoff zwat nicht so schnell ausgehen – aber der CO2-Speicherplatz in der Atmosphäre. Es liegen noch viel mehr Kohle- und Ölreserven unter der Erde, als wir nutzen dürfen, wenn wir das Klima nicht völlig aus dem Gleichgewicht bringen wollen.

Und Sie trauen der internationalen Politik noch immer zu, da einzugreifen?

Sie muss eingreifen. Wir brauchen einen absoluten Deckel auf Treibhausgas-Emissionen. Gleichzeitig müssen wir den CO2-Ausstoß mit Kosten belegen, die echte Steuerungseffekte auslösen, durch CO2-Steuern oder einen wirkungsvollen Emissionshandel. Zugleich müssen wir die Entwicklung der Öko-Energien vorantreiben, um sie global wettbewerbsfähig zu machen. Entscheidend ist das Umdenken: Wenn wir die ökologische Wende nicht als Bürde sehen, sondern als Chance, wird die Bereitschaft dazu wachsen.

Das Interview führte Steven Geyer.