Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Bücher von Manfred Baumann: Auf Krimi-Spuren durch Salzburg
19. January 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23474452
©

Bücher von Manfred Baumann: Auf Krimi-Spuren durch Salzburg

Beeindruckend: Der Dom von Salzburg.

Beeindruckend: Der Dom von Salzburg.

Foto:

imago/Westend61

Man könnte zu Hause bleiben, die Salzburg-Krimis von Manfred Baumann lesen, und man würde viel erfahren über die Stadt, ohne sie in Augenschein zu nehmen. Baumann schreibt Heimatkrimis, sechs sind inzwischen erschienen, und in allen sind die Tatorte touristische Anziehungspunkte: der Domplatz, das Festspielhaus, Mozarts Geburtshaus, Schloss Hellbrunn. Über Seiten lesen sich die Bücher wie Reiseführer, so detailverliebt beschreibt Baumann Gassen, Plätze und Parks der Stadt, in der er seinen charismatischen Kommissar Martin Merana ermitteln lässt.

Er sei kein Kunsthistoriker, aber historisch korrekt, erklärt der 59-jährige Autor seinen Hang zur exakten Beschreibung. Der Rahmen, in dem die Kriminalfälle spielen, entspreche der Wirklichkeit, nur die Geschichten seien Fantasieprodukte. Wenn er durch Salzburg spaziere, würden die Plätze für ihn zu Theaterlandschaften, die ihn auf seine Ideen bringen, sagt Baumann. „Sieht die Festung nicht aus wie der Kopf eines Drachens?“, fragt er unvermittelt und zeigt auf Salzburgs Wahrzeichen, dessen Konturen im Nebel verschwimmen.

Die vergiftete Mozartkugel

Man könnte also auf der Couch bleiben und lesen. Die Gelegenheit, Salzburgs Drachen zu entdecken, ließe man sich auf diese Weise jedoch entgehen. Deshalb sollte man die Krimis einpacken, sich von ihnen durch die Stadt an der Salzach lotsen lassen und sie an den Schauplätzen lesen. In Mozarts Geburtshaus etwa, in der Getreidegasse 9. Dort beginnt Baumanns neuester Krimi, das „Mozartkugelkomplott“. Vor dem Kachelofen liegt eine Leiche, in dem Raum, in dem das Musikgenie vor 260 Jahren das Licht der Welt erblickte. Geburt und Tod – Baumann liebt solche Zuspitzungen.

Halb Reise-, halb Krimiautor schreibt er: „In den schwarzen Säulen mit den eingelassenen Glasfenstern waren Reliquien ausgestellt, Knöpfe eines Rockes, eine Tabakdose, sogar Haare des einstigen Wunderkindes. Auf dem Boden neben den Säulen lag ein toter Mozart.“ Die Frage, wo er die erste Leiche hinlegt, ist für Baumann die wichtigste. Und die schwierigste, denn das barocke Salzburg ist reich an schönen Plätzen. Im Buch „Jedermanntod“ lässt er den Tod höchstselbst während der Salzburger Festspiele auf dem Domplatz sterben, in der „Zauberflötenrache“ bricht eine Sängerin auf der Bühne des Festspielhauses zusammen. Baumann mag es theatralisch. Deshalb und wohl auch, weil in einem Salzburg-Krimi gar nicht genug Klischees stecken können.

Märchenhaftes Hellbrunn

Da stirbt der falsche Mozart im echten Mozarthaus an einer vergifteten Mozartkugel. Und weil im „Mozartkugelkomplott“ alles, aber auch wirklich alles über die Original Salzburger Mozartkugel zu erfahren ist, setzt sich der krimiliebende Tourist am besten bei einem Großen Braunen in die traditionsreiche Konditorei Fürst in der Brodgasse 13, um dort lesend zu erfahren, was es mit der Süßigkeit auf sich hat. Nach wie vor nämlich produziert die Familie Fürst die wahrscheinlich berühmteste Pralinenkugel der Welt in Handarbeit. Frisch muss sie verzehrt werden, denn sie wird nicht wie die industriell gefertigten Mirabell-, Reber- und die vielen anderen runden Schwestern haltbar gemacht für viele Monate. Deshalb ist das Original von wenigen Ausnahmen abgesehen auch nur in Salzburg zu bekommen.

Wenn Kommissar Merana in „Wasserspiele“ durch den Park von Schloss Hellbrunn spaziert, kann ihm jeder folgen. Manfred Baumann nennt Hellbrunn einen „riesengroßen Zauberkasten“, und Merana, dessen Arbeitsplatz in der Bundespolizeidirektion nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt ist, tankt hier, wann immer es ihm möglich ist, Energie. Märchenhaft ist Hellbrunn für ihn: „Man erwartete ständig, dass hinter den alten Bäumen im Park ein Faun hervorsprang und Flöte spielte; man wäre nicht überrascht gewesen, wenn plötzlich die zarte Hand einer Elfe aus einer Grotte lockte oder eine Göttin im weißen Schleier über den Teichen schwebte.“

Die Melancholie der Stadt

Vor 400 Jahren ließ Fürsterzbischof Markus Sittikus von Hohenems das Lustschloss erbauen, um der Melancholie der Stadt zu entgehen. Bis heute sind Hellbrunns Wasserspiele mit den skulpturengeschmückten Grotten und dem Mechanischen Theater die weltweit am besten erhaltenen Wasserspiele der Spätrenaissance. Überall sprudelt es, wenn der Wassermeister die alten Mechanismen in Gang setzt – damals wie heute zur Gaudi der Besucher. Hier, im Römischen Theater, lässt Baumann den Magistratsbeamten Wolfram Rilling seinen 50. Geburtstag feiern – und zu Tode kommen. An einem Ort der Lustbarkeit wird er gefunden: „Hingestreckt auf dem Fürstentisch, im durchweichten Abendanzug, einen eleganten Schal um den Hals, mit eingeschlagenem Schädel. Zu Füßen des Toten lag ein silberner Trinkpokal.“

Für Merana beginnt die Arbeit – und für den Leser die wahrscheinlich spannendste Führung durch Hellbrunn.