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Interview: Couchsurfen im Iran

Stephan Orth begegnete auf seiner Reise vielen interessanten Menschen. Zum Beispiel diesem Taxifahrer in der Provinz Kerman.

Stephan Orth begegnete auf seiner Reise vielen interessanten Menschen. Zum Beispiel diesem Taxifahrer in der Provinz Kerman.

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Stephan Orth

Trotz Verbots reiste Stephan Orth als Couchsurfer durch den Iran und lernte dabei ein Land kennen, das so gar nicht zum Bild eines Schurkenstaates passen will. Seine Erlebnisse schildert er in einem Buch.

Herr Orth, Sie waren für Ihr neues Buch zwei Monate lang als Couchsurfer im Iran unterwegs. Wie haben Sie geschlafen?

Auf jeden Fall nie auf einer Couch, sondern meist auf Perserteppichen. Je dicker die waren, desto besser war die Nacht. Zwischendrin habe ich mir aber auch mal eine Nacht im Hotel gegönnt, damit ich ein bisschen Privatsphäre und Ruhe hatte.

Wie kam es zu dieser ja doch sehr ungewöhnlichen Reise?

Ich reise schon viele Jahre als Backpacker in der Weltgeschichte herum, und andere Rucksacktouristen haben mir immer die tollsten Geschichten aus dem Iran erzählt, wie wahnsinnig gastfreundlich dieses Land ist, und wie viele Facetten es neben Atomstreit und religiösen Fanatikern noch besitzt. Das hat mich neugierig gemacht.

Couchsurfing nutzen die meisten jungen Leute für kostenloses Übernachten in Barcelona, Berlin oder London. Im Iran ist es offiziell verboten. Warum wollten Sie trotzdem auf diese Weise übernachten?

Mich interessiert das authentische Leben, ich möchte Einheimische kennenlernen, die nicht beruflich mit Tourismus zu tun haben. Dafür ist Couchsurfing perfekt, weil man bei den Leuten zu Hause übernachtet. Im Iran ist es die beste Möglichkeit, hinter die Fassaden zu blicken. Einen Blick in die Wohnungen zu werfen, die nach außen immer abgeschottet sind.

Wie unterscheidet sich das private vom öffentlichen Leben?

Sobald die Tür zu ist, gelten andere Regeln. Ich war ja meistens bei jungen Menschen, dort wurde gefeiert und getanzt. In den eigenen vier Wänden gelten viele Verbote von draußen nicht mehr, dann wird Alkohol getrunken und über Politik und den Islam gelästert. Die Leute suchen sich ihre Wege zur Freiheit. Nicht nur zu Hause. Auch in der Öffentlichkeit rücken viele junge Frauen ihr Kopftuch möglichst weit zurück, tragen sehr viel Make-up und versuchen damit, Grenzen auszutesten, soweit es eben möglich ist.

Trotz Verbots haben Sie sich vorab ohne Probleme Kontakte und Unterkünfte besorgen können. Couchsurfing hat im Iran schon mehr als 13 000 Mitglieder. Was glauben Sie, warum ist das Portal so beliebt?

Viele Iraner haben eine große Routine darin, Verbote zu umgehen. Eigentlich darf niemand eine Satellitenschüssel besitzen, aber an fast jedem Haus hängt so ein Ding. Facebook ist verboten, und trotzdem hat fast jeder Iraner unter 35 dort ein Profil. Ähnlich ist es mit Couchsurfing: Man nimmt das Risiko in Kauf, deshalb mal auf eine Polizeiwache mitgenommen zu werden. Den Menschen, bei denen ich untergekommen bin, ging es um die Möglichkeit, Leute aus dem Westen kennenzulernen. Eine Chance, die sie sonst nicht haben. Das ist eine Welt, die sie aus Hollywoodfilmen und der Popkultur kennen und eine Freiheit, nach der sie eine große Sehnsucht haben.

Was wollten die Gastgeber von Ihnen wissen?

Oft sind es ganz alltägliche Dinge gewesen. Zum Beispiel, ob man in Deutschland wirklich auf der Straße Bier trinken kann. Und sie interessieren sich dafür, was wir über ihr Land denken. Die Iraner wissen, welches schlechte Image ihre Heimat in der westlichen Welt hat und versuchen, bei ihren Gästen das zu korrigieren und zu zeigen, dass der Staat und die Menschen zwei verschiedene Dinge sind.

Was hat Sie vor Ort am meisten überrascht?

Wie viele Menschen nicht streng religiös sind. Offiziell sind 99 Prozent der Iraner Muslime, aber nach meinen Erfahrungen kann ich sagen, dass dem nicht so ist. Die Religion wird ihnen ja per Geburt aufgezwungen, sie erleben sie im Alltag als starke Einschränkung – denken Sie nur an die Frauen, die sich verschleiern müssen, die Gewalt und Unterdrückung erleben. Im Privaten haben viele Menschen mit Religion nicht viel am Hut, es ist nur eine Fassade, die sie aufrechterhalten müssen.

Seit Ahmadinedschad nicht mehr an der Macht ist, sprechen viele von einer Öffnung des Landes. Konnten Sie das auch feststellen?

Ehrlich gesagt nein. Bei den Menschen scheint der zaghafte Aufbruch, von dem hier oft die Rede ist, nicht anzukommen. Es gibt immer noch viele Hinrichtungen, die Sittlichkeitspolizei ist streng wie eh und je, und die Sanktionen aus dem Ausland wurden kaum gelockert. Präsident Rohani wird deshalb nirgendwo im Iran als Heilsbringer gefeiert. Zudem ist seine Macht begrenzt – ohne die Einwilligung von Ajatollah Chamenei kann er wenig machen.

Würden Sie den Iran dennoch als Reiseziel empfehlen?

Absolut. Es ist ein komplett unterschätztes Reiseland, das wahnsinnig viel zu bieten hat. In Yazd und Isfahan gibt es eine weltweit einzigartige, beeindruckende Architektur. Die Infrastruktur ist sehr gut, Busse fahren pünktlich, man kommt auch als Backpacker gut von A nach B. Das Essen ist toll. Und die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit. Es ist eigentlich nicht möglich, einen Tag allein zu verbringen, weil man ständig angesprochen, zum Tee oder Essen eingeladen wird. Ich selbst hatte ein paar beängstigende Begegnungen mit der Staatsgewalt, weil ich heimlich recherchiert habe und das nicht herauskommen durfte. Wer dagegen ganz normal als Tourist reist und sich an die Regeln hält, hat von der Regierung nichts zu befürchten.

Wo hat es Ihnen am besten gefallen?

Am schönsten war es, in Yazd, einer der ältesten Städte des Landes, auf einem Dach zu sitzen und bei Sonnenuntergang auf die Altstadt zu blicken. Das war 1001 Nacht pur.

Noch ein Tipp zum Abschluss: Welche Vokabel sollte im Reisewortschatz nicht fehlen?

Wer neben ein paar Höflichkeitsfloskeln noch zwei, drei iranische Fußballspieler kennt, hat beim Smalltalk schon gewonnen. Lassen Sie die Namen Ali Daei oder Mehdi Mahdavikia fallen – dann haben Sie garantiert neue Freunde.

Interview: Anne Vorbringer