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Reise durch das Reich von Kim Jong Un: Was ein Neuköllner Tourist in Nordkorea so erlebte

In großen Kreisen: Bei öffentlichen Tanzveranstaltungen wie hier in Pjöngjang bewegen sich Tausende Menschen komplett synchron. Im Anschluss hält ein Parteifunktionär eine hitzige Rede.

In großen Kreisen: Bei öffentlichen Tanzveranstaltungen wie hier in Pjöngjang bewegen sich Tausende Menschen komplett synchron. Im Anschluss hält ein Parteifunktionär eine hitzige Rede.

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Wladek Flakin

Meine Lieblingsband? Ich als junger Neuköllner Intellektueller brauche natürlich eine Musikgruppe, die außer mir niemand kennt. Und ich habe eine: die Moranbong Band. Die Konzerte sind einfach nicht zu überbieten: Auf der Bühne tragen über ein Dutzend junge Frauen weiße Militäruniformen mit kurzen Röcken, ein bisschen wie hypersexualisierte Krankenschwestern sehen sie aus. Die Musik liegt irgendwo zwischen Spice Girls und Militärkapelle: schnell, präzise und endlos optimistisch. Während ihres einstündigen Konzerts – ohne Pause – ist jede noch so kleine Handbewegung der sieben Sängerinnen perfekt, ja roboterartig koordiniert. Und wenn wir ins Publikum schauen, klatschen die Männer in olivgrünen Uniformen mit einem ähnlich perfekten Rhythmus.

Überflüssig zu sagen, dass die Moranbong Band aus Nordkorea stammt. Angeblich hat der junge Diktator Kim Jong Un die Bandmitglieder persönlich ausgesucht.

In 10.000 Metern Höhe habe ich das komplette Konzertvideo zum ersten Mal gesehen, im Flugzeug auf dem Weg von Peking nach Pjöngjang. Denn dieses Jahr bin ich für fünf Tage in die Demokratische Volksrepublik Korea gefahren. Ich bin kein Experte für Diktaturen und erst recht kein Koreanist – bis vor Kurzem wusste ich nicht mal, dass Kimchi ein Kohl ist.

Aber wie so viele junge Menschen spüre ich immer mal wieder die Sehnsucht nach einem Ort, der irgendwie schräg und unverbraucht ist. Vielleicht würde ich sogar den pummeligen Staatschef sehen, zurzeit der jüngste der Welt. Bei einem Reisebüro mit Sitz in China buchte ich also eine Reise nach Nordkorea (nachdem ich eine mehrseitige Erklärung unterschrieben hatte, dass ich kein Journalist bin). Der Rest wurde für mich erledigt. In Peking bekam ich dann mein blaues Visum mit dem Datumsstempel für „Juche 104“; in Nordkorea sind selbst die Jahreszahlen originell.

Fliegen

Im Flugzeug der staatlichen Linie Air Koryo kann ich erst mal die Hochglanzzeitschrift Korea studieren. Auf der Titelseite prangt eine rosafarbene Orchidee: Die Kimilsungia wird 50 Jahre alt, und die ganze Welt – so lese ich zumindest – feiert diese einzigartig schöne Blume, die nach Nordkoreas Gründer Kim Il Sung benannt ist. Sonst erfahre ich, wie Kim Jong Un, der Enkelsohn, der in dritter Generation den „Familienbetrieb“ weiterführt, alle möglichen Baustellen besucht, um „Vor-Ort-Anweisungen“ zu geben.

Doch bevor ich das alles live sehen darf, muss ich ins Land reinkommen. Im Flugzeug sitzen hauptsächlich US-Amerikaner – ich hätte durchaus mit dem Nachtzug aus Peking kommen dürfen, aber US-Amerikanern ist es verboten, die Grenze auf dem Landweg zu überqueren.

Am Flughafen von Pjöngjang stehe ich erst mal einem Grenzbeamten in Militäruniform gegenüber. Auf meinem Laptop sind alle Dateien, die mit meiner Arbeit zu tun haben, gut versteckt. Aber wer weiß, wie gut sie sich mit Macs auskennen? Auf Fotos habe ich gesehen, wie der junge Herrscher Kim Jung Un einen iMac benutzt. Werden sie mich gleich erwischen? So nervös wie ich bin, ziehe ich meinen Pass mit Schwung aus der Tasche – und ein Plastikkugelschreiber, den ich versehentlich erwischt habe, fliegt gegen den Kopf des Beamten. Eine Sekunde lang sehe ich eine Vision von mir selbst in einem Internierungslager. Dann aber lacht der Soldat herzlich und schickt mich weiter.

Gegenüber Touristen ist das nordkoreanische Regime viel freundlicher als erwartet. Was man nicht alles für Dollar und Euro tut.

Leben

Im Vergleich zu den Hauptstädtern Nordkoreas wohnen wir wie die Könige. Während sich Hunderte Menschen in Elektrobusse aus den Siebzigerjahren quetschen müssen, ist unser klimatisierter Reisebus nicht mal zur Hälfte gefüllt. Unser Hotel, eines der wenigen für Ausländer im ganzen Land, ragt 47 Stockwerke in die Höhe. Ich freue mich ohne Ende auf den Ausblick – bis mir klar wird, dass der Strom hier regelmäßig ausfällt. Am ersten Tag funktionieren überhaupt nur zwei von acht Fahrstühlen. Dafür ist das Essen im Western Restaurant Number 2, wie die Marketingexperten des Regimes es genannt haben, nicht wirklich toll, aber immerhin reichlich.

Wie sind sie so, die Menschen in der Volksrepublik? Jeder Erwachsene trägt einen kleinen roten Anstecker mit den Köpfen des „ewigen Präsidenten“ Kim Il Sung und seines Sohnes, des „Generals“ Kim Jong Il. Die Kleidung, die sie auf der Straße ausführen, wäre in einer Anwaltskanzlei der Fünfzigerjahre unauffällig gewesen. Männer tragen schwarze oder graue Anzüge, Frauen dunkle Röcke, Absatzschuhe und Perlenketten. Nur an Festtagen treten die Frauen mit langen, traditionellen koreanischen Kleidern in den wildesten Farben auf – auch das verstärkt nur den Old-School-Eindruck. Wir als Besucher dürfen keine Militärs fotografieren, aber alle möglichen Menschen laufen in olivgrünen Uniformen herum, und nicht alle sind Soldaten. Im Zweifel fotografieren wir heimlich. Die Neugier ist stärker als die Angst vor dem Regime.

Verbeugen I

Vor den riesigen Bronzestatuen des ewigen Präsidenten und des Generals müssen wir uns verbeugen. In einem kleinen Laden, in dem mit Dollar bezahlt wird, haben wir einen Blumenstrauß für die beiden gekauft. Vor unserer Abreise hat sich die ganze Gruppe in einem Pekinger Restaurant getroffen. Dort haben die westlichen Mitarbeiter uns die richtige Beugetechnik beigebracht – wer sich nicht verbeugen will, sollte einen großen Bogen um Nordkorea machen.

„Sie sind wie Götter für uns“, erklärt uns die Reiseführerin, als wir die Bronzestatue erreichen. Wir dürfen uns davor fotografieren, wenn wir dabei keine Mätzchen machen. Auch wäre es respektlos, in der Bildkomposition einen Teil der Statue abzuschneiden, wird uns erläutert. Wir Touristen konzentrieren uns auf die drei- oder vierjährigen Kinder, die ebenfalls gekommen sind, um Verbeugungsrituale zu absolvieren. Vermutlich sehen sie westliche Menschen zum ersten Mal live.

Rund 200 Euro zahlt jeder in unserer Gruppe pro Volksrepublik-Tag. Dafür bekommen wir nicht nur Essen ohne Ende, sondern auch drei staatliche Aufpasser, die rund um die Uhr bei uns bleiben. Einer von ihnen erzählt Sachen – fast wie ein normaler Reiseführer, außer, dass es immer um Kim Il Sung geht. Ein zweiter fährt den Bus. Der dritte ist freundlich, aber seine Aufgabe wird nie richtig erläutert. In einer Sportanlage können wir mit Pistolen schießen – und dort stellen wir fest, dass dieser dritte Aufpasser unglaublich gut schießen kann. Vermutlich ist dieser freundliche alte Mann für den Fall da, dass jemand von uns Bibeln austeilen möchte. Deren Einfuhr ist strengstens verboten.

Verbeugen II

Wenn man im Palast der Sonne – früher Amtssitz des Staatsgründers, jetzt Mausoleum – die Leichen der letzten beiden Kims sehen möchte, muss man sich schick anziehen. Zum Glück habe ich mir vor Jahren ein schwarzes Jackett von meinem Vater ausgeborgt und nie zurückgegeben. Doch ich habe mich zu früh gefreut, ein Sicherheitsbeamter hält mich auf, bis er mir verständlich machen kann, dass ich mein Jackett zuzuknöpfen habe. Mehrmals werden wir auf dem Weg zum Sonnenpalast durchsucht. Mir ist nicht ganz klar, was wir den bereits verstorbenen Politikern antun könnten, selbst wenn wir bewaffnet wären. Endlich angelangt, fahren wir auf langen Laufbändern an endlosen Bildern der beiden Kims vorbei – eine analoge Version des Tumblr-Blogs „Kim Jong Il looking at things“, der Hunderte offizielle Fotos von Kim Jong Il beim Betrachten von Sachen aneinanderreihte. Diese Bilderserie im Palast der Sonne nun unterstreicht den sanften Übergang vom Großvater zum Vater zum Sohn. Besonders die Ähnlichkeit zwischen dem jüngsten, eher rundlichen Familienoberhaupt und seinem omnipräsenten Großvater ist so frappierend, dass möglicherweise chirurgisch nachgeholfen wurde.

Im klimatisierten Raum angekommen, begegnen wir zuerst der Leiche des Großvaters, dann der des Vaters. Ohne seine überdimensionierte Sonnenbrille sieht Kim Jong Il gar nicht so komisch aus. Um den Glassarg herum müssen wir in Vierer-Gruppen laufen und uns dreimal verbeugen – aber nicht Richtung seines Kopfes, das wäre wohl respektlos. Bald muss ich an den Film „Team America“ denken und die Marionettenversion von Kim Jong Il. Ich möchte lachen, aber in jeder Ecke des Raums stehen bewaffnete Soldaten, die den Film wahrscheinlich weder kennen noch gut fänden.

Gleich danach kommen wir in einen Raum, in dem der private Zugwaggon von Kim Jong Il vorgestellt wird. Krass – er nutzte das gleiche MacBook wie ich! Wir bestaunen auch seinen Mercedes, sein Golf-Cart, sogar sein Boot. Eine Woche zuvor waren wir an Maos Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens; im Vergleich zu diesem Marmor-Monster hier hat Mao nur ein Gartenhüttchen. Eine digitalisierte Weltkarte illustriert mit Laserstrahlen die Reisen von Kim Jong Il. Scheinbar hat er in seinem ganzen Leben nur China und Russland besucht. Selbst ohne eigenen Waggon bin ich da weiter gekommen.

Tanzen

Uns wird versichert, dass es in Nordkorea neben der Moranbang Band auch weitere Popgruppen gibt. Erleben können wir sie leider nicht. Während der fünf Reisetage hören und sehen wir in Kneipen und Restaurants keine einzige Band außer den Militär-Musikerinnen.

Musik in Nordkorea ist nicht von politischer Propaganda zu trennen. Bei öffentlichen Tanzveranstaltungen bewegen sich Tausende Menschen komplett synchron – im Anschluss hält ein Parteifunktionär eine hitzige Rede. Unsere Reisegruppe bestaunt das Spektakel. Erst als wir Touristen uns den großen Kreisen anschließen und mittanzen wollen, merken wir, wie viele verschiedene Schritte man auswendig gelernt haben muss. Vermutlich sollte genau dieses Bild entstehen: Disziplinierte, fleißige Koreaner tun ihr Bestes, um den unfähigen, hoffnungslos überforderten Westlern mitzuziehen.

An einem Nationalfeiertag im Park erleben wir aber auch das genaue Gegenteil. Hier haben junge und alte Menschen Boxen aufgestellt und tanzen vollkommen frei und auch sehr betrunken. Die Touristen werden mit Lächeln, in denen viele Zähne fehlen, in die Runde eingeladen – eine blonde Frau wird regelrecht in die Menge gezerrt. Hier gibt es keine eingeübten Tanzschritte, nur zwanglosen Schwung. Paradoxerweise wirkt der Hobbytanz in Pjöngjang viel freier als etwa in Schanghai oder Hongkong, wo auf öffentlichen Plätzen eine Art koordiniertes Line Dancing praktiziert wird.

Lieben

Der Alltag in der Volksrepublik ist streng reglementiert. Die Studenten tragen nicht nur Uniformen, sondern auch einen einheitlichen Haarschnitt. Überhaupt sieht man wenige Menschen, die sich außerhalb organisierter Gruppen bewegen. Wie also können sich eigentlich junge Nordkoreaner kennenlernen und verlieben? Eine junge Frau erzählt uns von einem Park in Pjöngjang, wo sich Jugendliche zu romantischen Spaziergängen verabreden.

Wieder ein Bild aus den Fünfzigerjahren. Ein US-Amerikaner aus der Gruppe holt sein Telefon raus und fängt an, der jungen Frau zu erklären, wie die Dating-App „Tinder“ zu bedienen ist. Also: nach links oder nach rechts wischen, um sich zum Sex zu verabreden. Andere aus seiner Gruppe pfeifen ihn zurück, aber das Konzept ist tatsächlich nicht so kompliziert. Die Studentin lacht nur (wir hatten befürchtet, dass ihr Kopf explodiert). „So was würde bei uns nicht funktionieren“, sagt sie zur neuesten Erfindung des Imperialismus.

Laufen

An einem unserer Reisetage findet der Pjöngjanger Marathon statt. 500 ausländische Amateure nehmen daran teil – neben nordkoreanischen Profis. Wir sind dabei. Wie ein eiserner Zug rennen die drahtigen kleinen Männer in rot-weiß-blauer Sportkleidung los. Im Vergleich dazu sind die Touristen bunter (auch wenn imperialistische Markenlogos verboten sind) und pummeliger – bereits nach wenigen Schritten fangen wir an, Fotos zu schießen.

Im Durchschnitt sind die koreanischen Läufer doppelt so schnell wie wir. Doch hier ergibt sich eine Gelegenheit, kurz mit den Zuschauern auf dem Bürgersteig zu reden, ohne dass unsere Aufpasser in der Nähe sind. Der Marathon beginnt und endet am Triumphbogen – „der größte der Welt“, wie man uns stolz erzählt. Erst als wir außer Landes sind, informiert uns Wikipedia, dass Mexiko-Stadt einen größeren Bogen hat. Das muss aber nicht jeder hier wissen.

„Das Banner der Welt“ sei die Volksrepublik, sagt der 21-Jährige in grauem Jackett und roter Krawatte, der uns gerade gegrüßt hat. Wir fragen, ob er schon mal irgendwo anders war, in China zum Beispiel. „Nein“, sagt er und bleibt uns somit einen empirischen Beweis für seine Aussage schuldig. Bei seinem stählernen, messianischen Lächeln muss ich zuerst an die Augen von Sektenmitgliedern denken. Dann fällt mir aber ein, dass in den meisten Ländern der Welt die patriotischsten Menschen diejenigen sind, die ihren eigenen Landkreis nie verlassen haben.

Unter der Hand tauschen die Nordkoreaner ausländische Filme. So haben sie ein grobes Bild von den Lebensbedingungen im Ausland. Dennoch gibt es viele Missverständnisse. „Ist die Kim-Il-Sung-Universität international sehr bekannt?“, fragt mich eine Studentin, die nach eigenen Angaben zum ersten Mal mit Nicht-Koreanern spricht. „Tja,“ stottere ich, auf der Suche nach einer Antwort, die unsere Gastgeber nicht beleidigt, „jeder Mensch auf der Welt wird wissen, dass die Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang steht.“ Und das stimmt ja, oder? Aber auch wir stellen fest, dass wir vieles nicht wissen. Jeder hier kennt beispielsweise den Film „Titanic“ – obwohl wir gehört hatten, dass jeder, der Leonardo DiCaprio und Kate Winslet auch nur anguckt, verhaftet wird.

Gärtnern

Die Warteschlange für die Blumenshow ist fast einen Kilometer lang. Doch dank der Dollar und Euro, die wir ins Land bringen, dürfen wir uns fast überall vordrängeln. Im Blumenzentrum sind tatsächlich nur zwei Blumensorten zu sehen: Neben der Kimilsungia gibt es auch die rote Begonie Kimjongilia. Hunderte Arrangements mit verschiedenen Nationalsymbolen und nur diesen beiden Blumen wurden gespendet. Sobald ein amtlicher Fotograf auftaucht, nehmen die Besucher diesen bewundernd-beeindruckten Gesichtsausdruck an, der für jegliche Propaganda gebraucht wird. Wie lange sie das wohl geübt haben?

Herrschen

Keine Sonnenblumen also. Die einzige Sonne, die hier überall zu sehen ist, ist der alte Kim. Obwohl die Nordkoreaner strenge Atheisten sind, werden seine Leistungen unendlich bewundert, so als wären sie magisch. Der Beginn des koreanischen Unabhängigkeitskriegs zum Beispiel wird auf das Jahr 1925 datiert, als der 13 Jahre alte Kim das Haus seiner Großeltern verließ, um in den Kampf zu ziehen. Marx, Engels, Lenin oder Stalin sind in den vergangenen Jahren mehr oder weniger verschwunden. Zwar versteht sich die Volksrepublik nach wie vor als sozialistisch. Doch mit seiner Chuch’e-Ideologie, was so etwas wie Selbstständigkeit bedeutet, hat Kim den Marxismus hinter sich gelassen. Chuch’e heißt, wenn ich den Kurzlehrgang für Touristen richtig verstanden habe, dass der Mensch der Herrscher des Universums ist und alles machen kann, was er will. Aber scheinbar ist Kim ein bisschen mehr Herrscher als alle anderen. Deswegen besteht der 170 Meter hohe Chuch’e-Turm aus genau 25 550 Granitsteinen, einer für jeden Tag im Leben Kims bis zu seinem 70. Geburtstag. Und der nordkoreanische Kalender beginnt mit der Geburt Kims im Jahr 1912. Das ist das Jahr „Juche 1“.

Seit zwei Jahren herrscht Kims Enkel Kim Jong Un, der zumindest einen Teil seiner Jugend in der Schweiz verbrachte. Er investiert in Prestigeprojekte für das Volk. Einst hatte die Website Vice getitelt: „Nordkoreanische Vergnügungsparks lösen Depressionen aus.“ Der Kaeson-Jugendpark im Zentrum der Hauptstadt ist nun runderneuert worden, mit Equipment aus Europa. Die Achterbahn ist wirklich Weltklasse. Die jungen Besucher hier knipsen heimlich Fotos von unserer verhältnismäßig bunten Gruppe. Wir wollen nett sein und stellen uns direkt dazu für Selfies – bis Beamte in Zivil auftauchen, die den jungen Fotografen die Leviten lesen. Was sie genau verbrochen haben, verstehen wir nicht.

Baden

Auch der Munsu-Wasserpark ist nagelneu. Dort stehen ein Dutzend Wasserrutschen, vier davon unter Glaspyramiden. Hier zeigt der junge Diktator seinem Volk, dass das arme Land mit den besten Vergnügungsparks in China oder sogar in der westlichen Welt konkurrieren kann. Der einzige Unterschied: Wir müssen uns vor der Statue von Kim Jong Il am Eingang verbeugen. Die Jugendlichen im Wellenpool werden auf ihr Land stolz gewesen sein, als sie die vor Freude schreienden Touristen gesehen haben – scheinbar bauen die imperialistischen Regierungen so was nicht für ihr Volk.

Sogar ein neues Skiresort hat der junge Kim bauen lassen. Seine Regierung hofft auf einen massiven Anstieg des Tourismus. Zur- zeit kommen hauptsächlich Chinesen, neben einigen Tausend Menschen pro Jahr von weiter weg. Vielleicht haben wir die letzte Chance genossen, Nordkorea kennenzulernen, als es noch cool war.

Arbeiten

„So sieht die Zukunft aus!“, sagt eine Frau aus unserer Gruppe, die in der Umweltbranche arbeitet. Wir blicken auf eine sechsspurige Straße. So weit das Auge reicht, sind genau zwei Autos zu erkennen. Stattdessen sitzen alle auf Fahrrädern mit nur einem Gang. Viele der Plattenbauten sind bunt gestrichen – türkis, orange, sogar pink. Und in fast jedem Fenster erkennen wir Solarpaneele aus China. Wenn der Strom wieder ausfällt, können die Menschen trotzdem ihre Handys aufladen.

Wir erfahren nicht so richtig, womit sich die 22 Millionen Nordkoreaner beschäftigen – außer mit der perfekten Pflege der Rasenflächen. Offiziell arbeiten die meisten für den Staat, aber erst mit kleinen, staatlich geduldeten Märkten für Landwirtschaftsprodukte kommen sie tatsächlich über die Runden. Zu den wichtigsten Exportartikeln gehören laut Medienberichten Klamotten für große Modemarken (geheim), Methamphetamine (geheim) und gefälschte Dollar (geheim).

Meist sind wir nur im Zentrum der Hauptstadt, aber an einem Tag fahren wir quer durch das Land zur Demilitarisierten Zone, und aus den Busfenstern sehen wir, wie die Bauern mit Ochsen und Holzkarren arbeiten. Weit und breit sind keine Traktoren zu sehen. Die rund drei Millionen Menschen in Pjöngjang bilden die Elite des Landes; andere Bürger dürfen ohne eine Sondergenehmigung nicht mal einen Fuß in ihre Hauptstadt setzen. „Die Tribute von Panem“ in echt.

Manche US-Amerikaner in der Gruppe fragen, warum unsere Begleiter nicht über die zahlreichen Straflager im Land berichten. Aber da stellen sie doch sehr hohe Ansprüche an eine staatliche Tourismusgesellschaft. Jedes Land möchte erst mal seine schönen Seiten zeigen.

Als wir die schöne Tanzveranstaltung im Park verlassen hatten, wurden wir noch von alten, zahnlosen Frauen auf einen Schnaps eingeladen. Wir lachten, eine Oma rief uns etwas auf Koreanisch zu. Die Übersetzung? „Kim Il Sung ist der größte Präsident der Welt!“ Die Stimmung ist also nicht nur Show. Den aktuellen Staatschef sehen wir leider nicht persönlich. Scheinbar lässt er sich nicht oft in der Öffentlichkeit blicken, und erst recht nicht an Orten, zu denen Touristen Zugang haben. Dennoch haben wir das Gefühl, dass wir fünf Tage mit der Familie Kim verbracht haben.

Erinnern

Als wir wieder in Peking ankommen, wollen alle gleich ihre E-Mails checken. Hier gibt es Autos, Lärm und Farben. Schnell fühlt man sich gestresst. In der U-Bahn klingt es so, als würden alle gleichzeitig schreien; wir sehnen uns nach der Ruhe der Volksrepublik. Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis wir die Moranbong Band in Berlin begrüßen dürfen.



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