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Repräsentative Studie: „Nachhaltiges Reisen muss nicht teuer sein“

Nachhaltiges Reisen soll auch sie unterstützen: Fischverkäufer auf den Kapverdischen Inseln.

Nachhaltiges Reisen soll auch sie unterstützen: Fischverkäufer auf den Kapverdischen Inseln.

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imago/blickwinkel

Fast zwei Drittel der Deutschen wollen nachhaltig reisen. Die meisten machen es dennoch nicht – weil die zusätzlichen Kosten sie abschrecken. Das hat eine repräsentative Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen des Bundesumweltministeriums ergeben. Dabei muss nachhaltiges Reisen gar nicht so teuer sein, sagt Kai Pardon, Gründer und Geschäftsführer des Dortmunder Reiseveranstalters One World, und Vorstandsmitglied im Forum anders reisen.

Herr Pardon, wann sind Sie zuletzt wohin gereist?

Geschäftlich war ich zuletzt in Südostasien, davor privat fünf Tage wandern in der Eifel. Und, ach ja, zwei Wochen in Polen, das war richtiger Urlaub.

Und welche Reisen waren nachhaltig?

Das Wandern auf alle Fälle, die Polenreise auch. Wenn ich unterwegs bin, achte ich auf regionale Küche und landestypische Unterkünfte. Bei den Geschäftsreisen ist es mit der Nachhaltigkeit natürlich komplizierter.

Regionale Küche und landestypische Unterkünfte – das war’s mit der Nachhaltigkeit?

Natürlich nicht, aber es ist ein Anfang. Ansonsten gibt es klare Kriterien, zum Beispiel, dass die Wertschöpfung in der Region bleibt.

Nennen Sie ein Beispiel, wo die Wertschöpfung nicht in der Region bleibt.

Gerade die großen Touristikkonzerne haben damit zu kämpfen. Nehmen Sie etwa die spanische Riu-Gruppe mit ihren All-inclusive-Hotels auf den Kapverden vor der westafrikanischen Küste: Da wird das komplette Catering bis auf den Fisch aus Spanien importiert. Der Müll dagegen wird nicht wieder mitgenommen. Auch die Geschäfte, Cafés und Restaurants in diesen touristischen Industriegebieten profitieren nicht von den Urlaubern, weil die in ihrem Hotel ja alles bekommen.

Ist all-inclusive immer schlecht?

Nein. Der All-inclusive-Urlaub und die großen Hotels haben natürlich ihre Daseinsberechtigung. Nur müssten sich die Touristikkonzerne mehr Gedanken um die soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in den Urlaubsländern machen.

Welche Gedanken machen Sie sich?

Wir versuchen, die Wirtschaftsstrukturen vor Ort zu nutzen. Das All-inclusive-Prinzip funktioniert ja so: Man baut ein Hotel in einem Land, wo die Sonne scheint und ein Strand in der Nähe ist. Das war’s. Wir stellen unsere Reisen so zusammen, dass die Wertschöpfung möglichst in den Ländern bleibt. Das heißt, wir nutzen Hotels, die ihre Steuern im Land bezahlen und bestenfalls in einheimischer Hand sind und nicht irgendeinem Investor gehören. Wir gehen in lokale Restaurants, wir engagieren lokale Guides und legen Wert auf angemessene Entlohnung.

Lassen Sie uns übers Geld reden: Wie viel teurer ist nachhaltiges Reisen?

Unsere Erlebnisreisen mit Ausflügen, Begegnungen, Wanderungen und Besichtigungen kann man natürlich nicht mit einem Strand- und-Sonne-Urlaub vergleichen. Wenn Sie aber die Rundreisen großer Anbieter nehmen, dann sind unsere Angebote nicht wesentlich teurer. Bei uns drückt sich Qualität nicht unbedingt in der Anzahl der Sterne eines Hotels aus. Es müssen nicht immer vier Sterne sein, bei uns geht es auch um Persönlichkeit, Freundlichkeit und Flair. Danach suchen wir, und das ist nicht teurer als diese Vier-Sterne-Hotels, die überall auf der Welt gleich aussehen.

Nennen Sie mal einen Preis. Wie viel teurer sind Sie?

Das ist nicht so einfach. Viele Veranstalter haben bei Rund- und Erlebnisreisen große Gruppen, Wanderreisen mit 25 Leuten zum Beispiel. So etwas machen wir nicht. Das wirkt sich natürlich auf den Preis aus, denn die Kosten für den Reiseleiter und den Transfer sind dieselben. Ansonsten muss nachhaltiges Reisen nicht teurer sein.

In der Studie heißt es, dass zwei Drittel der Deutschen ihre Reise gern nachhaltig gestalten würden. Warum machen sie es dann nicht, wenn es noch nicht mal teurer ist?
Nachhaltiges Reisen ist ja kein Selbstzweck. Die Leute verreisen nicht der Nachhaltigkeit wegen, sondern sehen das als Zusatznutzen.

Für ihr gutes Gewissen.

Auch. Aber insgesamt sind die Menschen sensibler geworden. Daraus erwachsen Forderungen an die Reiseveranstalter: Sie möchten, dass in dem Urlaubsland auf die Menschenrechte geachtet wird, dass es dort keine Kinderarbeit gibt, dass die Leute in den Hotels ordentlich bezahlt werden, und dass an dem Strand keine Schildkröten abgeschlachtet werden. Und schon haben wir eine nachhaltige Reise.

Haben die großen Touristikkonzerne das Thema Nachhaltigkeit im Blick oder doch wenigstens erkannt?

Am Ende des Tages geht immer noch viel über den Preis. Aber es gibt auch Unterschiede zwischen den großen Reiseveranstaltern. Die Tui hat eine eigene Produktschiene mit nachhaltigeren Unterkünften. Andere haben das leider noch nicht.

Das sind die, die damit werben, dass sich die Meiers drei Urlaube im Jahr leisten können.

Das haben Sie gesagt. Aber letztlich bestimmt der Verbraucher. Wenn die Nachfrage steigt, wird es auch mehr Angebote geben.

Wir reden die ganze Zeit von Fernreisen, also auch von Flügen. Wo bleibt da die Nachhaltigkeit?

Natürlich ist eine Flugreise erst mal nicht besonders nachhaltig, was den Ausstoß von Kohlendioxid und die Klimaerwärmung betrifft. Das ist uns bewusst. Deshalb geben wir unseren Kunden die Möglichkeit, den CO2-Verbrauch finanziell auszugleichen.

Wie geht das?

Sie zahlen einen Aufschlag, den wir an die Klimaschutzorganisation Atmosfair abführen. Atmosfair unterstützt Projekte in ärmeren Länder, wo man mit wenig Maßnahmen viel Energie sparen kann. So wird die Emission, die Sie durch Ihre Flugreise verursachen, woanders wieder ausgeglichen.

Es geht schon wieder los: Wie teuer?

Bei einer Kanarenreise sind das gerade mal zwei Prozent, die Sie draufzahlen.

In Euro.

Wenn die Reise 1500 Euro kostet, dann sind das 30 Euro mehr.

Und? Zahlt der Verbraucher das?

Die meisten schon. Unsere Touren mit Mittelstreckenflügen sind jedenfalls nicht schlechter gebucht als im vergangenen Jahr. Wenn man allerdings nach Neuseeland, Thailand oder Vietnam fliegt, wird der Zuschlag schnell dreistellig.

Wie sieht da die Bereitschaft aus?

Das machen schon deutlich weniger. Wenn man sich die Zahlen von Atmosfair anschaut, ist die Bereitschaft dafür verschwindend gering. Bei uns von One World sind es immerhin noch zehn Prozent, die das freiwillig drauflegen.

Gibt es eigentlich so etwas wie ein Gütesiegel? Einen TÜV für nachhaltiges Reisen?

Die Mitglieder im Forum anders reisen müssen einen Kriterienkatalog erfüllen, zum Beispiel beim Flug. Es dürfen keine Reisen mit Langstreckenflügen angeboten werden, die kürzer als 15 Tage dauern. Ein Shoppingwochenende in New York werden Sie bei uns also nicht finden. Bei Mittelstrecken unter 3 500 Kilometern Entfernung beträgt die Mindestreisedauer eine Woche. Außerdem ist es für alle Veranstalter verbindlich, sich zertifizieren zu lassen. Dabei werden die internen Strukturen der Anbieter untersucht, ob sie etwa Ökostrom nutzen, aber natürlich auch die Programme in den Reiseländern auf Nachhaltigkeit überprüft.

Sie fliegen jetzt geschäftlich auf die Kapverdischen Inseln. Wie nachhaltig ist das denn?

Wenn ich fliege, kompensiere ich immer mit Atmosfair. Und auf den Kapverden betreiben wir ja selbst eine kleine Agentur, die sich für den nachhaltigen Tourismus einsetzt. Insofern habe ich da kein schlechtes Gewissen.

Das Interview führte Björn Wirth.