20.10.2011

Satellit Rosat: Ein glühendes Ende

Von Anatol Johansen
Mehr als 10.000 Objekte (hier vergrößert dargestellt) umkreisen die Erde, wie die Computersimulation zeigt. Darunter sind  ausrangierte Satelliten  wie Rosat.
Mehr als 10.000 Objekte (hier vergrößert dargestellt) umkreisen die Erde, wie die Computersimulation zeigt. Darunter sind ausrangierte Satelliten wie Rosat.
Foto: ESA

Wo der ausgediente Röntgensatellit Rosat aufschlagen wird, ist noch ungewiss. Theoretisch können seine Trümmer auch Deutschland treffen.

Vor 21 Jahren brachte er die deutsche Röntgen-Astronomie weltweit in Führung. Jetzt torkelt der 2,4 Tonnen schwere Brocken unkontrolliert seinem Absturz entgegen. Frühestens am Freitag, spätestens am Montag, soll der deutsche Röntgensatellit Rosat – oder das, was von ihm nach dem feurigen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre noch übrig ist – auf der Erde einschlagen.

In welchem Gebiet das sein wird, ist noch offen. Fest steht bislang nur, dass er zwischen 53 Grad nördlicher und südlicher Breite niedergehen wird. Das teilte das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit. Im Idealfall treffen die Trümmer unbewohntes Gebiet oder landen im Meer. Theoretisch könnten aber auch Gebiete in der Mitte und im Süden Deutschlands von Trümmern getroffen werden, also auch das Rhein-Main-Gebiet. Außerhalb der Gefahrenzone liegen Hamburg, Schleswig-Holstein, das nördliche Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern. Präzise Angaben über das genaue Einschlagsgebiet können die Experten allerdings erst unmittelbar vor dem Absturz machen.

Mit Röntgenblick

Der deutsche Röntgensatellit Rosat startete am 1. Juni 1990 vom US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral ins All.
Seine Mission war ursprünglich nur für 18 Monate konzipiert. Wegen des großen wissenschaftlichen Erfolgs wurde sie dann jedoch so lange wie möglich verlängert.
Erst am 12. Februar 1999 wurde Rosat abgeschaltet. Seither besteht auch keine Verbindung mehr zum Kontrollzentrum.

„Bei Satelliten wie Rosat hängt viel von äußeren Umständen ab“, sagt DLR-Chef Jan Wörner. Beispielsweise könnten der Sonnenwind und Veränderungen in der Atmosphäre die Wiedereintritts-Zeit verändern. Wörner: „Wir müssen abwarten und beobachten.“

Der eigentliche Absturz des Satelliten beginnt in etwa 100 Kilometern Höhe beim Eintritt in die Erdatmosphäre mit knapp 28.000 Stundenkilometern. Rosat wird sich beim Wiedereintritt auf annähernd 1000 Grad Celsius aufheizen und in zahlreiche Teile zerbröseln.

Unsere Einblicke ins All: Die wichtigsten Teleskope

Bildergalerie ( 15 Bilder )

Die meisten kleineren Trümmer dürften den feurigen Abstieg nicht überleben und zu Asche zerfallen. Größere Brocken sollen etwa zehn Minuten nach Beginn des Absturzes mit einem Tempo von etwa 400 Stundenkilometern auf dem Erdboden oder dem Ozean aufschlagen. Dabei kann ein etwa 80 Kilometer breiter, unter der Satellitenbahn liegender Streifen getroffen werden.

Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich von einem Bruchstück des Satelliten erwischt zu werden, ist allerdings sehr gering. Sie wurde vom DLR für Deutschland mit 1 zu 700.000 errechnet. Zum Vergleich: Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Zugunglück umzukommen, liegt bei 1 zu 500.000.

Inzwischen rechnet das DLR damit, dass immerhin rund 1,7 Tonnen Satellitentrümmer die Erde erreichen dürften – etwa Bauteile aus Glas und Keramik und eventuell auch sehr schwere Einzelstücke wie der extrem plan geschliffene Spiegel des 2,40 Meter langen Röntgenteleskops, der allein mehr als eine Tonne wiegt.

Er war bisher das Prunkstück des Satelliten und bereitet nun die größten Sorgen. Wegen der extrem kurzen Wellenlänge der Röntgenstrahlen kommt bei einem Röntgenteleskop der Ebenmäßigkeit des Spiegels die größte Bedeutung zu. Geräte vor Rosat hatten es auf eine sogenannte Mikrogenauigkeit von zwei Nanometern (Millionstel Millimeter) gebracht. Die Firma Carl Zeiss erreichte beim Rosat-Spiegel 0,3 Nanometer und baute damit den damals mit Abstand glattesten Spiegel der Welt.

Die Erfolge waren entsprechend. Rosat war konstruiert worden, um Sterne aufzuspüren, die im Röntgenbereich strahlen. Viele dieser Himmelskörper geben im sichtbaren Bereich gar kein Licht ab. Sie leuchten also nicht, und sind mit normalen, optischen Teleskopen auch gar nicht aufzuspüren. 800 dieser Röntgen-Quellen waren bekannt, als Rosat startete.

Beim Ende seiner Betriebszeit am 12. Februar 1999 hatte der Satellit diese Zahl auf annähernd 100.000 erhöht und damit entscheidend zu einer völlig neuen Himmelskarte im Röntgenbereich beigetragen. Ebenso hatte er erstmals Röntgenstrahlung von Kometen festgestellt, Galaxienhaufen und Supernovae-Überreste untersucht sowie Neutronensterne entdeckt.

Die Ergebnisse, die der Rosat-Satellit erbracht hat, sind inzwischen weltweit in mehr als 7000 wissenschaftlichen Publikationen dokumentiert und sollen nun ihrerseits in anderen Arbeiten bereits mehr als 100.000-mal zitiert worden sein. Rund 4000 Wissenschaftler aus 26 Nationen haben mit Rosat geforscht. Sie werden das Ende des Super-Satelliten wohl mit Spannung und Wehmut zugleich verfolgen.

Anzeige
Neueste Bildergalerien Wissen
Anzeige
Anzeige
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
40 Staus mit einer Gesamtlänge von 90km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige