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Rechter Terror: Behörden sollen NSU-Trio gedeckt haben

Die einzige Überlebenden des NSU-Terrortrios muss sich seit drei Monaten vor Gericht verantworten.

Die einzige Überlebenden des NSU-Terrortrios muss sich seit drei Monaten vor Gericht verantworten.

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dpa

Während der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages bereits an seinem Abschlussbericht schreibt, setzen die Abgeordneten in den Landtagen von Sachsen und Thüringen die Ermittlungen fort. Insbesondere der Erfurter Ausschuss hat dabei zuletzt – weitgehend unbeachtet von der auf den NSU-Prozess fixierten Öffentlichkeit – neue Ungereimtheiten aufgedeckt, die das Handeln staatlicher Behörden nach der Flucht des Trios im Januar 1998 weiter ins Zwielicht rücken. Ganz offen haben zudem Ermittlungsbeamte vor dem Ausschuss Vermutungen geäußert, wonach Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach ihrem Untertauchen vom Verfassungsschutz gedeckt worden sein sollen.

So beklagte sich Jürgen Dressler, in den 90er-Jahren Leiter der Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus (EG TEX) im Erfurter Landeskriminalamt, vor dem Untersuchungsausschuss darüber, dass seinerzeit alle Aktionen des LKA gegen rechte Aktivisten vorab dem Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) gemeldet werden mussten. Nach seinem Eindruck seien manche Verdächtige dann vom LfV gewarnt worden.

Auch die erfolglose Suche nach dem untergetauchten Trio habe laut Dressler am LfV gelegen. „Wir sind damals von einer staatlichen Unterstützung ausgegangen“, sagte er Ende Juni vor dem Ausschuss. Er und der zuständige Zielfahnder Sven Wunderlich hätten diesen Eindruck seinerzeit vom Verfassungsschutz gehabt.

Zielfahnder nicht informiert

Zielfahnder Wunderlich bestätigte dies in der gleichen Ausschusssitzung. Wichtige Fahndungsdaten seien ihm vom LfV vorenthalten worden, sagte er. Als er einmal in einem Gespräch mit einem damaligen leitenden Verfassungsschützer die Frage stellte, wo die Drei denn wohl stecken könnten und ob sie vielleicht schon tot seien, habe der ihm geantwortet: „Die sind gar nicht so weit weg und denen geht es eigentlich ganz gut.“

Für die These der beiden LKA-Beamten, dass das LfV die Fahndung nach dem Trio hintertrieben haben könnte, sind nach Informationen der Berliner Zeitung inzwischen neue Indizien aufgetaucht. So hatten die Ermittler im Februar 1998 festgestellt, dass eine unbekannte Person an einem Geldautomaten der Sparkasse in Jena mit der EC-Karte 1 800 Mark von Böhnhardts Konto abgehoben hatte. Das Überwachungsvideo vom 11. Februar 1998, auf dem die Person am Geldautomaten zu sehen ist, wurde von der Sparkasse der Polizei ausgehändigt und zur Auswertung an das LfV übergeben. Dort verschwand die Videokassette. Die Zielfahnder wurden nicht einmal über die Existenz der Aufzeichnung informiert.

Telefonverzeichnis verschwunden

Verschwunden ist auch ein brisantes Beweismittel aus Böhnhardts Wohnung. Am 26. Januar hatte sich Uwe Böhnhardt während der Durchsuchung einer Garage abgesetzt, die sich als Bombenwerkstatt des Trios entpuppte. Noch am selben Tag durchsuchten Polizeibeamte daraufhin das Zimmer des Flüchtigen in der elterlichen Wohnung im Stadtteil Jena-Winzerla. Das zweiseitige Protokoll der beschlagnahmten Asservate, das dieser Zeitung vorliegt, listet unter Punkt 2 „2 Bl. (Blatt, An. d. Red.)

Telefonnummernverzeichnis relevanter Personen“ auf. Ob es sich bei diesem Verzeichnis um eine Kopie der in der Garage aufgefundenen Telefonliste des Trios mit Fluchthelfern und Freunde handelt oder noch andere Personen darauf aufgeführt sind, die die Suche nach den drei Flüchtigen damals erleichtert hätte, lässt sich nicht mehr feststellen – das Telefonverzeichnis aus Böhnhardts Wohnung ist seit seiner Beschlagnahme verschwunden.

Die Fahnder von damals sind sich heute sicher, die zwei Blätter – wie übrigens auch die Telefonliste aus der Garage – nie zu Gesicht bekommen zu haben.



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