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Reise-Kaiser

Reise-Kaiser hieß er im Volke, denn Wilhelm II. war unternehmungslustig. Bald vierzigjährig, machte er sich mit seiner Gemahlin auf ins Heilige Land. Die Yacht "Hohenzollern" trug beide von Konstantinopel nach Haifa. Von dort zog ihre Karawane über Baalbek nach Jerusalem. Die Erlöser-Kirche am Reformationstag einzuweihen, war des Paares Ziel. In seiner Gardeuniform mit goldenem Kürass beschwor der Monarch am Altar den Frieden auf Erden. In Bethlehem betonte er die Kraft des Beispiels und wies Dogmen wie Belehrungsversuche ab. Unrecht sei es, wenn Europäer das von Türken beherrschte Reich zerstückelten. Christen böten mit Kirchenspaltungen selbst ein hässliches Bild. Der Paukenschlag: In Damaskus ehrte der Deutsche gar die Grabstätte Salah ad-Dins, des Eroberers von Jerusalem, und griff Worte seines Gastgebers auf, in denen er 300 Millionen Muslimen und ihrem Kalifen versicherte, zu allen Zeiten ein treuer Freund zu sein.Dass vor allem ausländische Zeitgenossen all dies beargwöhnten, lag nahe. Der Kaiser durchdringe durch deutsche Siedler als Waffe das Heilige Land, hieß es mit Blick auf Kolonien der württembergischen Templer und der zionistischen Bauern. Wie nun der von den beiden Nahostexperten Klaus Jaschinski und Julius Waldschmidt edierte Band erhellt, war dies purer Unsinn ebenso wie der Monarch strebe Stützpunkte für seine Flotte an. Noch heute wird eine imperiale oder koloniale Zwecksetzung dieser Orient-Reise vermutet. Dies war keineswegs der Fall. Dem Kaiserpaar lag an einer Festfahrt des Glaubens zur Erlöserkirche auf dem Muristan. Auf jenem Jerusalemer Land mit den Ruinen der Johanniter-Kirche also, das Wilhelms Vater als Geschenk des Sultans erhalten hatte als er nach der Eröffnung des Sueskanals 1869 noch die Metropole Palästinas bereiste. In dieser Art steuerten die Hohenzollern im Nahen Orient einen Kurs, der auf die Wahrung des Besitzstandes, auf die Erhaltung des Osmanischen Reichs und auf die Vermittlung in europäischen Konflikten abzielte. Wer durfte das in den orientalischen Krisen noch von sich behaupten? Briten, Franzosen und Russen jedenfalls nicht, die sich weitere osmanische Gebiete einverleibten. So gesehen, glich das deutsche Vorgehen im Nahen Orient der frühen Washingtoner Politik, die gleichwohl wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Interessen in das Zentrum gerückt hat. (wsch.)Klaus Jaschinski, Julius Waldschmidt (Hrsg.): Des Kaisers Reise in den Orient 1898. Trafo Verlag, Berlin 2002. 190 S., 22,80 Euro.


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