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Berliner Zeitung | Reportage aus Donezk: Neonazis für den Häuserkampf
10. August 2014
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Reportage aus Donezk: Neonazis für den Häuserkampf

Maskierte Freiwillige werden in Kiew auf das Bataillon „Asow“ vereidigt.

Maskierte Freiwillige werden in Kiew auf das Bataillon „Asow“ vereidigt.

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imago

Am Rand der Industriestadt Donezk, an einem heißen Augustabend, haben sich plötzlich die Tore Walhallas geöffnet. Jetzt sitzt an Odins Tafel der junge Sergej Grek, Spitzname Balagan („Schabernack“). Balagan ahnte nicht, dass er im Vorort Marjinka in einen Hinterhalt geraten würde. Zusammen mit seinen Kameraden vom Bataillon „Asow“ ging er hinter einem Panzer der ukrainischen Armee her, als eine Sprengladung ferngezündet wurde. Die Explosion riss ihm ein Bein ab.

Nun liegt der tote Balagan im offenen Sarg, aufgebahrt in der Mittagshitze in Ursuf, dem Stützpunkt seines Bataillons. Am Kopfende weht die Fahne mit der Wolfsangel-Rune. Bataillonskommandeur Andrej Belezki hält vor dreihundert Kämpfern eine kurze Ansprache: Balagan habe gelebt wie ein Mann und sei gestorben wie ein Mann, sagt er, Balagan bereue nichts! „Versprechen können wir ihm nur eins“, sagt Belezki und schaut auf den Sarg – „dass wir ihn rächen bis zum letzten Mann!“ Dann wird in die Luft geschossen, und in langer Reihe nehmen sie Abschied. Die Männer heben den rechten Arm eckig vor die Brust, fast keiner bekreuzigt sich. Sie haben es nicht so mit dem Christentum. Sie haben andere Götter.

Mit Beginn dieses Monats ist der Krieg in der Ostukraine in eine neue Phase eingetreten. Die Kämpfe haben die Millionenstadt Donezk erreicht, den Hauptsitz der Rebellen. Das Gefecht im Vorort Marjinka am 4. August hat aber auch etwas anders gezeigt: Die gestiegene Rolle jener Freiwilligeneinheiten, die die reguläre Armee stützen. Je mehr sich der Kampf in die Städte verlagert, desto wichtiger werden sie.

Das Bataillon „Asow“ ist eine dieser Einheiten, und es ist die auffälligste. Offiziell ist es eine Sondereinheit der Polizei, faktisch geben hier Neonazis und Neuheiden den Ton an. „Asow“ wirkt wie ausgedacht von der Propaganda des Kreml, aber es ist echt.

Von Donezk sind es 150 Kilometer nach Ursuf, zum Stützpunkt des Bataillons. Bis auf die ersten 20 Kilometer ist die ganze Strecke in der Hand der Regierung, man fährt ungestört an weiten Sonnenblumenfeldern vorbei. Ursuf liegt am Asow’schen Meer, es ist ein Badeort mit rotgebrannten Menschenleibern und Buden, an denen Teigtaschen und billiger Wein verkauft wird. Der Stützpunkt liegt direkt am Strand, in einer ehemaligen Residenz von Viktor Janukowitsch, dem gestürzten Präsidenten des Landes. Er hat sie gebaut, als er noch Gouverneur von Donezk war.

Jetzt steht der Fahrzeugpark des Bataillons auf dem Innenhof, darunter ein selbstgebasteltes Panzerfahrzeug. Es ist ein Kamaz-Laster, mit Stahlplatten behängt und schwarz übermalt. Auch vier Schützenpanzerwagen stehen da, versteckt unter Tarnnetzen. „Glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht, die haben uns Freiwillige geschenkt. Das Innenministerium findet nämlich, dass wir kein schweres Gerät nötig haben“, sagt Kommandeur Belezki vorwurfsvoll. Er ist ein durchtrainierter schlanker Mann und hinkt ein wenig, weil er sich beim Gefecht in Marjinka den Fuß verstaucht hat. Auf seinem schwarzen Trikot ist die ukrainische Fahne verkehrtherum abgebildet: Statt Blaugelb – blauer Himmel über gelbem Kornfeld – ist es Gelbblau, das soll für die gelbe Sonne über blauem Meer stehen. Die Rechten finden die Nationalflagge in ihrer Originalversion zu knechtisch, weil das Kornfeld für Feldarbeit steht.

Anführer eines Kreuzzugs

Belezki ist 35 Jahre alt und stammt aus Charkow in der Ostukraine, er spricht Russisch mit seinen Männern und mit den Medien. Noch vor einem halben Jahr saß er in Charkow in Untersuchungshaft, wegen des Vorwurfs des Extremismus. Belezki ist Führer der rechtsextremen „Sozial-Nationalen Versammlung“ (SNA). Er ist für die „rassische Reinigung der Nation“. Die historische Sendung des ukrainischen Volkes sei es, „die weißen Völker der Welt auf ihren letzten Kreuzzug im Kampf ums Überleben anzuführen. Der Feind ist das von Semiten angeführte Untermenschentum.“ Man kann das in einem seiner Texte auf der SNA-Webseite nachlesen.

Dann siegte der Maidan, unter starker Mithilfe rechter Nationalisten, und das Parlament amnestierte Belezki im Februar als „politischen Gefangenen“. Nicht viel später hatte der neue Innenminister die Idee, Freiwilligeneinheiten aufzustellen. Jetzt ist Belezki Kommandeur einer Polizei-Einheit, seine Mitgefangenen sind mit dabei, und das Logo der rechtsextremen SNA wird auf jede Uniform genäht, unterlegt mit einer slawischen Haken-Sonne.

Belezki redet derzeit wenig von Politik, jedenfalls öffentlich. Er redet vom Krieg, beziehungsweise der „Anti-Terror-Operation“. Zu ihrem Erfolg hat das Bataillon einiges beigetragen. Im Juni hat es die Separatisten aus der Hafenstadt Mariupol vertrieben – der erste große Sieg. Vor dem Kampf hatte Belezki die Krieger auf Walhalla eingestimmt, aber es ist kein einziger gefallen. Dafür haben sie dreißig bewaffnete Separatisten festgenommen und den Behörden überstellt. „Das allein zeigt ja schon, dass wir keine Todesschwadron sind, wie es die russische Propaganda behauptet“, sagt er.

Balagan ist der erste Tote des Bataillons. Dennoch nennt Belezki die Operation „einen 101-prozentigen Erfolg“. Marjinka war der westlichste Vorposten der Separatisten, von hier aus konnten sie in die Steppe vor der Stadt schießen, wo die Regierungstruppen stehen. Eine Erstürmung scheiterte mehrfach. Die ukrainische Armee ist im Nahkampf schlecht, sie schießt lieber aus der Ferne. Der Kommandeur vor Marjinka rief daraufhin das Bataillon „Asow“ zu Hilfe, es sollte im Häuserkampf den Vorort „säubern“. Erst am Abend gerieten sie in den Hinterhalt, mit Feuer von allen Seiten.

Im nächsten Abschnitt lesen Sie, wie ein schwedischer Scharfschütze sich in der Ostukraine verdingt.

„Es war ein brillanter Hinterhalt“, sagt Mikael Skillt, und er küsst dabei seine Finger wie ein Feinschmecker, der ein gelungenes Gericht preist. Skillt weiß einen guten Hinterhalt zu schätzen, er ist ausgebildeter Scharfschütze. Er kommt aus Stockholm, spricht Englisch mit einem gutmütig klingenden schwedischen Akzent, und auf seinen Leib ist von der Tyr-Rune bis zur Midgard-Schlange allerlei Nordisches tätowiert. Daheim war Skillt Mitglied in der rechtsradikalen „Partei der Schweden“. Dann sah er, wie im fernen Kiew Nationalisten mit Holzschilden und Eisenstangen in den Kugelhagel des Maidan liefen, und das hat ihn beeindruckt, auch wenn er es unsinnig fand. Skillt verkaufte seine Stockholmer Wohnung und reiste nach Kiew.

Jetzt leitet er einen Spähtrupp von zwölf Mann, er ist fast der einzige Profi unter Enthusiasten. Aber er ist bei Weitem nicht der einzige Ausländer. „Wir haben Kämpfer aus ganz Europa, vom Süden bis Irland und Skandinavien“, sagt Belezki. Der gefallene Balagan war sogar ein gebürtiger Moskauer. Die Einheimischen stammen zum guten Teil aus der Ostukraine, militärische Erfahrung haben sie nicht. Dafür sind sie besser motiviert, sagt Skillt. Das erklärt, warum die Separatisten in Marjinka mit ihrem sorgfältig vorbereiteten Hinterhalt scheiterten und flohen. „Die hatten nicht unsere Eier“, sagt Skillt.

Alle zwei Wochen ruft Skillt seine Mutter in Schweden an, dann sagt sie: „Komm zurück, wenn Du fertig bist“. Skillt weiß noch nicht, wann er fertig ist, und zurück in die Welt des Friedens will er auch nicht. Er hat ein Angebot, in Syrien zu kämpfen, auf Seiten der Regierung von Präsident Assad und damit ja eigentlich auch Wladimir Putins. Gutes Geld würde es da geben, nicht 150 Dollar im Monat wie hier, und geopolitisch fände er es auch richtig – als Vorneverteidigung gegen die Islamisten, „bevor die bei mir in Stockholm auftauchen.“

Aber wie lange wird der Krieg in der Ostukraine dauern? Das ist derzeit schwer zu sagen. Am Sonnabend hat der neue „Premierminister“ der Donezker Rebellen verkündet, man sei zu einem Waffenstillstand bereit, weil Donezk ja nun eingeschlossen sei. Die Zivilbevölkerung müsse versorgt werden. Aber von Aufgabe war keine Rede. Donezk könne für Kiew zu einem zweiten Stalingrad werden, hieß es in derselben Erklärung. Der nationale Sicherheitsrat in Kiew lehnte die Feuerpause ab.

Klar ist, dass der Krieg nach Donezk gekommen ist. Aber „Donezk ist groß, das kann man nicht mit Raketenwerfern kaputtschießen wie ein Dorf“, sagt Skillt. Für einen Häuserkampf wird man viele Freiwillige brauchen. Die Wehrpflichtigen sind dafür ungeeignet, die reguläre Armee schießt lieber aus sicherer Entfernung. Deshalb gingen ja auch die vielen Opfer in der Zivilbevölkerung auf ihre Rechnung, nicht auf die der Freiwilligen. Belezki sagt: Wenn der Krieg Neujahr zu Ende geht, dann wäre das schon eine sehr optimistische Prognose. Und danach beginne der Kampf gegen Partisanen.

Tricksereien werden geduldet

Bisher hat das Innenministerium nach eigenen Angaben 30 Bataillonen aufgestellt, von denen allerdings die wenigsten Kampfeinheiten sind wie „Asow“. Weitere Freiwillige kämpfen in der Nationalgarde und in der „Territorialverteidigung“, die dem Verteidigungsministerium untersteht. Eigentlich müssen alle Kämpfer des Bataillons als Polizeimitglieder registriert werden, aber Kommandeur Belezki nennt die Prozedur „pure Schikane“. Die Mehrheit der Kämpfer schere sich gar nicht drum. Die Gehälter, die das Innenministerium den registrierten Kämpfern zahlt, werden einfach gesammelt und auf alle Kämpfer neu verteilt.

Im Innenministerium drückt man offenbar beide Augen zu, was diese Tricksereien angeht. „Völlig transparent“ nennt Anton Geraschtschenko die Ausgabe von Waffen und Polizeiausweisen. Geraschtschenko ist Berater von Minister Arsen Awakow. Von unregistrierten Kämpfern, Ausländern gar, will er nichts wissen. „Ich will Ihnen mal was sagen: Ihre Frage ist nicht die, die heute für uns wichtig ist“, rügt er am Telefon. „Jeden Tag fragen mich die Leute, ob Putin morgen einmarschiert, und was Länder wie Deutschland unternehmen. Das sind wichtige Fragen.“ 3000 Freiwillige dienten in den Sondereinheiten der Polizei, sagt er – mit der Aussicht, nach dem Ende der „Anti-Terror-Operation“ zu bleiben.

Aber soll ein Staat Männer mit Vorstrafen und SS-Tätowierungen hochrüsten? Das wird in der Öffentlichkeit gar nicht diskutiert. Die Regierung ist froh, wenn Maidan-Kämpfer und Rechtsextreme ihre Energie für die „Anti-Terror-Operation“ einsetzen, anstatt in der Hauptstadt Ärger zu machen. Die Strategie ist natürlich riskant, denn irgendwann werden die Freiwilligen mit Kampferfahrung nach Kiew zurückkommen. „Diese Gefahr wird bloß im kleinen Kreis diskutiert“, sagt der Kiewer Politologe Wladimir Fesenko. Immerhin wurden die Freiwilligeneinheiten auf unterschiedliche Behörden zerstreut, und schwere Waffen hat man ihnen verweigert. Und natürlich sind die allermeisten Kämpfer keine Neonazis, aller Propaganda aus Moskau zum Trotz.

Schon jetzt kann man allerdings politisches Kapital aus dem Kampf im Osten schlagen. Wie das geht, macht Oleg Ljaschko vor, der junge Rechtspopulist und Star der ukrainischen Politik. Ihm wird ein besonders enges Verhältnis zum Bataillon „Asow“ nachgesagt, auch wenn sie das in Ursuf abstreiten. Ljaschko reist gern in den Osten des Landes, um vor laufender Kamera als Rächer Kiews aufzutreten. Das Bataillon hat ihm dabei mehrfach geholfen. Im Mai fingen sie für ihn einen hochrangigen Rebellen, den hat Ljaschko dann fernsehwirksam gedemütigt. Man sah den Mann in Unterhosen und mit blutigen Schrammen. Das Ganze wurde als „Verhör“ ausgegeben. Auch den Angriff auf Marjinka hat Ljaschko bejubelt – und zwar auf Facebook, kaum hatte die Operation begonnen. Der Vizegouverneur von Dnepropetrowsk warf Ljaschko daraufhin vor, zum Hinterhalt beigetragen zu haben.

Asow-Kommandeur Belezki will nicht Partei ergreifen in der Sache. Ljaschko ist für ihn wichtig, aber die Dnepropetrowsker darf er auch nicht verärgern. Dort sitzt nämlich der Oligarch Igor Kolomojski. Er ist als Jude eine Hassfigur der Neonazis, aber zugleich der Hauptsponsor der gesamten „Anti-Terror-Operation“. Schade nur, sagt Belezki, dass der Riesenerfolg von Marjinka vom Streit überschattet wurde.

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