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Reportage aus Donezk: Neonazis für den Häuserkampf

Maskierte Freiwillige werden in Kiew auf das Bataillon „Asow“ vereidigt.

Maskierte Freiwillige werden in Kiew auf das Bataillon „Asow“ vereidigt.

Foto:

imago

Am Rand der Industriestadt Donezk, an einem heißen Augustabend, haben sich plötzlich die Tore Walhallas geöffnet. Jetzt sitzt an Odins Tafel der junge Sergej Grek, Spitzname Balagan („Schabernack“). Balagan ahnte nicht, dass er im Vorort Marjinka in einen Hinterhalt geraten würde. Zusammen mit seinen Kameraden vom Bataillon „Asow“ ging er hinter einem Panzer der ukrainischen Armee her, als eine Sprengladung ferngezündet wurde. Die Explosion riss ihm ein Bein ab.

Nun liegt der tote Balagan im offenen Sarg, aufgebahrt in der Mittagshitze in Ursuf, dem Stützpunkt seines Bataillons. Am Kopfende weht die Fahne mit der Wolfsangel-Rune. Bataillonskommandeur Andrej Belezki hält vor dreihundert Kämpfern eine kurze Ansprache: Balagan habe gelebt wie ein Mann und sei gestorben wie ein Mann, sagt er, Balagan bereue nichts! „Versprechen können wir ihm nur eins“, sagt Belezki und schaut auf den Sarg – „dass wir ihn rächen bis zum letzten Mann!“ Dann wird in die Luft geschossen, und in langer Reihe nehmen sie Abschied. Die Männer heben den rechten Arm eckig vor die Brust, fast keiner bekreuzigt sich. Sie haben es nicht so mit dem Christentum. Sie haben andere Götter.

Mit Beginn dieses Monats ist der Krieg in der Ostukraine in eine neue Phase eingetreten. Die Kämpfe haben die Millionenstadt Donezk erreicht, den Hauptsitz der Rebellen. Das Gefecht im Vorort Marjinka am 4. August hat aber auch etwas anders gezeigt: Die gestiegene Rolle jener Freiwilligeneinheiten, die die reguläre Armee stützen. Je mehr sich der Kampf in die Städte verlagert, desto wichtiger werden sie.

Das Bataillon „Asow“ ist eine dieser Einheiten, und es ist die auffälligste. Offiziell ist es eine Sondereinheit der Polizei, faktisch geben hier Neonazis und Neuheiden den Ton an. „Asow“ wirkt wie ausgedacht von der Propaganda des Kreml, aber es ist echt.

Von Donezk sind es 150 Kilometer nach Ursuf, zum Stützpunkt des Bataillons. Bis auf die ersten 20 Kilometer ist die ganze Strecke in der Hand der Regierung, man fährt ungestört an weiten Sonnenblumenfeldern vorbei. Ursuf liegt am Asow’schen Meer, es ist ein Badeort mit rotgebrannten Menschenleibern und Buden, an denen Teigtaschen und billiger Wein verkauft wird. Der Stützpunkt liegt direkt am Strand, in einer ehemaligen Residenz von Viktor Janukowitsch, dem gestürzten Präsidenten des Landes. Er hat sie gebaut, als er noch Gouverneur von Donezk war.

Jetzt steht der Fahrzeugpark des Bataillons auf dem Innenhof, darunter ein selbstgebasteltes Panzerfahrzeug. Es ist ein Kamaz-Laster, mit Stahlplatten behängt und schwarz übermalt. Auch vier Schützenpanzerwagen stehen da, versteckt unter Tarnnetzen. „Glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht, die haben uns Freiwillige geschenkt. Das Innenministerium findet nämlich, dass wir kein schweres Gerät nötig haben“, sagt Kommandeur Belezki vorwurfsvoll. Er ist ein durchtrainierter schlanker Mann und hinkt ein wenig, weil er sich beim Gefecht in Marjinka den Fuß verstaucht hat. Auf seinem schwarzen Trikot ist die ukrainische Fahne verkehrtherum abgebildet: Statt Blaugelb – blauer Himmel über gelbem Kornfeld – ist es Gelbblau, das soll für die gelbe Sonne über blauem Meer stehen. Die Rechten finden die Nationalflagge in ihrer Originalversion zu knechtisch, weil das Kornfeld für Feldarbeit steht.

Anführer eines Kreuzzugs

Belezki ist 35 Jahre alt und stammt aus Charkow in der Ostukraine, er spricht Russisch mit seinen Männern und mit den Medien. Noch vor einem halben Jahr saß er in Charkow in Untersuchungshaft, wegen des Vorwurfs des Extremismus. Belezki ist Führer der rechtsextremen „Sozial-Nationalen Versammlung“ (SNA). Er ist für die „rassische Reinigung der Nation“. Die historische Sendung des ukrainischen Volkes sei es, „die weißen Völker der Welt auf ihren letzten Kreuzzug im Kampf ums Überleben anzuführen. Der Feind ist das von Semiten angeführte Untermenschentum.“ Man kann das in einem seiner Texte auf der SNA-Webseite nachlesen.

Dann siegte der Maidan, unter starker Mithilfe rechter Nationalisten, und das Parlament amnestierte Belezki im Februar als „politischen Gefangenen“. Nicht viel später hatte der neue Innenminister die Idee, Freiwilligeneinheiten aufzustellen. Jetzt ist Belezki Kommandeur einer Polizei-Einheit, seine Mitgefangenen sind mit dabei, und das Logo der rechtsextremen SNA wird auf jede Uniform genäht, unterlegt mit einer slawischen Haken-Sonne.

Belezki redet derzeit wenig von Politik, jedenfalls öffentlich. Er redet vom Krieg, beziehungsweise der „Anti-Terror-Operation“. Zu ihrem Erfolg hat das Bataillon einiges beigetragen. Im Juni hat es die Separatisten aus der Hafenstadt Mariupol vertrieben – der erste große Sieg. Vor dem Kampf hatte Belezki die Krieger auf Walhalla eingestimmt, aber es ist kein einziger gefallen. Dafür haben sie dreißig bewaffnete Separatisten festgenommen und den Behörden überstellt. „Das allein zeigt ja schon, dass wir keine Todesschwadron sind, wie es die russische Propaganda behauptet“, sagt er.

Balagan ist der erste Tote des Bataillons. Dennoch nennt Belezki die Operation „einen 101-prozentigen Erfolg“. Marjinka war der westlichste Vorposten der Separatisten, von hier aus konnten sie in die Steppe vor der Stadt schießen, wo die Regierungstruppen stehen. Eine Erstürmung scheiterte mehrfach. Die ukrainische Armee ist im Nahkampf schlecht, sie schießt lieber aus der Ferne. Der Kommandeur vor Marjinka rief daraufhin das Bataillon „Asow“ zu Hilfe, es sollte im Häuserkampf den Vorort „säubern“. Erst am Abend gerieten sie in den Hinterhalt, mit Feuer von allen Seiten.

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