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Serie "Die Ostdeutschen": Der grüne Botschafter am Grenzstreifen

„Jedes Tier war freier als wir“: Leopold Jahn mit seinem Jagddackel Hasko.

„Jedes Tier war freier als wir“: Leopold Jahn mit seinem Jagddackel Hasko.

Foto:

Berliner Zeitung/Markus Wächter

PROBSTZELLA -

Stehen zwei westdeutsche Bauarbeiter auf dem ehemaligen Grenzstreifen herum, hier Thüringen, dort Bayern, früher Zäune und Mienen, heute Birken und Wiesen, kommt ein ostdeutscher Naturführer dazu und fragt: „Na, wollt ihr die Mauer wieder hochziehen?“ Sagt der erste Bauarbeiter: „Ja, aber diesmal richtig, und sechs Meter, nicht wieder nur drei.“ Darauf der zweite: „Und dann machen wir auch noch ein Dach drüber.“

Pause. Tiefe, kehlige Laute. Die Männer lachen. Offenbar ist das ein guter Witz in dieser Gegend. Die Männer klopfen sich auf die Oberschenkel. Ein bisschen zu theatralisch vielleicht, es wirkt so, als hätten sie den Gag mit dem Mauerdach schon vor langer Zeit einstudiert und seitdem immer wieder mal aufgeführt. Aber warum auch nicht?

25 Jahre sind vergangen, ein Vierteljahrhundert liegt die Wende nun schon zurück – da wird man wohl Witze machen dürfen. Über sich selbst und über die anderen. Die Ossis, die, warum auch immer, ins Grenzgebiet zurückkommen. Die Wessis, die, warum auch immer, wenigstens ein Mal hier sein wollen.

Der Grenzstreifen, auf dem die Bauarbeiter aus Bayern einen neuen Wanderweg anlegen, hat seinen Schrecken verloren. Er trennt die Menschen nicht mehr. Er verbindet sie. Man fragt sich trotzdem: Wo verlief hier eigentlich mal die Grenze? Man muss sie schon suchen. Die Natur hat dieser toten Zone, in der nichts wuchs, nichts wachsen durfte, neues Leben eingehaucht. Ein Naturschutzgebiet ist entstanden. Wie ein grünes Band zieht sich die neue Pflanzenwelt über die Gipfel, durch die Täler. Hellgrün ist das neue Leben. Dunkelgrün das alte.

Für den Naturführer aus Thüringen war der Westen ohnehin immer im Süden. Leopold Jahn, 61, ist ein groß gewachsener Mann mit kräftigen Händen, einem wachen Blick. Wenn er in seinen Erinnerungen wühlt, dann tut er das mit Bedacht.„Ich verstehe mich als Botschafter dieser Region“, sagt er. „Die Ungerechtigkeit darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Jahn möchte erinnern. Sich selbst. Vor allem aber die anderen. Deshalb hat er sich zum Naturführer weiterbilden lassen. Geschichtswanderer würde auch passen. Jahn will seine Region, und dieses Wort benutzt er tatsächlich, vermarkten. Er glaubt an das Angebot und wartet auf die Nachfrage. Die alte Grenzregion soll einen neuen Grenzwert bekommen.

Jahn geht einen Schritt nach links, die Nachmittagssonne spielt ihm einen Schatten ins Gesicht, er steht in Bayern. Dann geht er einen Schritt nach rechts, Hasko, sein Jagddackel, wittert irgendwas in den Büschen, Jahn ist zurück in Thüringen. Auch das wirkt sehr einstudiert. Ein letzter Gruß an die Bauarbeiter. Wir fahren mit dem Pick-up ins Dorf zurück. Auf dem Weg werden wir mehrmals die alte Grenze passieren, ohne es zu merken, so eng verschlungen lagen hier Bayern und Thüringen nebeneinander. Jahn zeigt ein altes Dokument: „Beim Erkennen der Grenzverletzer wird zwar in der Regel von der Schußwaffe Gebrauch gemacht, doch der Aufwand an Munition steht im krassen Mißverhältnis zum Erfolg.“ Bei Fluchtversuchen kamen in Probstzella 15 Menschen ums Leben.

Ende und Anfang zugleich

Leopold Jahn wurde in Probstzella geboren. Ein kleines Dorf ist das, knapp 4 000 Einwohner, im schönen Schiefergebirge gelegen und nur ein paar Hundert Meter vom bayerischen Lauenstein entfernt. Versteckt in einer Talsenke. Vor der Wende haben hier mehr als doppelt so viele Menschen gelebt.

Jahn sagt, es sei das Ende der Welt für ihn gewesen damals. Für seinen Vater, der in Stalingrad gekämpft hatte, war es ein Anfang. Hier in Probstzella wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, hier ist er geblieben. Selbst als ein Teil der Familie 1953 in den Westen, nach Halle in Westfalen floh.

Probstzella war einer von sechs ehemaligen Grenzbahnhöfen. Der schlimmste von allen, heißt es. Am Ortsrand, wo die Interzonenzüge aus München oder aus Berlin, der D300 und der D301, sich auf halber Strecke trafen und wo Grenzpolizisten und Passkontrolleinheiten des Zolls Millionen Reisende jahrzehntelang schikanierten, war Deutschland geteilt. Die ankommenden Züge waren durch einen Sichtschutz von den abfahrenden getrennt.

Ein Grenzschild ist übrig geblieben: „Stehenbleiben und fotografieren der Bahnanlagen verboten“ steht drauf. Ein kleines Museum gibt es seit ein paar Jahren. Am Eingang prangt der Name der Ausstellung: „Täter, Opfer, Mittäter – Kritik.“ Und wo früher die Grenzübergangsstelle war, die GÜSt, der Tränenpalast, in dem sich die Menschen mit ihren Koffern durch einen Gang, einen Meter breit, zwanzig Meter lang, zwängen mussten, steht heute ein Netto. Die wenigsten im Dorf stören sich daran.

Bevor die GÜst, deren Bausubstanz nach der Wende zu zerfallen drohte, vor ein paar Jahren abgerissen wurde, waren Historiker, ein paar Politiker und der einheimische Publizist Roman Grafe eigentlich am Erhalt interessiert. Die Schätzungen, wie viel denn eine weitere Nutzung kosten sollte, lagen weit auseinander. Genauso die Ideen, wie ein Erinnerungskonzept aussehen könnte. „Sie hätten den ganzen Grenzbahnhof erhalten sollen, aber doch nicht nur ein Gebäude“, sagt Jahn, der damals noch für die FDP im Gemeinderat saß. „Man muss die Geschichte vermarkten, aber nur, wenn alles authentisch ist.“ Dann wurde der letzte Grenzbahnhof der DDR abgerissen.

Und jetzt also der Billigdiscounter. „Wir müssen ja irgendwo einkaufen“, sagt Jahn. „Mit der Zeit haben wir uns an den Konsum gewöhnt.“ Er ruft seinen Jagddackel Hasko, und dann sagt er einen nachdenklichen Satz: „Kein Land auf dieser Welt ist so wohlhabend wie Deutschland. Wir müssen jeden Tag dafür dankbar sein.“ Wer dankbar ist, der hadert nicht mit der Vergangenheit.

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