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Berliner Zeitung | Serie "Die Ostdeutschen": Der grüne Botschafter am Grenzstreifen
24. July 2014
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Serie "Die Ostdeutschen": Der grüne Botschafter am Grenzstreifen

„Jedes Tier war freier als wir“: Leopold Jahn mit seinem Jagddackel Hasko.

„Jedes Tier war freier als wir“: Leopold Jahn mit seinem Jagddackel Hasko.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Stehen zwei westdeutsche Bauarbeiter auf dem ehemaligen Grenzstreifen herum, hier Thüringen, dort Bayern, früher Zäune und Mienen, heute Birken und Wiesen, kommt ein ostdeutscher Naturführer dazu und fragt: „Na, wollt ihr die Mauer wieder hochziehen?“ Sagt der erste Bauarbeiter: „Ja, aber diesmal richtig, und sechs Meter, nicht wieder nur drei.“ Darauf der zweite: „Und dann machen wir auch noch ein Dach drüber.“

Pause. Tiefe, kehlige Laute. Die Männer lachen. Offenbar ist das ein guter Witz in dieser Gegend. Die Männer klopfen sich auf die Oberschenkel. Ein bisschen zu theatralisch vielleicht, es wirkt so, als hätten sie den Gag mit dem Mauerdach schon vor langer Zeit einstudiert und seitdem immer wieder mal aufgeführt. Aber warum auch nicht?

25 Jahre sind vergangen, ein Vierteljahrhundert liegt die Wende nun schon zurück – da wird man wohl Witze machen dürfen. Über sich selbst und über die anderen. Die Ossis, die, warum auch immer, ins Grenzgebiet zurückkommen. Die Wessis, die, warum auch immer, wenigstens ein Mal hier sein wollen.

Der Grenzstreifen, auf dem die Bauarbeiter aus Bayern einen neuen Wanderweg anlegen, hat seinen Schrecken verloren. Er trennt die Menschen nicht mehr. Er verbindet sie. Man fragt sich trotzdem: Wo verlief hier eigentlich mal die Grenze? Man muss sie schon suchen. Die Natur hat dieser toten Zone, in der nichts wuchs, nichts wachsen durfte, neues Leben eingehaucht. Ein Naturschutzgebiet ist entstanden. Wie ein grünes Band zieht sich die neue Pflanzenwelt über die Gipfel, durch die Täler. Hellgrün ist das neue Leben. Dunkelgrün das alte.

Für den Naturführer aus Thüringen war der Westen ohnehin immer im Süden. Leopold Jahn, 61, ist ein groß gewachsener Mann mit kräftigen Händen, einem wachen Blick. Wenn er in seinen Erinnerungen wühlt, dann tut er das mit Bedacht.„Ich verstehe mich als Botschafter dieser Region“, sagt er. „Die Ungerechtigkeit darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Jahn möchte erinnern. Sich selbst. Vor allem aber die anderen. Deshalb hat er sich zum Naturführer weiterbilden lassen. Geschichtswanderer würde auch passen. Jahn will seine Region, und dieses Wort benutzt er tatsächlich, vermarkten. Er glaubt an das Angebot und wartet auf die Nachfrage. Die alte Grenzregion soll einen neuen Grenzwert bekommen.

Jahn geht einen Schritt nach links, die Nachmittagssonne spielt ihm einen Schatten ins Gesicht, er steht in Bayern. Dann geht er einen Schritt nach rechts, Hasko, sein Jagddackel, wittert irgendwas in den Büschen, Jahn ist zurück in Thüringen. Auch das wirkt sehr einstudiert. Ein letzter Gruß an die Bauarbeiter. Wir fahren mit dem Pick-up ins Dorf zurück. Auf dem Weg werden wir mehrmals die alte Grenze passieren, ohne es zu merken, so eng verschlungen lagen hier Bayern und Thüringen nebeneinander. Jahn zeigt ein altes Dokument: „Beim Erkennen der Grenzverletzer wird zwar in der Regel von der Schußwaffe Gebrauch gemacht, doch der Aufwand an Munition steht im krassen Mißverhältnis zum Erfolg.“ Bei Fluchtversuchen kamen in Probstzella 15 Menschen ums Leben.

Ende und Anfang zugleich

Leopold Jahn wurde in Probstzella geboren. Ein kleines Dorf ist das, knapp 4 000 Einwohner, im schönen Schiefergebirge gelegen und nur ein paar Hundert Meter vom bayerischen Lauenstein entfernt. Versteckt in einer Talsenke. Vor der Wende haben hier mehr als doppelt so viele Menschen gelebt.

Jahn sagt, es sei das Ende der Welt für ihn gewesen damals. Für seinen Vater, der in Stalingrad gekämpft hatte, war es ein Anfang. Hier in Probstzella wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, hier ist er geblieben. Selbst als ein Teil der Familie 1953 in den Westen, nach Halle in Westfalen floh.

Probstzella war einer von sechs ehemaligen Grenzbahnhöfen. Der schlimmste von allen, heißt es. Am Ortsrand, wo die Interzonenzüge aus München oder aus Berlin, der D300 und der D301, sich auf halber Strecke trafen und wo Grenzpolizisten und Passkontrolleinheiten des Zolls Millionen Reisende jahrzehntelang schikanierten, war Deutschland geteilt. Die ankommenden Züge waren durch einen Sichtschutz von den abfahrenden getrennt.

Ein Grenzschild ist übrig geblieben: „Stehenbleiben und fotografieren der Bahnanlagen verboten“ steht drauf. Ein kleines Museum gibt es seit ein paar Jahren. Am Eingang prangt der Name der Ausstellung: „Täter, Opfer, Mittäter – Kritik.“ Und wo früher die Grenzübergangsstelle war, die GÜSt, der Tränenpalast, in dem sich die Menschen mit ihren Koffern durch einen Gang, einen Meter breit, zwanzig Meter lang, zwängen mussten, steht heute ein Netto. Die wenigsten im Dorf stören sich daran.

Bevor die GÜst, deren Bausubstanz nach der Wende zu zerfallen drohte, vor ein paar Jahren abgerissen wurde, waren Historiker, ein paar Politiker und der einheimische Publizist Roman Grafe eigentlich am Erhalt interessiert. Die Schätzungen, wie viel denn eine weitere Nutzung kosten sollte, lagen weit auseinander. Genauso die Ideen, wie ein Erinnerungskonzept aussehen könnte. „Sie hätten den ganzen Grenzbahnhof erhalten sollen, aber doch nicht nur ein Gebäude“, sagt Jahn, der damals noch für die FDP im Gemeinderat saß. „Man muss die Geschichte vermarkten, aber nur, wenn alles authentisch ist.“ Dann wurde der letzte Grenzbahnhof der DDR abgerissen.

Und jetzt also der Billigdiscounter. „Wir müssen ja irgendwo einkaufen“, sagt Jahn. „Mit der Zeit haben wir uns an den Konsum gewöhnt.“ Er ruft seinen Jagddackel Hasko, und dann sagt er einen nachdenklichen Satz: „Kein Land auf dieser Welt ist so wohlhabend wie Deutschland. Wir müssen jeden Tag dafür dankbar sein.“ Wer dankbar ist, der hadert nicht mit der Vergangenheit.

Jenseits der Gleise – zehn Meter Sicherheitsstreifen, 500 Meter Schutzstreifen, fünf Kilometer Sperrzone – war das Leben ein Ausnahmezustand. Es gab ständig Kontrollen, die Willkür, die Angst. Wer sich der Grenze näherte, war verdächtig. Wer ein Fernglas dabei hatte, wurde gemeldet. Zwei Mal wurde das Gebiet nach dem Krieg von politisch Andersdenkenden gesäubert. Operation Ungeziefer 1952, Operation Kornblume 1961.

Immerhin bekamen die Einwohner von Probstzella einen Sperrzonenzuschlag. „Die Grenzer hatten alles“, sagt Jahn. Und sie bekamen regelmäßig Besuch. Die Puhdys spielten in Probstzella, Karat, die Gruppe Elefant, das Haus des Volkes war ein beliebter Treffpunkt für die Parteikader der Region. Jahn sagt: „Die restliche Bevölkerung wurde nur stimuliert. Aber wir wurden ganz gut versorgt.“ Und trotzdem: „Jedes Tier war freier als wir.“

Zwischen den Bergen und Wäldern, zwischen Thüringen und Bayern stehen immer noch die alten Türme, die alten Zäune. Spuren der Vergangenheit sind das, Spuren, die nicht in die Abstraktion führen sollen. Nach Jahns Vorstellung sind sie die Grundlage für seinen touristischen Marktgedanken.

Die Suche nach der Normalität

Andere Arbeitsplätze sind schwer zu finden im Umland von Probstzella, die meisten Menschen pendeln weite Wege, gehen auf Montage oder gleich ganz weg, über die Grenze nach Bayern und noch viel weiter. Die Idee, die Gegend in einen Industriestandort zu verwandeln, ist nicht mal über die Planungsphase hinausgekommen.

Und wenn dann die Gymnasiasten aus Erlangen kommen, wenn das hessische Landesmuseum einen Betriebsausflug macht oder eine Notarvereinigung aus der Region ihn darum bittet, dann wandert Jahn mit ihnen ins ehemalige Sperrgebiet und erklärt den Aufbau eines Wachturms: vom Notstromaggregat im Keller bis zum Scheinwerfer und der Funktechnik auf dem Dach, vom Unterbringungsraum für die mobile Alarmgruppe bis zu den Anzeigen für den Grenzsignalzaun. Wie die Grenzer bewaffnet waren, wollen manche wissen. Jahn antwortet dann: „Maschinenpistole Kalaschnikow, sechzig Patronen, zusätzlich für den Sturmführer eine Pistole, neun Millimeter Makarow, und ein Satz Signalpatronen.“

Jahn hat das alles genau recherchiert. Er hat nach der Wende mit vielen Grenzsoldaten gesprochen, ein Major, der nach der Wende in Probstzella geblieben ist, hat ihm Dokumente überlassen und seinen Alltag minuziös geschildert. Auch die ehemaligen Sicherungskräfte, die Zöllner, wohnen noch hier. Sie sind Nachbarn. Seit 25 Jahren versuchen sie so etwas wie Normalität herzustellen. „Aber man traut sich hier immer noch nicht“, sagt Jahn. „Die Menschen sind noch sehr verschlossen.“ Manchmal grüßt man sich mit Absicht nicht.

„Ich war nicht linientreu, nicht in der Partei“, sagt Jahn. „Ich war nur Kandidat der LDP, um in Ruhe gelassen zu werden.“ Die Liberaldemokratische Partei Deutschlands war vielleicht nicht die SED, man musste sich trotzdem anpassen. Aber einer wie Leopold Jahn war kreativ im Umgang mit Vorschriften und Gesetzen. Wenn er früher eine Freundin hatte, die außerhalb der Sperrzone wohnte, dann musste er sich verloben, sonst hätte er sie nur an Weihnachten und zu Pfingsten nach Probstzella einladen können. Gute Freunde machte er später zu Taufpaten, auch die bekamen eine Besuchserlaubnis. „Man musste viel tricksen damals“, sagt Jahn und öffnet eine Scheunentür. Hobel, Sägen, Maschinen, eine ganze Produktionslinie. Das ist sein Betrieb. Urkunden hängen an der Wand: „Hervorragende Leistung im sozialistischen Wettbewerb“. Oder: „Brigade der vorbildlichen Ordnung und Sicherheit“.

Irgendwann verschwand die Angst

Bis vor ein paar Jahren hat Jahn als Tischler und Fensterbauer gearbeitet. Mit den eigenen Händen etwas schaffen, sehen, wie es entsteht, das war ihm wichtig. Er war sein eigener Chef, ein Betriebsstellenleiter. „Der Betrieb, das war immer unser Eigentum“, sagt er. Seine Familie wurde nach dem Krieg nicht enteignet. „Wir haben unsere Aufgabe gut gemacht. Und wir haben für Devisen gesorgt. Deshalb wurden wir hier geduldet.“

Irgendwann war er aber zu wackelig auf den Beinen, hatte eine Phobie vor den schweren Maschinen entwickelt. Als der Vater nicht mehr konnte, hat Thomas übernommen, der Sohn, in neunter Generation bereits. Das Ahnenbuch reicht zurück bis ins Jahr 1750. Der Familienbetrieb hat viele Kaiser, Kriege und Reichskanzler überlebt. Für die Nazis mussten die Jahns Munitionskisten produzieren.

Bis zur Wende konnte man auch im Westen die Türen und Fenster aus Probstzella bestellen, ganz einfach, über den Quelle-Katalog. Nach der Wende hat Jahn eine halbe Million Mark in neue Maschinen investiert, das Geschäft lief gut, die Kredite konnte er bald zurückzahlen. Und vor einem Jahr hat die Handwerkerfamilie von den Nachfahren des Bauhausmeisters Alfred Arndt einige Urheberrechte erworben. Seitdem produzieren sie Stühle, Schränke, Betten. „Ja, man kann es so sagen“, sagt Leopold Jahn. „Ich bin ein Wendegewinner.“

Am 11. November 1989, pünktlich um 11.11 Uhr, fuhr der erste Zug von Probstzella ins bayerische Lauenstein. Die ersten 850 Menschen, auch Leopold Jahn war dabei. Sie wurden mit Suppe und Würstchen empfangen, die örtliche Sparkasse hatte eine zusätzliche Filiale in Stadtzentrum aufgebaut. Bis zum Ende des Monats überquerten hier 117 000 Menschen die Grenze, sie reisten in den nahen Westen. Passkontrollen waren kaum noch möglich, das System brach in sich zusammen. Und dann, nach und nach, verschwanden die Grenzsoldaten, die Zollbeamten, die Wachhunde, die Angst.

Viele Menschen, die nie die Grenze passiert hatten, wollten zuerst die Grenzanlage sehen, von der anderen Seite, und waren dann überrascht, dass sie sich den Sperranlagen bis auf wenige Schritte nähern konnten. „Schon seltsam“, sagt Leopold Jahn. Und etwas leiser: „Diese Nähe.“

In der nächsten Folge lesen Sie: Warum Anne-Katrin Scharlach in den Westen zog und doch immer noch Sehnsucht nach der Oberlausitz hat

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