Sexismus und der Fall Brüderle
Rainer Brüderle steht nach Aussagen der Stern-Autorin Laura Himmelreich in der Kritik. Der Fall stößt eine Debatte an über alltäglichen Sexismus.

Sexismus-Debatte: Brüderle - ein Mann, kein Wort

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Rainer Brüderle besucht am 10. Januar 2013 das Unternehmen Thermodyne in Osnabrück, neben ihm die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich (r.).
Rainer Brüderle besucht am 10. Januar 2013 das Unternehmen Thermodyne in Osnabrück, neben ihm die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich (r.).
Foto: dpa/Hermann Pentermann

Deutschland diskutiert über die Sexismus-Vorwürfe gegen Rainer Brüderle, nur einer schweigt: Rainer Brüderle selbst. Parteikollegen nehmen ihn in Schutz, wirken dabei aber ziemlich unbeholfen.

Patrick Döring versucht, Normalität vorzutäuschen. Minutenlang spricht der Generalsekretär der FDP über die Haltung der Parteispitze zur Energiewende und zu den Anti-Terrorgesetzen. Doch dafür interessiert sich am Montag kaum jemand der anwesenden Journalisten. Zum Stift greifen sie erst, als Döring zum Tagesordnungspunkt 3 des Präsidiums kommt: „Natürlich haben wir uns auch über die seit vergangenen Mittwoch herrschende Debatte über den Umgang miteinander in unserer Gesellschaft unterhalten.“

Rainer Brüderle? Der Name fällt bei Döring zunächst überhaupt nicht. Stattdessen sagte der Generalsekretär: „Ich stelle fest: Eine immer toleranter werdende Gesellschaft geht nicht unbedingt respektvoller miteinander um.“ Das gelte ganz offensichtlich auch für den Umgang zwischen den Geschlechtern. Und dann setzt Döring die FDP an die Spitze der Bewegung. „Ich rate uns, die Debatte weit weg von einem konkreten Anlass weiter zu führen.“ Gerade die Liberalen wollten eine offene und tolerante Gesellschaft. „Diese Toleranz und Offenheit wird ganz sicher nicht gefördert, wenn man sich gegenseitig mit öffentlichen Vorwürfen an den Pranger stellt.“

Brüderle - ein honoriger Mann?

Das Wort Pranger will er wenig später zwar nicht mehr gesagt haben, doch bei den Antworten auf die vielen Nachfragen kommt Döring langsam in Fahrt. Brüderle sei „ein angesehener und honoriger Mann, der viele Jahrzehnte diesem Land in der Politik gedient hat“. Die Berichterstattung des Magazins Stern sei unfair und unangemessen, denn sie zeichne ein „Zerrbild“ des Wirtschaftsministers, das seiner Person und seinem Umgang mit anderen nicht gerecht werde. Das Magazin habe auch billigend in Kauf genommen, dass die Ehefrau Brüderles „brutalstmöglich“ mit hineingezogen worden sei.

Eine Stern-Journalistin hatte berichtet, dass der FDP-Politiker ihr am Rande des Dreikönigstreffens vor einem Jahr mit anzüglichen Bemerkungen zu nahe kam. Sie erwähnte auch andere Gelegenheiten, bei denen Brüderle durch sexistische Bemerkungen aufgefallen sei.

Ob er, Döring, die Äußerungen Brüderles gegenüber der Stern-Kollegin als Teil der toleranter werdenden Gesellschaft verstanden habe, will ein Journalist wissen, was für Heiterkeit im Saal sorgt. Döring weicht aus, kommt ins Schwimmen. Die Frage unterstelle ja, dass es sich wie vom Stern berichtet zugetragen habe, sagt er. Brüderle bestreite also den Bericht? Döring: „Das weiß ich nicht.“ Staunen. Man habe ihn nicht danach gefragt? Döring: „Natürlich nicht.“ Warum natürlich? Er antwortet nicht darauf, sondern wirft stattdessen dem Stern vor, Ziel des Berichtes sei die „Schädigung einer einzelnen Person“ gewesen und eine gegen die FDP gerichtete „parteipolitische Intonierung“.

„Wir unterstützen ihn. Punkt.“

Später ringt sich Döring dann doch noch zu einer Art Erklärung in der Sache durch. „Ich glaube, dass manches, was Rainer Brüderle oder auch ich eher charmant oder scherzhaft oder wie auch immer empfinden, dass das vielleicht beim Gegenüber anders ankommt.“ Wird es also doch eine öffentliche Stellungnahme Brüderles zu der Angelegenheit geben? Nein, sagt Döring. Eventuelle Missverständnisse hätte die Journalistin vor einem Jahr in einem privaten Gespräch ansprechen können. Nur weil sie jetzt öffentlich ihre Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht habe, müsse Brüderle dies nicht auch tun. „Rainer Brüderle hat für sich entschieden, dass er die Sache nicht kommentieren will. Wir unterstützen ihn darin. Punkt.“

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