Sonderthema: Michael Müller

Sexismus und der Fall Brüderle
Rainer Brüderle steht nach Aussagen der Stern-Autorin Laura Himmelreich in der Kritik. Der Fall stößt eine Debatte an über alltäglichen Sexismus.

Sexismus-Debatte um Rainer Brüderle: Männer, gebt die Herrschaft auf!

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DSDS-Juror Bohlen: Sehnt sich die Frau nach dem Mann mit dem goldenen Penis?
DSDS-Juror Bohlen: Sehnt sich die Frau nach dem Mann mit dem goldenen Penis?
Foto: dpa
Berlin –  

Wie bringt man einem Mann bei, Frauen keine Angst zu machen? Auf diese Frage müssen wir endlich Antworten finden - und als Mann sollten wir auch mal den Wunsch überwinden, die Hand ins Höschen zu schieben.

Eine Szene in jeder Bar an jedem Abend in jeder deutschen Großstadt. Der erste Schritt ist schwierig. Hat sie Interesse? Oder ist sie bloß höflich? Warte ich schon viel zu lange? Oder gehe ich besser? Seitdem offiziell beide Geschlechter den ersten Schritt machen dürfen, kann ein Date sich schnell anfühlen wie ein Dilemma. Man kann nicht wissen, was der andere will, wer sich festlegt, verliert erst die Optionen und dann sein Gesicht.

Malte Welding

Für die Berliner Zeitung beantwortet unser Autor auch jede Woche eine Beziehungsfrage. Ein ausgebildeter Experte ist er nicht, aber mit der Liebe ist es wie mit Fußball: Da können auch nur die richtig tippen, die keine Ahnung haben. Lesen Sie seine Antworten in der Kolumne "Die Frage nach der Liebe". Schreiben Sie ihm: liebe@berliner-zeitung.de

Derweil, in einer Parallelwelt, die mit unserer zunächst einmal nichts zu tun hat: „Deutschland sucht den Superstar.“ Die Kamera saugt sich am Ausschnitt der Kandidatin fest, der Juror Mateo, Sänger der Band Culcha Candela, fragt: „Sind die echt?“ Die Kandidatin ist sichtlich irritiert. „Was?“, fragt sie. „Die Haare.“ – „Keine Extensions, alles echt.“ – „Und der Busen?“– „Ja, der ist echt.“ – „Schön.“

Die rein männliche Jury sitzt und glotzt. Während junge Frauen beim Umziehen gezeigt werden (im Vorbereitungsraum ist eine Überwachungskamera installiert), sagt Dieter Bohlen, das internationale Zeichen für riesige Brüste gestikulierend: „Die kann ja irgendwie als Kölner Dom mit ihren Glocken auftreten.“ Eine Montage tanzender Brüste, dazu fragt Tom Kaulitz: „Das magste auch richtig gern?“ Bohlen antwortet: „Besser als so'n Bügelbrett.“

Zu der gesungenen Zeile „I just wanna make you sweat“ eröffnet wieder Mateo einer Kandidatin: „Ich finde dein Dekolleté wunderschön. Ich würde mich da total gerne reinlegen.“

Können Jungs noch baggern?

Nina Pauer müsste ihre helle Freude an dem kahlköpfigen Mittdreißiger Mateo haben. Vor einem Jahr landete die Zeit-Autorin mit ihrem Text Die Schmerzensmänner einen Klick-Hit. Das halbe deutschsprachige Netz diskutierte über introvertierte Jungs, die nicht mehr baggern können. „Statt fordernd zu flirten, gibt er sich als einfühlsamer Freund“, schrieb Pauer über den jungen Mann von heute. Nichts mehr in ihm erinnere an die Machos von früher. Er sei „gepflegt und gewaschen, benutzt Parfums und Cremes, macht Diäten und hört wunderbar melancholische Mädchenmusik."

Das Problem beginne, „wenn der entscheidende move gefragt ist, er sich herüberbeugen und die junge Frau endlich küssen sollte.“ Dann blockiert der junge Mann. Stattdessen nur viele ängstliche Fragen im Kopf. Pauer schließt: „Die Körper haben keine Chance gegen ihre Köpfe.“

Irgendwo zwischen „Ich möchte mich in deine Brüste legen“ und der genervt auf den Kuss wartenden Nina Pauer tut sich ein Problem auf. Denn natürlich wäre der Proll-Sänger der intellektuellen Pauer zu primitiv, zu langweilig, zu sehr Goldkette.

Derweil plagen sich nicht mehr nur in den Einsamen-Communities im Netz jungfräuliche Nerds mit der Mädchenfrage: Wie kriege ich sie, ohne als widerlicher Sexist rüberzukommen? In diesen Tagen der Post-Brüderle-Debatte fragt sich so mancher Mann, der sich bislang für völlig zivilisiert hielt: Wie darf, wie soll ich sein?

Der Common Sense im Internet zumindest lautet: Es gelte, um nicht als Stalker oder Belästiger, Pöbler oder Grabscher zu erscheinen, zwei Regeln zu beachten. 1. Be attractive. 2. Don’t be unattractive. Also: Sei attraktiv. Sei nicht unattraktiv.

Diese Denkweise klang auch bei Günther Jauch an, als dort am vergangenen Sonntag über Brüderle und sein Balzverhalten diskutiert wurde. Wäre es nicht ganz anders gewesen, wenn ein junger, gut aussehender Mann den Dirndl-Spruch gebracht hätte? Die Logik dahinter: Wenn der Deliktcharakter von der Attraktivität des Handelnden abhängt, kann die Handlung selbst nicht objektiv verwerflich sein – man hat also nichts falsch gemacht, die Welt ist einfach nur ungerecht, ein hübscherer Mann wäre damit durchgekommen. Sind also doch alles Schlampen. Außer Mutti.

Man gerät leicht in den Verdacht, ein käsiger Jammerlappen zu sein. Bohlen dagegen ist der Mann mit dem goldenen Penis. Er hat die Karrieren von Verona, Naddel und Estefania allein dadurch in Gang gebracht, dass er sie beschlief. Wenn ich mit jemandem schlafe, ist der danach bloß müde.
Haben nicht also die Fünfegeradeseinlasser, die Herzaufderzungeträger recht? Ist es nicht das, was Frauen wollen? Einen saftigen Spruch, eine warme Zunge im Hals, einen trockenen Stupser mit der Lende? Wo kämen wir denn hin, wenn alles Raue beseitigt wäre? Wir lebten in einer kalten, aseptischen, ja, schlimmer noch: amerikanischen Welt. Der Sieg der Köpfe über den Körper.

"Ich war auch eine anstrengende kleine Drecksau"

Auf alltagssexismus.de, einem gerade gegründeten Blog, gibt es eine riesige Menge von Geschichten, die Frauen aufgeschrieben haben. Es geht um Männer, deren Körper durchaus eine Chance gegen ihre Köpfe haben. Körper, die sich nehmen, was sie wollen, die anfassen, was sie sehen.

Ich dachte mit sechzehn ernsthaft, Penetration sei eine Gewalttat gegenüber Frauen. Irgendwie hatte Alice Schwarzers alberne Verdammung des heterosexuellen Geschlechtsverkehrs den Weg in das Hirn von mir und meinem besten Freund geschafft. Wir suchten also gutmütig nach der sagenumwobenen Klitoris, berührten Brustwarzen und hofften, auf diese Weise Beben zu erzeugen. Es war tatsächlich ein Erweckungserlebnis, zu sehen, dass heterosexuelle Frauen im Schnitt den Penis nicht viel schlechter finden als heterosexuelle Männer die Vagina.

Nun war ich aber nicht ausschließlich verschwarzert, ich war auch eine anstrengende kleine Drecksau. Ich bettelte, diskutierte und schlug die Augen auf, ich schob meine Hand ins Höschen, sie wurde zurückgeschoben, ich schob sie fünf Minuten später wieder hinein. In meinem durchaus romantischen, leicht anfeminisierten Verstand lebte eine Art geile Stubenfliege.

Eine Ex-Freundin sagte mir einmal, ihr hätte damals Händchenhalten gereicht. Und obwohl ich diesem Verhalten rasch entwachsen bin, hat es ewig gedauert, bis ich verstanden habe, was da passiert ist. Ich hatte gelernt, dass die meisten Frauen, die ich kenne, solche Freunde hatten. Sie machten mehr, als sie wollten. Irgendwann saß ich mit meiner heutigen Frau im Restaurant und wir redeten darüber. Sie hatte auch einen solchen Freund gehabt, der sie sexuell überforderte; ich sagte, dass mein Drängeln nur das schlechte Gewissen der Mädchen bekämpfen wollte. Sie hätten ja gesagt, dass sie es auch wollten, sich aber wegen ihrer Eltern schlecht fühlten. Und da sagte meine Frau etwas, das mich fürchterlich beschämte: „Vielleicht will man ja ganz gerne im Einklang mit seinem Über-Ich handeln.“

Da saß ich also mit dreißig Jahren und verstand zum ersten Mal wirklich, was ich da getan hatte. Ich hatte Mädchen, die ich zu mögen, ja zu lieben dachte, dazu gebracht, gegen ihr eigenes Gewissen zu handeln und mir dabei noch eingebildet, ich täte ihnen einen Gefallen. Und meinem Penis.

Unter uns Jungs sprachen wir sogar ganz offen vom Kampf um das Unterhöschen, keinem von uns kam es in dem Sinn, dass Warten eine Alternative sein könnte.

Wer Macht hat, sollte vorsichtig sein

„Deutschland sucht den Superstar“ ist alles andere als ein Jungsabend im Videokeller. Millionen schauen zu. Und die Juroren haben Macht über die Kandidaten. Vielen erscheint der Auftritt als letzte Chance, dem Dasein eine Wende zu geben. Hier tanzt und singt die Unterschicht um ihr Leben. Und die Unterschichtmädchen werden beglotzt. Muss ich mich nicht jemandem, über den ich Macht habe, egal, in welcher Form, mit größtmöglicher Vorsicht nähern?

Meine Frau wollte ihre Magisterarbeit bei einem Professor schreiben, für den sie arbeitete. Irgendwann gab er ihr ein Buch über Tantra, fragte später, ob sie es ausprobiert habe, bis er ihr schließlich in einer Mail gestand, mehr für sie zu empfinden. Total harmlos. Und meine Frau musste sich einen neuen Karrierepfad suchen. Natürlich hatte dann jeder schon einmal so etwas erlebt, wie immer, wenn man glaubt, man sei der Einzige, dem so was Irres widerfährt. Alles normal, ein Schulterzucken. So sind sie halt, die Sechzigjährigen.

Innerhalb kurzer Zeit haben zwei große Ismus-Debatten das Land aufgeschreckt. Ging es zunächst um die Frage, ob ein Kinderbuch-Verlag verletzende Begriffe aus alten Büchern in neutrale umändern darf, was zu einer wilden „Rassismus“-Debatte führte, geht es nun um die Frage, was Frauen sich von Männern gefallen lassen müssen. Auf einmal wird über Sexismus geredet. Ja, gibt es den denn überhaupt noch?, fragen die einen. Sag mal, geht’s noch?, antworten die anderen.

Parallelen zur "Neger"-Debatte

Auf der Facebook-Seite des Kolumnisten Axel Hacke verlinkt dieser auf das Titelbild der Zeit, für die er einen Beitrag geschrieben hat. „Kinder, das sind keine Neger“ steht dort in großen Buchstaben vor einem Bild von Jim Knopf. „Mir ist der im historischen Kontext stehende ‚Neger‘ (...) tausendmal lieber als der subtile Rassismus (...) bei ‚TKKG‘“, erklärt ein weißer Deutscher in einem Kommentar den Afrodeutschen, die sich über diesen Titel empört haben.

Die Parallele zur gerade laufenden Debatte ist frappierend: „Ich fühle mich erniedrigt.“ – „Aber bei einem gut aussehenden Mann fändest du das nicht schlimm!“

Wenn in einer Beziehung der eine Partner sagt, etwas verletze ihn, und der andere erwidert, es sei doch gar nichts passiert, dann ist es für eine Paartherapie meistens schon zu spät.

Wenn eine Frau sagt, wenn hundert, wenn tausend, hunderttausend Frauen sagen, dass sie belästigt, bedrängt, geschlagen, bespuckt, vergewaltigt und weggeworfen wurden, dass sie sich nicht allein im Dunklen auf die Straße trauen und sich in Aufzügen, Parkhäusern, Innenhöfen fürchten, dann ist die richtige Reaktion nicht: Aber als Mann kann einem ja auch was passieren. Und nicht: Ich mache doch nichts. Und auch nicht: Dann muss man halt aufpassen. Sondern man muss Antworten auf die Frage finden: Wie bringt man Männern bei, Frauen keine Angst zu machen? Man kann kleinen Jungs sagen, dass man Mädchen nicht schlägt. Warum sagt ihnen keiner, dass man sie nicht bedrängen soll?

Ist Sexismus ein Problem?

Die Autorin Teresa Bücker sagt dazu, sie habe gar nicht selten Angst, was aber nicht ihre gesamte Persönlichkeit sei. „Ich kann mich in Situationen sicher fühlen und gern flirten und auch einen Mann angraben, es kann trotzdem Situationen geben, in denen ich mich nicht wehren kann, in denen ich eine Grenze verletzt sehe.“ Das Wissen über diese Grenze könne man erlernen. „Wer sagt, er wisse nicht mehr, ob er einer Frau noch hinterherschauen kann, ist aus meiner Sicht ein wenig denkfaul.“

Es gibt ein körperliches, situatives und ein strukturelles, allgemeines Machtgefälle. Der Frau auf der Straße steht ein im Schnitt deutlich größerer und schwererer Mann gegenüber, der Frau an der Uni ein hierarchisch überlegener, der über ihre nähere Zukunft entscheidet. Ja, es gibt Professorinnen, aber 83 Prozent des Hochschullehrkörpers sind männlich. Es ist ein Standard des Films: Eine zwanzigjährige Studentin verliebt sich in ihren Professor. Bestimmt kommt das mal vor, die Liebe ist eine Komödiantin, aber ungewöhnlich ist es schon.

Es ist meine Überzeugung als Mensch, als Mann und als Liebeskolumnist, dass zwei, die sich lieben, einander nur ganz selten verpassen. Es mag sein, dass einer zu schüchtern ist und eine Romanze nicht stattfindet, aber oft ist das nur ein Zeichen dafür, dass der Impuls nicht stark genug war. Man muss – anders als der Oscar-Wilde-Spruch, der besagt, das Leben sei voll von Versuchungen, man solle versuchen, ihnen nachzugeben – lockerer werden in Bezug auf seine Versuchungen und sie entspannt verpassen. Nicht jede Brust wartet darauf, mit einem Spruch bedacht zu werden, nicht jedes junge Mädchen will erlöst werden.

Sexismus ist Unterdrückung

Sexismus ist keine Frage von nett oder nicht nett. Sexismus ist Unterdrückung. Die kann sich ganz subtil zeigen, etwa wenn in der Serie „Modern Family“ das homosexuelle Paar die einzige Verbindung hat, die niemals körperlich gezeigt wird, sie kann im Beglotzen der Brüste junger Kandidatinnen etwas weniger subtil vonstattengehen oder im Verprügeln lesbischer Frauen auf offener Straße in Berlin-Kreuzberg geschehen.

Das ist nicht alles dasselbe. Aber alles ist Ausdruck desselben. Wer Schwierigkeiten hat, in der Gegenwart Sexismus zu entdecken, der kann sich fragen, in welcher Zeit er denn problemlos welchen sehen würde. In den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts, als Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes noch nicht arbeiten durften? In den Achtzigern sogar noch, als Frauen bestraft wurden, wenn sie eine Schwangerschaft nicht weiterführen wollten? Oder 1996, als eine Vergewaltigung in der Ehe noch nicht strafbar war?

Gut, nehmen wir also an, 1997 war das letzte Jahr, in dem es Sexismus gab in Deutschland. Selbst dann wären die allermeisten aufgewachsen in einem Land, dessen Staat eine deutliche Unterscheidung zwischen den Geschlechtern macht, wir hätten Eltern, die ungleiche Startbedingungen hatten, und Großeltern, die nicht einmal einen echten Begriff von Geschlechtergleichheit hatten. Die Welt, die wir kennen, wurde von Männern gebaut, sie wurde für Männer gebaut, und sie funktioniert nach männlichen Regeln.

Und doch verlieren Männer nichts, wenn sie ihre Herrschaft aufgeben. So, wie die Deutschen nichts verloren haben, als sie daran gehindert wurden, andere Völker zu knechten, und so, wie die Weißen nicht am Untergang der Sklaverei leiden. Freiheit befreit sogar die Unterdrücker.

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