Sonderthema: Michael Müller

Sexismus und der Fall Brüderle
Rainer Brüderle steht nach Aussagen der Stern-Autorin Laura Himmelreich in der Kritik. Der Fall stößt eine Debatte an über alltäglichen Sexismus.

TV-Kritik Günther Jauch: Sexismus kleingeredet

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Viel mehr, als dass es sabbert, erfährt Fernseh-Deutschland nicht beim ARD-Talk über "Herrenwitz mit Folgen? Hat Deutschland ein Sexismus-Problem? ". Moderator Günther Jauch versucht nicht einmal, die Debatte ordentlich zu strukturieren.

Am Ende tadelte Alice Schwarzer den ARD-Mann auf offener Bühne. Günther Jauch sei den ganzen Abend damit beschäftigt, „das Problem kleinzureden“, sagte sie. Das war nicht ganz falsch. Schlimmer jedoch ist, dass Jauch es versäumte, der Debatte über das peinliche Verhalten des FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle und seine Folgen eine Struktur zu geben – unter anderem weil er stets unterschwellig und unprofessionell Partei ergriff. So misslang die Sendung, die dem „Herrenwitz“ aus der Feder der leider abwesenden „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich gewidmet war, vollständig.

Nicht dass eine gewisse Doppelmoral der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin nicht auch hätte angesprochen werden dürfen. „Ich sehe gut aus“, hatte die Frau mit dem plagiierten Doktortitel vor Jahren dem Magazin „Stern“ gesagt und dazu ihren Bauch gezeigt. „Es wäre dumm, das nicht einzusetzen.“ Wer strategisch auf die Lüsternheit der Kerle als Treibmittel der eigenen Karriere spekuliert, der kriegt logischerweise Probleme, Lüsternheit zu kritisieren, wenn sie ihr lästig wird.

"Stern" setzt auf das Prinzip: Sex sells

Entsprechend kam Koch-Mehrin an der Stelle ins Straucheln. Und dass der „Stern“ auf das Prinzip „Sex sells“ baut, das zu dementieren gelang Chefredakteur Thomas Osterkorn ebenso wenig. Verantwortung des Moderators wäre es allerdings gewesen, die zwei wesentlichen Themen sauber voneinander zu trennen. Das misslang ihm leider komplett. Ja, Jauch hat es nicht einmal versucht.

Zunächst wäre dabei nämlich zweifelsfrei zum Vorschein gekommen, dass es sexuelle Belästigung natürlich massenhaft gibt. Die Internet-Aktivistin Anne Wiezorek stellte wohl mit Recht fest, sie habe „den Eindruck, dass viele Männer die Realität von Frauen gar nicht kennen“. 60000 Twitter-Meldungen binnen weniger Tage sprechen für sich. Alice Schwarzer – weniger bissig und damit überzeugender als sonst oft – sprach ebenfalls mit Recht von den Machtgesten der Männer gegenüber den Frauen.

Peinlich war unterdessen die in die Jahre gekommene Journalistin Wibke Bruhns. Sie fragte allen Ernstes und hielt ihren Fatalismus auch noch für ein Argument: „Wollen Sie die Leute einlochen?“ Sie meinte die Brüderles. Die Debatte über sexuelle Belästigung und mögliche Grauzonen hätte nun wirklich ein anderes Niveau verdient gehabt als das.

Droht amerikanische Prüderie?

Das zweite Thema ist schwieriger zu handhaben, also: Wie viel Nähe verträgt der Umgang von Medienmenschen mit Politikern? Welche Berichterstattung über nächtliche Begegnungen an der Bar ist wann noch gestattet – und welche nicht? Droht am Ende gar amerikanische Prüderie? Die „Spiegel“-Journalistin Christiane Hoffmann beklagte jedenfalls, der „Stern“-Artikel werde die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten erschweren. Das steht in der Tat zu vermuten. Aber Jauch ging auch dieser Spur nicht nach.

„Ich erfahre, dass er sabbert – sonst nix“, sagte Wibke Bruhns über das „Stern“-Porträt des Rainer Brüderle. Viel mehr, als dass es sabbert, vor allem bei Männern, hat Fernseh-Deutschland auch am Sonntagabend nicht erfahren.

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