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Soldatinnen in Deutschland: Was Frauen bei der Bundeswehr suchen und finden

Volle Montur. In der Übung müssen die Frauen beweisen, dass sie mithalten können. Etwa ein Drittel der Soldaten hat da Zweifel.

Volle Montur. In der Übung müssen die Frauen beweisen, dass sie mithalten können. Etwa ein Drittel der Soldaten hat da Zweifel.

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Berliner Zeitung/Markus Wächter

Darf man das so sagen? Es ist ein kurzer Augenblick der Unsicherheit, dann lächelt Carolin A. durch die schwarze Tarnfarbe. „Klingt vielleicht etwas hart“, sagt sie, „aber ich liebe den Umgang mit der Waffe und das Schießen.“ An einem Hang wartet sie zusammen mit ihren Kameraden auf das Fahrzeug, das sich nähert auf dem Weg unterhalb ihres Versteckes. Es ist der Feind, der in einen Hinterhalt gelockt werden soll.

Platzpatronen knallen auf dem waldigen Übungsgelände der Kürassier- Kaserne in Viereck in Mecklenburg-Vorpommern. Beschuss von vorne bringt den Jeep zum Stehen. Dann schießen Carolin A. und ihre Kameraden von der Flanke. Mit den Gewehren im Anschlag eilen sie zum Weg hinunter. Jeder hat eine feste Aufgabe bei dieser Übung. „ Ich habe ihn“, ruft die Soldatin und zielt mit der Waffe auf den Beifahrer. Ein Kamerad öffnet die Tür, rüttelt Beifahrer und Fahrer. „Zwei Gefallene“, ruft er. Die Soldaten durchsuchen den Wagen und ziehen sich in den Wald zurück. Dann folgt die Manöverkritik mit dem Ausbilder. „Es heißt Tote“, erklärt der, „Gefallene sagen wir nur zu den eigenen Kameraden.“

Marder, Dingo und Eagle

Bis vor fünf Jahren hat Carolin A. Backwaren verkauft. „Das war mir zu eintönig“, sagt sie, „außerdem musste ich zusätzlich noch andere Jobs machen, um mir mal was leisten zu können.“ Eine Bekannte erzählte von ihrem Job als Sanitäterin bei der Bundeswehr. Carolin A. entschied sich für die Panzergrenadiere. Fünf Jahre hat sich die 26-Jährige verpflichtet und wurde zur Kraftfahrerin ausgebildet. Den Schützenpanzer Marder beherrscht sie und die gepanzerten Transportfahrzeuge Dingo und Eagle.

Seit 2001 dürfen Frauen alle Laufbahnen in der Bundeswehr einschlagen, vorher durften sie nur im Musik- und Sanitätsdienst tätig sein. Von 6700 Soldatinnen stieg die Zahl der Frauen bei der Bundeswehr innerhalb von fünfzehn Jahren auf 18.000, das sind 8,6 Prozent. Rund 7600 von ihnen arbeiten beim Sanitätsdienst, rund 3300 beim Heer.

Carolin A. und eine Kameradin sind die einzigen Frauen unter 150 Männern in den Kampfeinheiten des Panzergrenadierbataillon 411 in Viereck. Auch Jacqueline B. ist Panzerfahrerin. Und auch sie hat vorher im Einzelhandel gearbeitet. Mit dem Eintritt in die Bundeswehr hat sie sich ihren Jugendtraum erfüllt. „Gegenüber von unserem Haus war eine Kaserne und mir hat das gut gefallen, die Uniformen und die körperliche Herausforderung“, erinnert sich die Oberstabsgefreite, „schon als Kind war ich immer gerne draußen im Wald, habe Geländespiele gemacht und Hütten gebaut.“

Die beiden Frauen fühlen sich voll akzeptiert von ihren männlichen Kameraden. Den einen oder anderen Spruch müsse man allerdings abkönnen. Und sexistische Sprüche oder sogar Belästigungen? Haben die beiden Obergefreiten nicht erlebt. Doch auch die gibt es. Das dokumentiert eine sozialwissenschaftliche Untersuchung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr aus dem Jahr 2014. Die Hälfte der befragten Soldatinnen hatte angegeben, schon einmal belästigt worden zu sein. Die Dunkelziffer scheint hoch zu sein aus Angst vor persönlichen Nachteilen.

Dem harten Leben im Feld nicht gewachsen

Weitere Ergebnisse waren, dass die Zahl der Soldaten zugenommen hatte, die der Meinung waren, dass Frauen dem harten Leben im Feld nicht gewachsen sein, im Jahr 2005 dachten das nur 28 Prozent. Auch der Prozentanteil von Soldaten, die glaubten, dass Frauen körperlich anspruchsvollen Funktionen nicht gewachsen seien, war gestiegen von 44 auf 52 Prozent. Und der Prozentsatz von Männern, die einen Verlust an militärischer Kampfkraft infolge der Integration von Frauen wahrnahmen stieg von 33 auf 36 Prozent.

Kompaniechef Tobias Tiedau hat keine Zweifel an der Tauglichkeit von Frauen auch für die Kampftruppen der Bundeswehr. „Entscheidend ist, dass die Einstellung stimmt und Frauen keine Sonderbehandlung erwarten, dann kann man jede den Fähigkeiten entsprechend einsetzen“, sagt er. „Eine Frau kann zum Beispiel viel besser als ein großer muskelbepackter Mann auf einen engen Richtschützenplatz passen .“

Auf dem saß Janine B. 2012 in Afghanistan. Sie musste auf Patrouille-Fahrten einen eingeteilten Beobachtungsbereich sichern. „Zuerst war ich schon ziemlich angespannt, aber dann wurde es doch Alltag“, erinnert sie sich. Fast die Hälfte aller Soldatinnen war bereits im Auslandseinsatz.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, warum Inka von Puttkamer Berufssoldatin wurde +++

23 Prozent der Offiziersanwärter sind heute weiblich. Manja Domack hat 2005 in Berlin-Charlottenburg Abitur gemacht und dann als Offiziersanwärterin bei der Bundeswehr angefangen. Vierzig Männer fingen zusammen mit ihr an und fünf Frauen. Die Behandlung sei gleich gewesen. „aber man fällt einfach noch auf als Frau“, sagt sie, „und dadurch bleibt man auch mehr in Erinnerung, in positiver wie in negativer Hinsicht.“ 2011 übernahm sie nach dem BWL-Studium und vielen Lehrgängen in Beelitz beim Logistikbataillon 172 als Leutnant einen Zug.

„Ich habe einfach bei allen Leuten nachgefragt, die Ahnung von einer Sache hatten, egal welchen Rang oder Dienstgrad sie hatten“, erinnert sie sich, „das kam gut an.“ Auf der anderen Seite hatte sie im ehemals letzten Rückzugsort der Männerautorität das Gefühl, besonders deutlich Durchsetzungskraft und Führungsqualität zeigen zu müssen. „Dadurch war ich bei Kleinigkeiten viel zu streng“ erinnert sie sich lächelnd, „das hat sich dann aber gegeben, und ich bin schnell lockerer geworden.“

2012 ging auch sie nach Afghanistan. Als Marketenderoffizier war sie für die Versorgung der Soldaten in Mazar-E-Sharif mit Alltagsgegenständen zuständig, vom Shampoo bis zum Kaffee. Sie war hauptsächlich im Schutz des Lagers tätig, doch eindrücklich in Erinnerung ist ihr eine Aufgabe geblieben, die sie speziell als Frau in einem Außeneinsatz wahrnehmen konnte. Eine Gruppe Soldatinnen wurde abgestellt, um mit den Frauen in einem Dorf zu reden, da fremde Männer nicht mit ihnen Kontakt aufnehmen dürfen. „Das war eine eindrückliche Erfahrung für mich“, sagt Manja Domack, „insgesamt war es mir wichtig, mich im Ausland nützlich zu machen, denn dafür ist die Bundeswehr ja schließlich da.“

Eine Mischung ist gesund

Heute arbeitet Manja Domack als Jugendoffizier, hat ihr Büro in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin. Als Referentin der Bundeswehr nimmt sie an Podiumsdiskussionen teil und geht auch in Schulen, um mit Schülern über sicherheitspolitische Themen zu diskutieren. Nächstes Jahr wird sie nach Ablauf ihrer zwölfjährigen Dienstzeit die Bundeswehr verlassen. „Mein Mann ist Berufssoldat und kann überall hin versetzt werden“, sagt sie, „und da wir eine Familie gründen möchten, war uns das zu kompliziert, unsere Dienstorte dann immer unter einen Hut bringen zu müssen.“

Obwohl Ursula von der Leyen die Kinderbetreuung in den Kasernen ausbauen und Teilzeitarbeitsmodelle auch für Soldaten mit Kindern schaffen möchte, erschwert die häufige Versetzung das Familienleben. Siebzig Prozent der Soldaten und Soldatinnen pendeln.

Frauen bei der Bundeswehr gibt es noch nicht sehr lange. Seit 1975 dienen sie im Sanitäts- und Musikdienst. Aber eine junge Elektronikerin, die sich 1996 als Soldatin bei der Instandsetzung bewarb, wurde abgelehnt, denn in Artikel 12a des Grundgesetzes stand damals: Frauen „dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten.“ Sie klagte beim Europäischen Gerichtshof und bekam Recht. Am 11. Januar 2000 entschied der Gerichtshof, dass der Ausschluss von Frauen für fast alle militärischen Tätigkeiten in der Bundeswehr gegen Gemeinschaftsrecht verstößt. Das Grundgesetz wurde geändert, und 2001 traten im Januar die ersten 244 Frauen ihren Dienst an.

Wäre diese Tür damals nicht aufgegangen, hätte Inka von Puttkamer wahrscheinlich Germanistik studiert. Fasziniert von den Seemannsgeschichten ihres Vaters, der auf einem Schiff gedient hatte, ging auch sie zur Marine und wurde Berufssoldatin. 2013 übernahmen sie und ihre Kameradin Helena Linder-Jeß als erste Frauen das Kommando über jeweils ein Minenjagdboot. Schon häufiger ist über sie berichtet worden, und sie ist der Meinung, dass Presse über Frauen die Bundeswehr für andere Frauen populärer macht. „Es geht nicht darum zu sagen, wie toll, dass das eine Frau da macht, sondern dass es geht.“

Sie ist der Meinung, dass genau wie in der Gesellschaft eine Mischung von Frauen und Männern auch bei der Bundeswehr gesund ist und war sehr froh, bei all den Männern Helena Linder-Jeß als Kameradin und Freundin an ihrer Seite zu haben: „Wir haben uns in Tiefpunkten gegenseitig Mut gemacht“; sagt sie, „sonst hätte ich es wohl nicht hierher geschafft.“ Sie selber musste lernen, als Vorgesetzte auch mal auf den Tisch zu hauen, wenn die Dinge nicht in ihrem Sinne verliefen. „Frauen legen tendenziell doch sehr viel Wert darauf, dass es immer allen gut geht, statt dem anvisierten Ziel oberste Priorität zu geben.“

Einen Kameraden geheiratet

Das Telefon klingelt. Puttkamer meldet sich mit „Kommandant“. „Mit diesem Gendern habe ich es nicht so“, sagt sie, „Man sieht ja, dass ich eine Frau bin.“ Dass sich mit zunehmender Zahl von Frauen auch immer mehr Paare bilden, scheint unvermeidlich. Sie weiß, dass das zu Schwierigkeiten führen kann, vor allem, wenn die Partner unterschiedliche Dienstgrade haben und sich Privatleben und Dienst vermischen.

Auch Inka von Puttkamer hat einen Kameraden geheiratet und wird das Kommando sehr bald abgeben, weil sie schwanger ist. Ihr Boot liegt in Kiel im Hafen, sie ordnet nur noch die Papiere für die Übergabe. In den kommenden Jahren wird sie nicht zur See fahren, aber sie ist zuversichtlich, Familie und den Beruf koordinieren zu können. „Die Bundeswehr gibt es ja nun nicht zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das muss man sich schon klar machen“, sagt sie, „aber sie steht als Ziel auf jeden Fall schwarz auf weiß in den Vorschriften, anders als in Privatunternehmen, das ist schon cool.“

Auch für die Führungsebene wünscht sich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen künftig mehr Frauen. Bislang gibt es in der Bundeswehr unter zweihundert Männern nur eine Frau mit Generalsrang: Generalstabsärztin Erika Franke. Sie wird im Frühjahr in den Ruhestand gehen.

Inka von Puttkamer ist noch jung und schon heute Korvettenkapitän. Auf die Frage nach ihrer Karriere reagiert sie typisch Frau: „Das wäre etwas vermessen, in diese Richtung zu denken.“

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