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„Mister Morgans Last Love“: Liebe jenseits erotischer Motive

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Zwei Menschen bei der Entwicklung ihres Verhältnisses: Mr. Morgan (Michael Caine) und Pauline (Clémence Poésy).
Zwei Menschen bei der Entwicklung ihres Verhältnisses: Mr. Morgan (Michael Caine) und Pauline (Clémence Poésy).
Foto: senator

Sir Michael Caine spielt in „Mister Morgans Last Love“ einen Witwer in Paris, der eine junge Französin trifft und in ihr eine Seelenverwandte entdeckt. Am Ende läuft es auf Familienkonflikte hinaus.

Eine schöne Frau kann alle Philosophie über den Haufen werfen. Mr. Morgan, dem Philosophieprofessor aus Princeton, der nach seiner Emeritierung nach Paris gezogen ist, sind nach dem Tod seiner Frau die Gründe fürs Weiterleben abhanden gekommen. Nachbilder aus dem Zusammenleben begleiten ihn durch die Stadt, die ihm so fremd geblieben ist wie die Sprache, die man hier spricht. Mit einer reiferen Französin trifft er sich ohne rechten Schwung zum Essen, damit sie sich gegenseitig Sprachunterricht erteilen. Es ist ein Kontakt, den man ohne Überzeugung aufrechterhält, weil man niemanden vor den Kopf stoßen will – auch nicht die, die behaupten, das Leben ginge weiter. Mr. Morgan ist also wirklich einsam, als sich eines Tages die junge Tanzlehrerin Pauline an seine Fersen heftet.

„Mr. Morgan’s Last Love“ beruht auf dem Roman „Die letzte Liebe des Monsieur Armand“ von Françoise Dorner. Diskreter fast als das Buch beschreibt die Regisseurin Sandra Nettelbeck in ihrem Film die Annäherung eines alten Mannes und eines Mädchens, entwirft eine differenzierte emotionale Landschaft aus Anziehung, Distanz und Respekt. Wer eine Altherrenfantasie befürchtet, wird angenehm überrascht. Manches an der Ausgangslage erinnert an den im Frühjahr angelaufenen Film „Song for Marion“: Hier entdeckte Terrence Stamp als Witwer im Singen einen Kanal für sein verkarstetes Innenleben.

„Mr. Morgans Last Love“ verzichtet auf solche Feel-Good-Botschaften. Zwar tanzt Mr. Morgan ein wenig mit in Paulines Cha Cha-Kurs, auch rasiert er sich den weißen Bart ab. Aber keineswegs verbreitet der Film fragwürdige Verjüngungspropaganda für Leute, die nicht mehr jung sind. Mr. Morgan ist alt und er darf es auch sein. Ihn beschäftigen andere Dinge als die Sehnsucht nach der Jugend – eher flirtet er mit dem Tod. Entsprechend hat Michael Caine in dieser Rolle anderes zu tun als Terrence Stamp. Der musste eine Wandlung zur Lebensbejahung vollziehen, ohne dabei an Würde zu verlieren. Caine dagegen wandelt virtuos zwischen Neugier und Resignation, zeigt in seinem Gesicht die Spuren eines unendlichen Selbstgesprächs, eines unablässigen Durcharbeitens seiner Lage und ihrer Möglichkeiten.

Sie sei ihm ein Rätsel, sagt Mr. Morgan zu Pauline, und was Pauline an dem alten, altmodischen Mann findet, wird gar nicht gesagt. Was wir sehen, ist unwahrscheinlich, aber gerade dadurch rührend. Ob es wirklich den Namen einer „letzten Liebe“ verdient, sei dahingestellt; es ist jedenfalls eine Liebe, die jenseits erotischer Motive und jenseits eines Vater-Tochter-Modus angesiedelt ist. Man würde gern mehr über Menschen erfahren, die so ganz abseits der üblichen Beziehungsschienen Vertrauen zueinander und Leidenschaft füreinander entwickeln.

Doch leider schwenkt der Film romangemäß plötzlich um. Nach Mr. Morgans Selbstmordversuch kommen seine erwachsenen Kinder aus den USA zu Besuch. Der Zuschauer wird unvermittelt genötigt, sich mit sehr unsympathischen Personen zu befassen. Morgans Sohn Miles steht offenbar unter multiplem Erfolgsdruck und verschweigt seinem Vater, dass seine Frau ihn gerade verlassen hat. Wir lernen nun auch Mr. Morgan von einer harten Seite kennen, die wir zunächst als verständliche Reaktion auf die patzig-desinteressierte, aber anspruchsvolle Art seiner Kinder verstehen müssen. Später sollen wir erkennen, dass in Wirklichkeit Mr. Morgan ein patzig-desinteressierter, aber anspruchsvoller Vater war.

Die Geschichte ändert die Richtung und steuert auf familiäre Aussöhnung oder Zerwürfnis zu. War uns Clémence Poésy als Pauline bis dahin als Hauptfigur ans Herz gewachsen, wird sie nun zur Statistin: Zwar bemühen sich alle um sie, aber sie wird austauschbar. Durften wir bis dahin zwei Menschen bei der Entwicklung ihres Verhältnisses zusehen, müssen wir nun zwei anderen Menschen bei der Erklärung ihres Verhältnisses zuhören. Die verhalten sinnlichen Bilder von Michael Bertls Kamera haben nun nichts mehr zu erzählen, sondern filmen nur noch Dialoge ab. Ein verheißungsvoller, origineller Anfang versickert in den banalen Klammheiten einer Familiengeschichte.

Mr. Morgan’s Last Love Dtl./Belgien 2013. Buch & Regie: Sandra Nettelbeck, Kamera: Michael Bertl, Darsteller:

Michael Caine, Clémence Poésy, Gillian

Anderson, Justin Kirk u. a.; 116 Minuten, Farbe. FSK ohne Altersbeschränkung.

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