Es ist Freitag, die Schule ist endlich aus und Lisa Kuhnow steht der schönste Nachmittag der Woche bevor. Ungeduldig schreitet sie die Boxen ab. Es ist dunkel im Pferdestall, der Geruch von Mist und nassem Stroh liegt in der Luft. Lisa hat nur Augen für die Box ganz hinten rechts. Dort steht Borneo, ein Reitpony mit hellbraunem Fell und reinweißer Blesse. Lisa steckt den Kopf durch das Gitter, sagt „Hallo Schätzchen“. Borneo wiehert leise. Das 13-jährige Mädchen strahlt übers ganze Gesicht. Sie ist bei ihrem Lieblingspferd, sie wird gleich eine Stunde lang reiten können. „Das erfüllt mich“, sagt sie.
Ein- bis zweimal pro Woche kommt Lisa Kuhnow aus Kreuzberg auf den Pferdehof Falkenberg am östlichen Stadtrand Berlins. Der Chef dort heißt Andreas Hahn, er ist früher als Springreiter erfolgreich Turniere geritten. Seit 1990 betreibt er den Hof in Falkenberg und unterrichtet dort mit seinem Team 60 bis 80 Reitschüler pro Woche.
Schritt, Trab und Galopp
Jetzt, wenn es kalt ist, übt er mit Lisa und Borneo in der Halle. Zuerst geht es gemächlich im Schritt durch den groben, braunen Sand, dann etwas schneller im Trab, schließlich weiter im Galopp. Der Sand unter Borneos Hufen wirbelt auf. Lisa sitzt aufrecht, während Andreas Hahn ihr zuruft: „Hände ruhiger halten, dann geht er tiefer!“ Als Reit-Laie versteht man die Anweisungen, die durch die Halle schallen, kaum. „Halbe Bahn! Dann Wechsel! Und da unten auf Zirkel!“ Lisa übt den Wechsel zwischen verschiedenen Gangarten. Mit acht Jahren Reiterfahrung gilt die 13-Jährige als fortgeschrittene Reiterin und hat die typische Karriere hinter sich – als kleines Kind auf dem Pony, dann Reiterferien, die die Begeisterung weiter schüren. Es folgen Training an der Longe und Reiten in der Gruppe, die im Fachjargon Abteilung heißt.
Reiter gehen aktiv mit der Bewegung des Pferdes mit, dirigieren es durch Gewichtsverlagerung, Schenkeldruck und Zügelführung. Klassisches Reiten ist am weitesten verbreitet, es ist die Basis für späteres Dressur-, Spring- oder Vielseitigkeitsreiten. Außerdem findet das Westernreiten verstärkt Anhänger.
Anfänger starten an der Longe. Dabei hält der Lehrer das Pferd an der Leine, es läuft im Kreis. Bei ein bis zwei Stunden pro Woche dauert es etwa ein Jahr, bis man auf dem Pferd so sicher ist, dass man gefahrlos ausreiten kann.
Es gibt Reitvereine und kommerzielle Betriebe wie Reiterhöfe und Reitschulen. Das FN-Siegel garantiert Qualitätsstandards und artgerechte Pferdehaltung. In Berlin-Brandenburg sind 70 Betriebe zertifiziert. In Vereinen gibt es den Reitausweis, den man braucht, um Turniere reiten zu können.
Eine Reitstunde kostet zwischen 10 und 25 Euro. Bei Vereinen kommt eine Mitgliedsgebühr (ca. 60 bis 100 Euro im Jahr) hinzu. Viele Höfe bieten Reitbeteiligungen an, bei denen der Besitzer mehrere Reiter sein Pferd nutzen lässt.
Lisas Mutter bezahlt ihr pro Woche ein bis zwei Reitstunden. Eine Stunde kostet in Falkenberg 16 Euro. „Wir haben viele Mädchen aus Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf, die sollen sich das auch leisten können“, sagt Hahn. Reiten ist ein teurer Sport. Erst recht, wenn man ein eigenes Pferd hat. Im Freizeitbereich kostet das 5 000 Euro aufwärts. Auch die Unterhaltskosten sind beachtlich. Wer sein Pferd einstellt, muss mit 150 bis 400 Euro pro Monat rechnen. Für viele unerschwinglich – auch Lisa winkt ab. „Das ist zu teuer und zu zeitaufwendig.“
Sechsmal pro Woche - drei bis vier Stunden
Das kann Josephine Kroll bestätigen. Die 13-Jährige hat in Falkenberg ein eigenes Pferd stehen, das ihre Mutter einst für sich gekauft hat. Nun kümmert sich die Tochter um Hannoveraner-Wallach Gerom. Sechsmal pro Woche kommt Josephine mit dem Fahrrad und bleibt für drei, vier Stunden. Neben der Schule gibt es für die Siebtklässlerin nicht viel anderes. Wenn Freundinnen Schlittschuh laufen, kann sie nicht mitkommen. „Gerom ist nun mal das Wichtigste für mich“, sagt sie. Ihre Eltern waren beide Turnierreiter. Auch sie hat schon Wettkämpfe gewonnen, 45 Sieger-Schleifen hängen in ihrem Zimmer.

