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1. FC Union, BFC Dynamo & Co.: Mehr Freiheit für den DDR-Fußball

Glorreiche Zeiten, erster Teil: Der 1. FC Magdeburg gewinnt mit Jürgen Sparwasser (l.) und Manfred Zapf 1974 den europäischen Pokalsieger-Cup.

Glorreiche Zeiten, erster Teil: Der 1. FC Magdeburg gewinnt mit Jürgen Sparwasser (l.) und Manfred Zapf 1974 den europäischen Pokalsieger-Cup.

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imago/Werek

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Sicherlich hätten sich Fans und Verantwortliche des 1. FC Magdeburg einen attraktiveren Gegner für ihr Jubiläumsspiel vorstellen können als die Zweitvertretung von Mainz 05. Doch die Magdeburger nahmen es, wie es kam. „Die Stadt feiert ihren Klub“, lautete das Motto für die letzte Partie vor der Winterpause kurz vor Weihnachten. Und 23.043 Fans feierten im Stadion mit. Denn zu zelebrieren gab es nicht nur einen 3:1-Erfolg und die Renaissance, die der Traditionsklub erlebt, sondern auch dessen 50-jähriges Bestehen.

Die Feierlichkeiten in Magdeburg waren nur der Auftakt eines Jubiläumsreigens, der sich in diesen Wochen durch den ostdeutschen Fußball zieht. Hansa Rostock, Rot-Weiß Erfurt, Hallescher FC, BFC Dynamo, Union Berlin, Chemnitzer FC, Carl-Zeiss Jena, Lok Leipzig. Sie alle wurden zwischen dem 21. Dezember 1965 und dem 26. Januar 1966 gegründet. Grund dafür war ein im August 1965 vom Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) gefällter Beschluss, die Fußballabteilungen aus den bestehenden Sport- in eigene Fußballclubs auszugliedern. Auf diesem Weg sollte die Entwicklung des Fußballs effizienter gefördert werden, so die offizielle Begründung.

Betriebs-Planstellen für die Kicker

Der Vorstoß kam vom Deutschen Fußball-Verband (DFV). Der Fußball habe teils erfolgreich auf diesem Weg versucht, sich mehr Freiheiten zu verschaffen, erklärt Sporthistorikerin Jutta Braun, die zu dieser Epoche forscht. Bis zur Winterpause 1965/66 waren die meisten Oberligamannschaften Teil von Sportclubs (SC), in denen sie seit 1954 mit den anderen olympischen Sportarten zusammengefasst waren. Das Fördersystem habe für die meisten Disziplinen funktioniert, doch die Fußballer seien unzufrieden gewesen, sagt Braun: „Sie beklagten sich über die Gleichmacherei mit anderen Sportarten und darüber, dass die SC-Mannschaften, anders als etwa die Betriebssportgemeinschaften, den Kontakt zur Bevölkerung, ihren Zuschauern, verloren hätten.“

Der DTSB-Beschluss hatte zwei praktische Folgen: die Umbenennung und die Angliederung der neuen Vereine an Trägerbetriebe. In denen erhielten die Fußballer Planstellen, die weiterhin vom DTSB finanziert wurden. Doch da sie Teilzeit in den Betrieben arbeiteten, wurde die Nähe zur Anhängerschaft vergrößert. Dazu habe auch die Umbenennung der Vereine beigetragen, betont Braun: „Durch das FC im Namen machte man den Fußball wieder sichtbarer und knüpfte an die erfolgreiche Fußballtradition an.“

Insgesamt zehn solcher Fußballclubs entstandenen neu. Zudem wurde die bereits 1953 gegründete SG Dynamo Dresden in den Kreis der Fußballleistungszentren gezählt. Schwerpunkte waren die Bezirkshauptstädte und Berlin, wo gleich drei Vereine aus der Taufe gehoben wurden: der BFC Dynamo, der später nach Frankfurt (Oder) umgesiedelte FC Vorwärts und Union. Eigentlich sollten es nur zwei werden, erinnert sich Günter Mielis, ehemaliger Clubvorsitzender von Union. Doch weil Vorwärts an die Armee und der BFC an das Ministerium für Staatssicherheit gebunden waren, hätten die Berliner Bevölkerung einen dritten, zivilen Klub gewollt. Dieser sollte in der Alten Försterei spielen.

„Ende November gab es erste Gespräche mit mir, ob ich bereit wäre, hauptamtlich beim neuen Verein zu arbeiten“, erinnert sich Mielis. Als stellvertretender Klubsekretär blieben ihm fortan weniger als zwei Monate, um die Gründung mit vorzubereiten. „Die Klubgründung war politisch eigentlich nicht gewünscht, deswegen war sie nicht so gut vorbereitet wie bei den anderen Vereinen“, berichtet der heute 90-Jährige. Zudem seien andernorts bereits die Strukturen vorhanden gewesen, weil alle anderen neugegründeten Vereine in der Oberliga spielten.

Union-Vorläufer TSC Berlin war hingegen der einzige Zweitligist, betont Mielis. „Bei der Gründung war vieles noch ungeklärt, so auch die Gehaltsfrage für Spieler und Mitarbeiter.“ Die konnte durch die Angliederung an die Kabelwerke Oberspree und das Transformatorenwerk als Trägerbetriebe gelöst werden. Die Namenswahl fiel schließlich in Anlehnung an den Vorvorgänger Union Oberschöneweide auf Union.

Unter dem neuen Namen stieg die Mannschaft nicht nur direkt in die Oberliga auf, sondern lockte auch wieder vermehrt Zuschauer ins Stadion. Doch nicht nur in Köpenick erwies sich das neue Fördersystem als tauglich: „Die Stärkung des Fußballs ist gelungen“, befindet Jutta Braun. Zwar sei man nicht so erfolgreich gewesen wie der Fußball der Bundesrepublik, doch der Europacup-Erfolg des 1. FC Magdeburg 1974 und der Olympiasieg 1976 zeigten, dass die DDR-Kicker international konkurrenzfähig waren.

Einige Missstände konnte die Neustrukturierung jedoch nicht beheben, etwa den Mangel an internationalen Testspielen. Auch war die Unabhängigkeit der Fußballclubs begrenzt, der DTSB redete weiter in die Trainingsgestaltung hinein. „Trainer haben beklagt, dass sie bis in die 80er-Jahre nach Plänen trainieren musste, die für Leichtathleten konzipiert waren“, berichtet Braun.

Zweiklassengesellschaft Oberliga

Innerhalb der Oberliga führte das FC-System zudem zu einer Zweiklassengesellschaft. Die Fußballclubs wurden als Leistungszentren stärker durch den DTSB gefördert. Andere Vereine mussten ihre Spieler an sie abtreten. Obwohl immer wieder auch Betriebssportgemeinschaften in die vordere Tabellenregion vorstoßen konnten, gingen ab 1966 alle Meistertitel an Fußballclubs oder Dynamo Dresden.

Eine sportpolitisch nicht bezweckte Wirkung zeigte derweil die Angliederung an Trägerbetriebe, wie Braun erklärt: „Der DTSB beklagte eine kapitalistische Unterwanderung des Fußballs, weil mit Hilfe der Betriebe Handgelder und Prämien gezahlt wurden.“ Der Sportverband stellte die Fußballclubs daher ab 1969 wieder stärker unter seine Kontrolle, ohne jedoch an der neuen Struktur zu rütteln.