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Alba Berlin: Der Videoanalyst

Alba-Coach Sasa Obradovic instruiert sein Team.

Die Mimik sagt mehr als jede Taktiktafel: Alba-Coach Sasa Obradovic instruiert sein Team.

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Imago/Camera 4 (2)

Gibt es die Formel zum Sieg? Ist Erfolg planbar? Lässt sich der Turniergewinn programmieren? Im Fall von Alba Berlin sind das vor dem Basketball-Pokalwochenende in München mit dem ersten Jetzt-oder-Nie-Spiel am Sonnabend gegen Frankfurt (19 Uhr) besonders spannende Fragen. Stunde um Stunde wird Thomas Päch vor dem Anwurf des Halbfinales schon vor seinem Mini-Laptop verbracht haben. In seinem Berliner Büro, in Cafés, in Fliegern und Bussen wird er Hunderte Spielzüge des Alba-Gegners auf Video studiert haben. Die Stärken und Schwächen der Frankfurter Spieler wird er besser kennen als die selbst. Päch wird einen Berg Papier produziert und die jüngsten Frankfurter Spiele auf Video zerschnitten, zerlegt und mühevoll wieder zu einem etwa zehnminütigen Analyse-Film zusammengesetzt haben. Kein Detail soll seiner Aufmerksamkeit entgehen können. Und nach all dieser Akribie, die Päch vor jedem Alba-Spiel treibt, ist seine Antwort auf diese Fragen – ein entschiedenes „Jein“.

Päch, 33, ein Alba-Gewächs und seit dieser Saison wieder im Verein, ist einer von zwei Assistenztrainern von Chefcoach Sasa Obradovic. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Verteidigung der Alba-Gegner vor jeder Partie zu analysieren und die einzelnen Spieler zu durchleuchten. Er sucht nach der Mechanik der Defensive, nach Laufwegen, vor allem nach Lücken. Auf dass die Alba-Spieler hineinstoßen können. Pächs Assistenzcoach-Kollege Milenko Bogicevic dagegen ist für die Offensive des Gegners zuständig – er tüftelt also an Verteidigungsstrategien für die Berliner Basketballer.

Engelsgeduld bei Videostudium

Über den 12-Zoll-Bildschirm vor Thomas Päch zieht ein Video. Die Gelben greifen an, die Blauen sind in der Defensive. Es ist einer jener Kurzfilme, mit deren Hilfe Päch Alba auf das Eurocup-Rückspiel gegen Neptunas Klaipeda vor zwei Wochen vorbereitet hat. Ein Zusammenschnitt von Szenen aus dem Hinspiel. Mit einer Engelsgeduld passen die gelben Alba-Spieler sich den Ball zu. Immer wieder fliegt er zu einem tief am Brett postierten Spieler. „Unsere Idee war, den Ball nach innen zu geben, weil wir da Vorteile hatten. Dann kommt der Pass nach oben. Und wieder haben wir Geduld, haben den Ball bewegt und ihn wieder nach innen gebracht“, erklärt Päch. Immer schneller müssen die Blauen laufen, um ihren Nebenleuten zu Hilfe zu kommen. Wieder und wieder passen die Gelben den Ball. Immer langsamer nur kommen die Blauen hinterher. Es ist der Moment, in dem Klaipedas Defense kollabiert. „Und dann haben wir hier Jonas in einer Situation, in der er super Eins-gegen-Eins spielen kann. Das ist ein Vorteil, den wir haben wollten“, sagt Päch. Auf dem Bildschirm geht Alba-Center Wohlfahrth-Bottermann gegen seinen Gegenspieler zum einfachen Korbleger hoch. Zwei Punkte für die Gelben. Für das Rückspiel nahmen die Berliner sich vor, dieses Muster so oft wie irgend möglich zu wiederholen. Am Ende gewannen sie 76:62.

Ein Faktor für den Alba-Sieg war außerdem, dass Klaipedas Flügelspieler Travis Bader aus dem Spiel heraus kaum traf. Auf Thomas Pächs Computer ist noch immer der lange Bericht gespeichert, den er den Alba-Spielern vor der Partie in die Hand gedrückt hat, der Scouting Report. Er beginnt mit der Aufzählung der fünf besten Spielern des Gegners, Minuten, Punkte, Rebounds, Assists, Würfe. Es folgt ein weiterer Wust an Spielstatistiken und Skizzen. Schließlich Kurzcharakterisierungen der Gegner. Unter dem Bildchen von Travis Bader, einem 24-jährigen Blondschopf aus Michigan, steht: „SHOOTER!!!“. „Es war wichtig für uns, dass wir Bader, einen unglaublich guten Schützen, komplett aus dem Spiel nehmen. Wir sagen: Es gibt Leute, denen wir einen Wurf geben – und Leute, denen wir keinen Wurf geben“, erklärt Päch. In der Arena am Ostbahnhof erzielte Bader dann vergangene Woche zwar immerhin zehn Punkte für Klaipeda. Aber nur vier davon traf er aus dem Spiel heraus. Für die restlichen musste er an die Freiwurflinie. Ein Erfolg der Alba-Defensive.

Analysieren, umsetzen, gewinnen. Gibt es ihn also doch, den programmierten Sieg? Thomas Päch ist ein akribischer Arbeiter. Das Studium als Wirtschaftsingenieur brach er ab, als sich die Perspektive ergab, auch als Coach sein Geld zu verdienen. Um eine Partie per Video zu analysieren, braucht er etwa drei Stunden. Und dann noch mal drei Stunden, um seine Erkenntnisse zu Papier zu bringen. Vor jedem Alba-Spiel analysiert er mit seinem Assistenztrainer-Kollegen mindestens drei, oft fünf Spiele des Gegners. Jeden Tag ist Teammeeting, jeden Tag Videoanalyse, jeden Tag Vor- oder Nachbereitung. Und trotzdem sagt Päch: „Diese Unmengen an Zeit und intensiver Arbeit sind am Ende nur ein winziger Teil eines Ganzen. Das kann manchmal entscheidend sein, manchmal aber total belanglos.“

Wichtiges Momentum

Denn ein Spiel ist ein Spiel, es hat seinen eigenen Rhythmus. „Ein Spiel ist sein eigener Herr“, so sagt es Päch. „Manchmal passieren Sachen, die man nicht vorbereiten kann. Wenn ein Spieler heiß läuft und einfach alles trifft, kann man das nicht verhindern“, glaubt Päch, der Analytiker. Und dass am Ende eben die Spieler auf dem Platz stehen, nicht die Trainer. Dass es Spieler gebe, die immer treffen, „die sagen: Es ist mir egal, was die anderen machen. Gib mir den Ball, ich werfe ihn rein. Und der kann das dann.“ So wie Michael Jordan das konnte. Dass Momentum wichtig ist, Emotionen, die Stimmung in der Halle und die in den Köpfen der Spieler. All das kann eine Partie auf den Kopf stellen. Und alle Vorbereitung nutzlos machen.

Trotzdem: „Erfolg ist zu einem gewissen Grad planbar“, glaubt Päch. Er ist überzeugt, dass Vorbereitung einen Einfluss darauf hat, wie etwas ausgeht (übrigens auch abseits des Feldes). Auf dem Court gilt: „Auf lange Sicht führt bessere Vorbereitung zu besseren Ergebnissen. Ich glaube da nicht an Glück, sondern daran, dass man sich selbst konstant in Situationen bringen kann, in denen man die Chance hat zu gewinnen. Dass dann am Ende manchmal Glück entscheidet – ja, zugegeben, das kann passieren. Aber trotzdem: Wenn man gut vorbereitet ist, ist man regelmäßiger in solchen Situationen und kann dann auch erfolgreich sein.“ Konkret: Im Basketball, dem Spiel der Läufe, entscheidet manchmal ein einziger Korbleger darüber, in welche Richtung eine Partie kippt. „Wenn man weiß, dass in einer bestimmten Situation ein Korbleger passieren kann, weil er vielleicht Teil eines Spielzugs des Gegners ist, und ihn dann verhindert, kann das ein entscheidendes Detail sein.“

Jetzt oder nie

Was Päch sagt, könnte auch aus dem Mund von Sasa Obradovic kommen. Der Chefcoach ist ein Fanatiker der Vorbereitung. Für ihn ist ein Pokalspiel kein Jetzt-oder-Nie-Spiel, für ihn ist jede Partie ein Jetzt-oder-Nie-Spiel. Immer will er auf alles vorbereitet sein, und sei es für ein Bundesligaspiel in Gießen. Dafür verlangt er seinen Assistenten viel ab, aber er gewährt ihnen auch viel: Vertrauen. Vergangenes Jahr – Päch war noch nicht bei Alba, kennt die Geschichte aber aus Erzählungen – nahm der Chefcoach in einem Spiel eine Auszeit. „Er kam dann zu Milenko Bogicevic und hat gesagt: Setz dich hin, zeig mir, wie der Spielzug geht!“ Niemand möchte Sasa Obradovic in so einem Moment enttäuschen.

Für das Pokalwochenende in München werden Päch und Bogicevic drei komplette Gegnervorbereitungen im Gepäck haben. Wie haben Frankfurt, Bayern und Bamberg in den letzten fünf Partien gespielt? Wo haben sie Probleme offenbart? Wo mit Stärken geglänzt? Wie könnte Alba sie ärgern? Rund 90 Stunden lang werden sie darüber gegrübelt haben. „Auf Frankfurt kann man sich gut vorbereiten, weil sie sehr strukturiert und diszipliniert sind“, sagt Päch zwar über die erste Partie (die einzige, die jetzt schon feststeht). Der Nachteil: „Die sind selbst in jedem Spiel sehr gut vorbereitet. Sie wissen genau, was der Gegner wann und wo macht, und versuchen, genau das zu verhindern.“

Am Ende könnte ein Detail entscheiden. Eines nur ist schon heute sicher: Thomas Päch, Milenko Bogicevic und Sasa Obradovic werden nichts unversucht lassen, genau dieses Detail zu finden.