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Antidoping-Gesetz: Die Einheitsfront bröckelt

Spritziger Protest gegen alle Radsportler, die die Tour de France im wahrsten Sinne des Wortes als Spritztour verstehen.

Spritziger Protest gegen alle Radsportler, die die Tour de France im wahrsten Sinne des Wortes als Spritztour verstehen.

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AFP/JOEL SAGET

Es werden wohl launige Wochen bis zur Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Anfang Dezember. Dort wollte man eigentlich in Ruhe die Strukturreform über die Bühne bringen, die Trennung von Haupt- und Ehrenamt. Doch nun funken die Bundesministerien für Inneres und Justiz dazwischen mit ihrem Entwurf für ein eigenständiges Antidoping-Gesetz. Der sorgt für Zündstoff. Zumindest der Zentrale des Dachverbands verschlug es – eine Rarität – die Sprache. „Wir prüfen“, heißt es von dort zunächst kurz und verstimmt. Das nachgereichte Statement von DOSB-Präsident Alfons Hörmann bleibt vage: Zwar „begrüßt“ Hörmann, dass „die bislang abstrakte Diskussion“ nun „konkreter geführt werden kann“. Aber: Man werde sich erst eine Meinung bilden, „sobald uns der Referentenentwurf und seine Begründung offiziell vorliegen“.

Bis zu drei Jahre Haft

Nun ja. Der Entwurf, über dessen Kern – die Strafbarkeit für dopende Athleten – seit Jahren gestritten wird, ist so etwas wie die Höchststrafe der Regierungskoalition für die DOSB-Spitze. Die tat bisher so, als gäbe es Doping hierzulande allenfalls punktuell, und war zufrieden damit, dass nur sogenannte Hintermänner von Staatsanwälten ins Visier genommen wurden. Nun sollen für Kaderathleten bis zu drei Jahre Haft eingeführt und auch Erwerb oder Besitz von Dopingsubstanzen in kleinsten Mengen bestraft werden. Ein Passus, gegen den sich der DOSB stets wehrte. Turner-Präsident Rainer Brechtken, der Sprecher der Spitzenverbände, formuliert denn auch deutlich „Skepsis und Ablehnung gegenüber dieser uneingeschränkten Besitzstrafbarkeit“. Parallele Verfahren von Sport- und Strafgerichten „würden die Effektivität der Dopingbekämpfung gefährden“. Wie es heißt, will sich Brechtken im Dezember um den vakanten Posten des für Leistungssport zuständigen DOSB-Vizepräsidenten bewerben. Auf heftigen Gegenwind wird er sich in dieser Frage einstellen müssen.

Der kommt auch aus der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada). Nada-Vizepräsident Lars Mortsiefer widerspricht der Ansicht, langwierige staatliche Ermittlungen könnten die schnelleren Dopingsanktionen des Sports ausbremsen: „Der Athlet möchte ja nicht gesperrt werden, und mit dem neuen Weltantidoping-Code bekommen wir ab Januar eine Regelsperre von vier Jahren. Deshalb wird er an der Aufklärung mitarbeiten.“ Mortsiefer sieht die Nada „gestärkt“. Denn Staatsanwaltschaften sollen laut Entwurf künftig ihre Ermittlungsergebnisse an die Nada reichen können.

Auch im DOSB, wo unter dem ehemaligen Präsidenten Thomas Bach die öffentliche Debatte als Tabu galt, bröckelt die Einheitsfront der Gesetzes-Gegner. Sogar im Präsidium. Ingo Weiss, der Basketball-Präsident und Vorsitzende der Sportjugend, gehört ihm an. Er nennt es „sinnvoll, dass wir endlich ein Gesetz bekommen und dadurch womöglich einen faireren Sport“. Wenn „auch die Sportgerichtsbarkeit gestärkt wird, wie das hier wohl der Fall ist, dann sollten wir uns am Gesetzgebungsprozess positiv beteiligen“. Nachbessern könne man schließlich immer noch.

Auf verlorenem Posten

Keine Überraschung ist es, dass Leichtathletik-Boss Clemens Prokop den Koalitionsentwurf befürwortet. Als Einzelkämpfer für ein strenges Gesetz musste er im DOSB einige Niederlagen einstecken. Prokop trägt das den Kollegen nicht nach: „Wichtig ist nur eine Frage: Ist die Sache ein Gewinn für die Glaubwürdigkeit des Sports? Die würde ich mit einem lauten Ja beantworten.“ Dem schließt sich der frisch gekürte Präsident des Tischtennis-Weltverbandes Thomas Weikert an: „Wir sind letztlich froh, dass es so einen Entwurf gibt. Um ein Übermaß an Strenge sollte sich der Sport keine Gedanken machen.“ In die Koalition der Befürworter reiht sich ohne Zögern auch Gewichtheber-Präsident Christian Baumgartner ein: „Vor allem junge Athleten“, so glaubt er, „werden sich den Einstieg in eine Dopingkarriere drei Mal überlegen, wenn sie sich damit strafbar machen.“

Und im Bundestag? Für die Grünen sprechen „verfassungsrechtliche Gründe“ dagegen, den Besitz von Dopingmitteln unter Strafe zu stellen. Özcan Mutlu, der sportpolitische Sprecher, hätte lieber einen Straftatbestand Sportbetrug. Der allerdings erweist sich in Österreich als wenig wirksam.

„Ohne Zweifel ein Schritt in die richtige Richtung“, kommentiert hingegen André Hahn für die Linke. Zwar vermisst er Regelungen etwa zur Prävention oder „zum Schutz von Whistleblowern“. Gleichwohl sei zu hoffen, dass der Gesetzentwurf „möglichst bald“ den Bundestag erreicht. Eingedenk der unterschiedlichen Positionen in der Koalition habe man da Zweifel.

In der Tat konnte sich die DOSB-Spitze auf die Union im Sportausschuss stets verlassen. Reinhard Grindel (CDU) wischt derlei Ahnungen jedoch beiseite. Zwar hat der DFB-Schatzmeister dafür plädiert, die Spielmanipulation mit zu regeln – und nicht, wie geplant, in einem zweiten Gesetz. Am vorliegenden Entwurf stören ihn aber nur „einzelne Formulierungsfragen“. So sollen die Staatsanwaltschaften entscheiden, ob sie ihre Ermittlungen an die Nada geben. Grindel möchte einen stärkeren Einfluss der Nada. Die auch von der Union bislang bekämpfte Besitzstrafbarkeit hält er hingegen für „im Grundsatz richtig“. Es sieht so aus, als stünden die DOSB-Spitzenfunktionäre mit ihrer Weichspülvariante von Betrugsbekämpfung auf verlorenem Posten.