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Berliner Sechstagerennen: „Wir zeigen die Herzfrequenz auf der Leinwand“

Daumen hoch: Mark Darbon mit Dieter Stein und Reiner Schnorfeil (v. l.).

Daumen hoch: Mark Darbon mit Dieter Stein und Reiner Schnorfeil (v. l.).

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imago/Stiehl

Mark Darbon wirkt trotz seiner 35 Jahre direkt jugendlich, als er zwischen seinen neuen Geschäftspartnern Dieter Stein und Reiner Schnorfeil posiert. Vor der Sponsorenwand, auf dem Rennrad, an der traditionellen Schlussglocke. Der Fotograf lässt das Trio in allen erdenklichen Posen antreten, die ihm zum Thema Sechstagerennen in dem tristen Konferenzraum des Lichtenberger Hotels einfallen. Darbon lässt das Shooting routiniert über sich ergehen. Dabei ist der Berliner Radtrubel für den CEO noch Neuland. Erst im Herbst kaufte seine britische Madison Sports Group das Berliner Sechstagerennen von Schnorfeil.

Herr Darbon, das wirkt schon ganz gekonnt. Welche Radsporterfahrungen haben Sie?

Ich war selbst nie Rennfahrer, sondern Hockeyspieler, mag aber Radfahren. Im Oktober 2015 haben wir das erste Sechstagerennen in London seit 35 Jahren veranstaltet. Es wurde hervorragend angenommen, von Athleten und Fans. Davor hatte ich auch schon Kontakt zum Radsport. Als Mitarbeiter der Olympischen Spiele 2012 war ich für den Olympiapark zuständig, in dem auch das Velodrom steht, war dort für den Testwettkampf, einen Weltcup, verantwortlich.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es noch Dutzende Sechstagerennen. Heute sind es sechs. Traditionsstandorte wie Dortmund oder München mussten in den vergangenen Jahren aufgeben. Warum investieren Sie in einen aussterbenden Dinosaurier?

Der Sport ist fantastisch. Es gibt viele Aspekte, die wir an Sechstagerennen mögen: Sie finden in einer Arena statt, sind deswegen besser für die Fans als Straßenrennen, bei denen du zwei Stunden hinfährst, drei Stunden wartest und dann die Fahrer für 20 Sekunden siehst. In der Arena findet alles vor deinen Augen statt. Ich mag auch die Geschichte der Sechstagerennen. Es war großartig, in London den Sport dahin zurückzubringen, wo er 1878 erfunden wurde. Zudem sind Sechstagerennen schon immer mehr gewesen als reine Wettkämpfe, nämliche eine Mischung aus fantastischem Sport und guter Unterhaltung.

Dennoch sind die meisten Rennen verschwunden. Weshalb?

Das ist schwierig zu beantworten, weil alle Rennen unterschiedlich sind. Sie haben ihr Lokalkolorit und eine unterschiedliche Bedeutung innerhalb ihrer Stadt. Deswegen sind auch die Ursachen für das Aus unterschiedlich. Ein Punkt ist aber, dass der Sport, wenn man nicht über ein großes Fachwissen verfügt, schwer zu verstehen ist. Die Rennformate und das Punktesystem sind kompliziert. Das erschwert es, neue Fans zu gewinnen. Das wollen wir in London und Berlin ändern.

Wie?

Wir kennen die Antwort noch nicht. Wir wollten zunächst einmal London und Berlin angucken und daraus unsere Schlüsse ziehen. Wir wollen neue Fans locken. Was wir aber nicht machen wollen, ist, alles zu ändern. Die Geschichte und das Erbe sind wichtig.

Wie unterscheiden sich Ihre Rennen in London und hier in Berlin?

Wir haben hier die 105. Auflage. Berlin ist ein Rennen mit einer kontinuierlichen Geschichte. In London gab es drei Jahrzehnte lang nichts. Wir konnten das Rennen frei gestalten. Dabei haben wir auf ein jüngeres Publikum abgezielt. „The Ministry of Sound“, eine große britische Musikmarke, hat sich um die Musik gekümmert, in der Mitte der Halle stand eine große Bühne. Wir haben viel in Licht investiert und versucht, ein TV-Ereignis zu schaffen, mit vielen Kameras, Grafiken, die das Rennen erklären. Eurosport hat an fünf Tagen übertragen. Das wird es in Berlin in diesem Jahr noch nicht geben. Wie in London werden wir in Berlin allerdings die Geschwindigkeit und Herzfrequenz der Fahrer live auf der Leinwand zeigen.

Die handelnden Personen in Berlin sind 2016 dieselben wie 2015. Reiner Schnorfeil kümmert sich weiterhin um Sponsoren und Außendarstellung, Dieter Stein bleibt sportlicher Leiter. Was ist Ihre Rolle?

Wir haben uns in diesem Jahr auf London konzentriert. Einer der Gründe, warum wir in Berlin investiert haben, war das gute Team hier. Reiner und Dieter sind gut in dem, was sie tun. Wir vertrauen ihnen. Aber ich war jede Woche hier, habe mit beiden eng zusammengearbeitet und bin daher in die Vorbereitung stark eingebunden.

Wenn das Team hier so gut funktionierte, wofür brauchte es dann Sie?

Sie haben dieselbe Möglichkeit gesehen wie wir. Der Sport ist nicht gewachsen, sogar eher geschrumpft. Durch die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen wie Madison besteht die Chance, Dinge zu verbessern.

In Großbritannien gibt es nach den Tour-de-France-Siegen von Bradley Wiggins und Christopher Froome und zahlreichen Olympiamedaillen eine Radsporteuphorie. Wie nehmen Sie die Stimmung hier wahr?

Es gibt eine ganze Reihe starker junger Straßenfahrer. Es gibt auch eine starke Szene von Sechstagefahrern, die wir in London getroffen haben und die interessante Ideen zur Fortentwicklung des Sports haben. Der Markt ist anders, aber es gibt einige übereinstimmende Trends. Sie müssen sich nur mal angucken, wie viele Menschen hier in Berlin mit dem Rad unterwegs sind. Der Sport ist fesselnd und beliebt.

In Deutschland sind nach den großen Dopingskandalen viele Menschen gegenüber dem Radsport noch immer skeptisch.

Angesichts der Geschichte haben sie dazu auch ein Recht. Man muss sich nur mal angucken, was aktuell in der Leichtathletik geschieht oder die neuen Vorwürfe im Tennis. Viele Sportarten haben mit Problemen zu kämpfen. Unser Anspruch ist es, Wettkämpfe zu veranstalten, in denen sich die besten Athleten harte Rennen liefern, aber auf saubere Art und Weise.

Können Sie als Veranstalter etwas gegen Doping oder Betrug tun?

Man kann eine strenge Linie fahren. Man sollte als Veranstalter Bedingungen schaffen, unter denen den Fahrern klar ist, was von ihnen erwartet wird. Wir schließen unsere Verträge direkt mit den Fahrern, so können wir Kontrollen einbauen. Das sind wichtige Überlegungen, wenn wir das Wachstum des Sports wollen.

Gibt es Strafklauseln in den Verträgen der Fahrer?

Wir sprechen nicht öffentlich über Vertragsdetails, aber es gibt Dinge, die wir in der Zukunft tun können, damit die Fahrer unsere Erwartungen sicher verstehen und wir einen Sport schaffen, an den die Leute glauben können.

In früheren Tagen starteten bei den Sechstagerennen auch bekannte Straßenfahrer. Das gibt es aktuell nicht. Woran liegt das?

Früher konnten die großen Straßenfahrer mit den Bahnrennen zusätzlich Geld verdienen und sich physisch vorbereiten. Heute dauert die Straßensaison immer länger. Das führt zu Terminkonflikten. Aber wenn wir ein gutes Angebot schaffen können, das attraktiv ist für Fans, Fahrer und Sponsoren, wird das wieder kommen. Wir haben auch so ein sehr starkes Feld mit Weltmeistern und vielen Talenten.

Das Gespräch führte Robert Briest.