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Berliner Zeitung | Bowling: BSC Kraftwerk Berlin mischt oben in der Bundeslliga mit
17. January 2016
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Bowling: BSC Kraftwerk Berlin mischt oben in der Bundeslliga mit

Pyramiden über den Pins: Laura Beuthner auf der Bahn im Wedding.

Pyramiden über den Pins: Laura Beuthner auf der Bahn im Wedding.

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Sebastian Wells

Laura Beuthner nimmt vier Schritte Anlauf, dann schickt sie ihr Sportgerät mit leichtem Drall Richtung Wüste. Mit überkreuzten Beinen blickt sie hinterher, während der Ball über die glänzende Oberfläche rast, eine langgezogene Rechtskurve beschreibend, bevor er krachend im Ziel einschlägt und eine Kettenreaktion auslöst: alle Pins liegen am Boden. Strike! Beuthner richtet sich auf, greift nach einem anderen Ball, der in seiner Farbgebung an einen Papageienkuchen erinnert, lässt ihn über ein rotes Poliertuch rotieren und wiederholt die Prozedur.

Die junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz ist Sportbowlerin. Derzeit wohl die Beste in Berlin. Sie spielt in der Nationalmannschaft und beim BSC Kraftwerk Berlin. Mit ihrem Team ist sie Zweite in der Bundesliga, deren zehn Mannschaften sich an sechs Spieltagen zwischen Oktober und Februar messen. Der vierte Vergleich fand am Wochenende in Berlin statt. Zwei Tage, 45 Spiele, jeder gegen jeden. Pro Partie absolviert jede der vier Frauen pro Team ein Spiel, die Punkte werden addiert, maximal sind 1200 möglich. Für den Sieg im direkten Duell gibt es zwei Punkte in der Tabelle. Zudem wird gezählt, welches Team die meisten Pins umgelegt hat. Dieses erhält zehn Bonuszähler, das zweite neun und so fort. 28 Punkte sind an so einem Wochenende möglich. Die Berlinerinnen kamen auf 17, „na ja“, meint Beuthner, „es gab schon bessere Wochenenden“.

Kein Heimvorteil

Einen Heimvorteil gebe es beim Bowling nicht. Wenngleich das Bowlingcenter an der Müllerstraße in Wedding, an dem der Bundesligaspieltag ausgetragen wurde, für die Kraftwerk-Bowlerinnen Trainingsstätte und für Beuthner so etwas wie die zweite Wohnung ist. Viel Zeit verbringt sie in der Halle mit den 46 Bahnen, über deren Pins eine ägyptische Wüstenlandschaft samt Pyramiden prangt. Kellner wuseln zwischen der Bar und den Tischen hin und her, auf denen sie Bier bei den Erwachsenen und Brause bei den Kindergeburtstagen abstellen. Für die meisten hier ist Bowling ein Spiel. Der Sport ist eine Randerscheinung, die auf den Bahnen in der Ecke stattfindet, wo Beuthner ihre Bälle wirft.

„Bowling ist in Deutschland ein Amateursport. Um ihn professionell zu betreiben, ist der Sport in Deutschland einfach zu unbekannt“, erklärt die 21-Jährige, die in Berlin Soziale Arbeit studiert. Sie investiert dennoch so viel Zeit ins Bowling, dass es an Profiverhältnisse grenzt. „Außer dem Studium besteht mein Leben fast nur aus Bowling und Fitness.“ Mindestens drei Mal pro Woche trainiert sie auf den Bahnen in Wedding. Hinzu kommen zwei Termine im Fitnessstudio, wo sie die Arm-, Rücken-, und Beinmuskulatur trainiert. Beinmuskeln seien wichtig, erklärt sie, schließlich bleibt man nach dem Anlauf vor der Linie abrupt auf einem Bein stehen und muss das Gleichgewicht halten.

Groß ist auch ihr finanzieller Aufwand. Beuthner schätzt, dass sie im Jahr 10.000 Euro für ihren Sport ausgibt. Der Mitgliedsbeitrag im Verein und die Bahngebühr von ein, zwei Euro pro Spiel sind die geringsten Kosten. Gut 6 000 Euro zahlt sie für Reisen und Antrittsgelder zu Turnieren, „wobei ich dabei natürlich auch manchmal Preisgelder gewinne“. Teuer ist das Material: Schuhe, Bowlingtaschen, vor allem die Bälle. Knapp 250 Euro kostet so ein Sportgerät. Pro Jahr braucht Beuthner etwa sechs neue.

Öl beeinflusst die Ball

Ohnehin die Bälle: Wenn Beuthner von ihrem Sport erzählt, wird daraus eine komplexe Wissenschaft mit Ölungen, Bohrungen und Lochabständen. Beuthner deutet auf die Bahn. „Der Glanz kommt vom Öl.“ Die Ölbilder, die Namen wie „Beijing“, „Tokio“ oder im Weddinger Fall „Athen“ tragen, wirken sich auf den Lauf der Bälle aus. Jede Spielerin hat deshalb sechs bis acht Spielgeräte dabei, sie unterscheiden sich durch ihre matte oder polierte Oberfläche, die Abstände ihrer Fingerlöcher und durch die Bohrung. „Die beeinflusst wann der Ball anfängt, sich zu drehen.“ Je früher das geschieht, desto stärker ist der Bogen, den er auf der Bahn beschreibt. Und die verändert ihre Eigenschaft auch während eines Spieltags, denn die Bälle nehmen bei jeder Überquerung einen leichten Ölfilm mit. Je mehr Öl abgetragen ist, desto stärker rollt und dreht der Ball.

Erfahrung spielt eine Rolle – und von der hat Beuthner, obgleich sie die Jüngste im Team ist, reichlich. Sie ist quasi auf der Bahn aufgewachsen. Ihre Eltern sind Bowler, sie selbst spielt seit 2001. Zehn Jahre später begann sie für den BSC Kraftwerk in der Bundesliga zu werfen. Dort war sie mit durchschnittlich 211 Zählern pro Partie zur Saisonhälfte zweitbeste Spielerin.

Obwohl Bowling von der Grundidee ein Einzelsport ist, möchte Beuthner nicht entscheiden, was ihr wichtiger ist, die Soloauftritte bei Turnieren oder der Mannschaftswettbewerb Bundesliga. „Ich mag mein Team. Ich würde behaupten, in der Liga sind wir die Mannschaft, die am meisten den Teamgedanken lebt, sich auf der Bahn anfeuert.“ Fünf Spielerinnen zwischen 21 und Ende 30 zählen zum Stamm. Hinzu kommt eine Ersatzspielerin, die einspringt, wenn jemand fehlt, wie am Wochenende die Französin Amadine Jacques, die zu ihrer Nationalmannschaft musste.

Auf Erfolgskurs

Einen Trainer gibt und braucht es nicht, sagt Beuthner. „Wir trainieren uns selbst.“ Das funktioniere gut. „Durch das viele Training merkt man meist selbst, wo der Fehler liegt. Und falls nicht, geben wir uns untereinander Hinweise.“ In den vergangenen beiden Spielzeiten reichte es für die Berlinerinnen in der Bundesliga zu Platz drei. 2016 könnte es weiter nach vorn gehen. Zwei Punkte Vorsprung haben sie zu den drittplatzierten Frankfurterinnen. Der Schritt zum Meistertitel ist jedoch groß. Tabellenführer Radschläger Düsseldorf ist zwei Spieltage vor Ende zwölf Zähler voraus.

„Die stehen nicht umsonst dort oben“, lobt Beuthner, „aber wenn wir am Ende Zweiter werden, können wir damit mehr als gut leben.“