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Bundesliga-Aufstieg: Hertha muss raus aus dem Fahrstuhl

Matchwinner: Pierre-Michel Lasogga trifft zum 1:0 gegen Sandhausen und macht den Aufstieg klar.

Matchwinner: Pierre-Michel Lasogga trifft zum 1:0 gegen Sandhausen und macht den Aufstieg klar.

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REUTERS

Als nach zwei Minuten Nachspielzeit endlich der Abpfiff ertönte, waren die Profis von Hertha BSC zuerst zu schwach für einen ausgelassenen Jubel. Während die Fans in der Ostkurve tanzten und sangen, lagen sich Spieler, Trainer, Manager und Betreuer erschöpft in den Armen. Zu anstrengend, zu nervig gestaltete sich das Spiel gegen den Abstiegskandidaten SV Sandhausen, das endgültig den langersehnten Aufstieg bringen sollte.

Lange Zeit war dem haushohen Favoriten nicht viel eingefallen gegen die mit neun Mann verteidigenden Spieler aus dem kleinen Sandhausen in der Nähe von Heidelberg. Erst nach 85 Minuten erlöste der zuvor eingewechselte Pierre-Michel Lasogga die über 52.000 Zuschauer im Olympiastadion. Nach einem Pfostentreffer durch Adrián Ramos versenkte der bullige Angreifer den Ball zum 1:0 im Tor des unbequemen Gegners. Erst lange nach dem Ende der zähen Partie entlud sich die ungeheure Anspannung. Die Mannschaft zog sich Aufstiegs-Shirts über, drehte eine Ehrenrunde und feierte danach lange in der Ostkurve. Bald folgte die obligatorische Bierdusche aus großen Gläsern, niemand – auch nicht der umjubelte Trainer Jos Luhukay – blieb verschont.

Der sonst so zurückhaltende Holländer stimmte später sogar den Song „Nie mehr Zweite Liga“ an. Von den Videotafeln grüßten und gratulierten ehemalige Hertha-Profis: Thorben Marx, Jaroslav Drobny, Nikita Rukavytsya und der Brasilianer Raffael. Luhukay sagte später: „Das war ein unglaublich schweres Spiel für uns. Gott sei Dank hat uns Pierre-Michel Lasogga erlöst. Es war für ihn sicher ein Traum, für den er in den letzten Wochen sehr hart gearbeitet hat und für den er auch Geduld aufbringen musste.“

Nur wenige Minuten vor dem Anpfiff tauchte der Schweizer Fabian Lustenberger auf der großen Videotafel auf und rief : „Geile Stadt, geiles Stadion, geiler Verein! Deshalb habe ich meinen Vertrag bei Hertha bis 2017 verlängert!“ Der Jubel war groß. Offenbar wird es bei Hertha gerade Mode, Vertragsverlängerungen zuerst den Fans im Stadion zu verkünden. Schon vor dem Anpfiff des Spitzenspiels gegen Braunschweig vor vierzehn Tagen war das Verbleiben von Ronny bis 2017 im Stadion publik gemacht worden.

Angst vor dem Matchball

Lustenberger wurde von Luhukay dieses Mal überraschend ins Mittelfeld geschoben, weil Kapitän Peter Niemeyer das Aufstiegsspiel wegen seiner gegen Braunschweig erlittenen Gehirnerschütterung nur von der Tribüne aus erleben konnte. Für Lustenberger rückte Maik Franz neben John Anthony Brooks in die Innenverteidigung. Doch Hertha tat sich sehr schwer, irgendwie spielte die Angst vor dem Matchball mit. So erarbeitete sich das Team in den ersten 20 Minuten nur eine Torchance durch Ramos.

Luhukay reagierte schnell und opferte den langen Abwehrmann Brooks. Für ihn kam bereits nach 25 Minuten Angreifer Sandro Wagner. Unmittelbar nach der Pause verstärkte Luhukay noch einmal seine Offensive. Für Linksverteidiger Lewan Kobiaschwili kam Stürmer Änis Ben-Hatira auf den Rasen. Doch die ganz großen Chancen blieben aus, die Fans wurden immer unruhiger, die Zeit lief davon. Als nach 72 Minuten Lasogga kam und Wagner wieder weichen musste, keimte neue Hoffnung, weil der Angreifer offensichtlich voller Tatendrang war. Seine späte Einwechslung zahlte sich dann aus. Lasoggas Treffer ließ den lange Zeit gehemmten Auftritt der Berliner vergessen. Torhüter Thomas Kraft sagte abgekämpft: „Die erste Halbzeit war eine große Enttäuschung. Wir haben nun aber die erste Etappe geschafft. Nun wollen wir noch die Meisterschaft.“

Die Mannschaft kann beeindruckende Daten vorweisen: Nach 30 Spieltagen hat sie die meisten Treffer in der Liga erzielt (56), die wenigsten Gegentore kassiert (22), ist als einziges Team zu Hause ungeschlagen (11 Siege, 4 Remis) und stellt mit dem Brasilianer Ronny den vielseitigsten Profi (16 Tore, 13 Vorlagen). Manager Michael Preetz, der nach zwei bitteren Abstiegen nun den zweiten Aufstieg in seiner Amtszeit seit 2009 erlebte, sagte erleichtert: „Alle Herthaner hatten sich diesen Tag herbeigewünscht. Schlüssel für unseren Erfolg war die Verpflichtung von Jos Luhukay. Das ist ein großartiger Trainer. Dazu hatten wir einen ausgewogenen, sehr breiten Kader, der in der Spitze mit hoher Qualität ausgestattet ist.“ Für die Zukunft äußerte der Manager einen großen Wunsch: „Wir müssen raus aus dem Fahrstuhl. Da kommt das Schild ran: Außer Betrieb!“

Eine große Feier sollte gestern Abend nicht mehr steigen. Die offiziellen Festlichkeiten bereitet der Klub für das letzte Heimspiel zum Saisonschluss am 19. Mai gegen Energie Cottbus vor. Mannschaft und Trainerstab wollten sich am Sonntagabend lediglich zu einem gemeinsamen Essen treffen. „Wir gehen alle zusammen in ein kleines Restaurant“, sagte Luhukay, „aber ich werde nicht die Polonaise anführen. Der Abend gehört der Mannschaft.“