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Christoph Metzelder-Interview: Ein neuer Lebensabschnitt

Christoph Metzelder, Ersatzspieler, entspannt.
Christoph Metzelder, Ersatzspieler, entspannt.
Foto: Bongarts/Getty Images

Christoph Metzelder erklärt, wie er sein Dasein auf der Schalker Ersatzbank erträgt und was ihn an der jungen Generation manchmal stört    

Herr Metzelder, Sie haben in dieser Saison erst eine Pflichtspiel-Halbzeit absolvieren können, Ende Oktober beim DFB-Pokal in Sandhausen mussten Sie mit einem Muskelfaserriss zur Pause raus. Wie schwer fällt es Ihnen mit 32, den Körper noch auf Hochleistungssport zu trimmen?

Die Phasen, in denen ich mich körperlich absolut gut fühle, werden tatsächlich weniger. Das heißt, ich muss noch härter arbeiten, um den Fitnessstand zu erreichen, den ich benötige. Was Vorbereitung und Nachbereitung von Trainingseinheiten geht, würde ich daher sagen, dass ich einer der professionellsten Spieler in unserer Mannschaft bin.

Als Felix Magath Sie 2010 von Real Madrid verpflichtete, sagte er: „Da kommt ein ehemaliger und ein zukünftiger Nationalspieler.“ Hatten Sie das auch geglaubt?

Es war seinerzeit die Phase, als die deutschen U21-Europameister mit großer Vehemenz  und in großer Zahl durchgestartet sind und viele es bis in die A-Nationalmannschaft schafften. Dadurch war auch für mich relativ schnell klar, dass ein Generationswechsel stattfindet.   

Generationswechsel bei Schalke

Haben Sie grundsätzlich von sich selbst mehr erwartet in Ihrer Zeit bei Schalke 04?

Im ersten Jahr mit 32 Bundesligaeinsätzen, dem Erreichen des DFB-Pokalfinals und des Halbfinals in der Champions League sicher nicht. Die beiden Spieljahre danach konnten damit dann nicht mehr Schritt halten. Da begann, wie in vielen anderen Bundesligavereinen, auch bei Schalke 04 ein Generationswechsel, der aufgrund der Leistungen und der Qualität der jungen Spieler durchaus auch nachvollziehbar war. Das ist ja auch eine strategische Frage für einen Klub.

Sie stellen Ihre Interessen auffällig hinten an!

Die Zeit hier bei Schalke ist ja noch nicht zu Ende, und ich werde weiter ehrgeizig bleiben und versuchen zu spielen. Aber selbstkritisch muss ich vielleicht einräumen, dass mir möglicherweise in der ein oder anderen Situation ein bisschen der Mut gefehlt hat. Ich habe stets versucht, sehr, sehr sicher zu spielen, kämpferisch alles zu geben und der Mannschaft zu helfen. Ich finde, ich hätte manchmal einfach mehr wagen sollen.

Ist Ihre Position im Mannschaftsverbund dennoch bedeutend?

Ich denke schon, dass ich innerhalb der Mannschaft großen Respekt genieße und außerhalb des Platzes eine wichtige Rolle einnehme.  In den Vereinen, in denen ich gespielt habe, war ich immer auch eine Art Vermittler zwischen den Generationen und auch zwischen den Spielern aus dem Ausland und den Deutschen. Außerdem stand ich meinen Trainern gerade in schwierigen Situationen immer auch als Ansprechpartner zur Verfügung. Und Huub Stevens konnte sich auf mich in der vergangenen Saison verlassen, wenn mal ein Spieler verletzt war und es richtig zur Sache ging.

Es ist interessant, dass Sie sich weder bei Real Madrid noch jetzt bei Schalke 04 jemals hörbar beschwert haben über eine Rolle, die Ihnen persönlich nicht gefallen konnte. Haben Sie gelernt, den persönlichen Frust zu unterdrücken?

Ich habe mich bei allem persönlichen Ehrgeiz immer auch als Teamspieler gesehen. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es einem Profi nichts bringt, wenn er einfach nur seinen Frust rauslässt. Ein solches Verhalten kommt meist wie ein Bumerang zurück. Außerdem bin ich inzwischen auch in einem Alter, in dem das Ende absehbar ist. Ich habe viele Erfolge feiern können, wofür ich sehr dankbar bin. Der Egoismus steht hinten an, die Mannschaft und der Verein dafür im Vordergrund. Ich messe mich nicht mehr an meiner Durchschnittsnote im Kicker und muss nicht mehr um einen Vertrag kämpfen, der noch besser dotiert ist als der vorherige.

Das heißt, ein Abend auf der Ersatzbank mit einem Sieg in der Champions League endet auch für Sie mit einem guten Gefühl?

Natürlich,  wir haben am Mittwoch gegen Piräus das Achtelfinale erreicht, und ich weiß, dass man im Fußball ganz schnell wieder gebraucht werden kann und dann da sein muss. Ich glaube, dass ich diese Fähigkeit auch in Madrid gezeigt habe. Dort habe ich zwar nicht viel gespielt, aber in den großen Spielen war ich dabei. Die Spanier haben sich immer gewundert, wieso ein Spieler, der zuvor lange nicht zum Einsatz gekommen war und dann kurzfristig ran musste, dennoch gute Leistungen zeigen konnte. Das liegt an meiner Einstellung, damit, dass ich den Fußball als Mannschaftssportart begreife. Das hat auch etwas mit Demut zu tun.

"Das hält einen jung"

Könnte es Sie auch reizen, noch eine Saison irgendwo als Stammkraft zu spielen?

Die Option lasse ich mir auf jeden Fall offen. Denn obwohl ich bei Schalke keine so große Rolle mehr spiele, macht es mir dennoch sehr viel Spaß. Dabei stamme  ich - gemeinsam mit Timo (Torwart Hildebrandt, die Red.) - aus einer ganz andere Generation als unsere Mitspieler. Ich merke: Das hält einen jung.

Was hat sich denn verändert in den zwölf Jahren, seit Sie Ihre Profikarriere bei Borussia Dortmund begonnen haben?

Die Strukturen innerhalb einer Mannschaft haben sich enorm verändert. Die jungen Spieler sind durch die Leistungszentren unglaublich gut ausgebildet und auch mit einem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis ausgestattet, dass es für sie normal ist, in jungen Jahren schon auf sehr hohem Niveau mitzuspielen. Das ist schon enorm. Sie verstehen auch relativ früh schon, wie das Geschäft Fußball funktioniert, wie sie mit den Medien umzugehen haben und wie sie sich vermarkten können. Das ist einerseits ein Vorteil, andererseits kippt es auch manchmal.

In zu viel Selbstüberzeugung?

Es ist jedenfalls eine Generation, die sich nicht immer etwas sagen lässt. Da waren wir zu meiner Zeit deutlich demütiger.

Geben Sie Ihren jungen Mitspielern mitunter Ratschläge?

Ich glaube, die wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können. Aber es sind wenige, die das tun.

Sie persönlich haben Ihre Verträge immer erfüllt, was tatsächlich bemerkenswert ist. Wird das auf Schalke auch so bleiben oder könnte es ein Anreiz sein, in der Winterpause zu einem Klub  zu wechseln, in dem Sie regelmäßig Fußball spielen?

Ich habe eigentlich vor, meiner Linie treu zu bleiben und meinen Vertrag zu erfüllen.

Was ist das Besondere an dieser Schalker Mannschaft?

Es steckt sehr viel Qualität in ihr und auch sehr viel Potenzial für die Zukunft. Das ist wichtig. Ich sehe uns durchaus auf dem Weg, dass wir neben den Bayern und Dortmund nun drei Mannschaften in Deutschland haben, die sich regelmäßig für die Champions League qualifizieren können. Das wäre für Schalke 04 ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung, sich finanziell zu konsolidieren und Schlüsselspieler halten zu können. Es sind gute Argumente in Vertragsgesprächen mit Lewis Holtby oder Klaas Jan Huntelaar.  

Was muss das Team noch lernen?

Ich vermisse ein bisschen die Mentalität in denjenigen Spielen, in denen man ganz oben heranrücken kann, noch mehr an den Mannschaftserfolg zu denken und vielleicht auch mal intern das Ziel auszugeben, was es bedeutet, ganz oben zu stehen.

Ein mutiges internes Ziel ist also noch nicht ausgegeben worden?

Nein, das wurde noch nicht formuliert. Ich finde aber, in einem Kader mit 25, 26 Spielern, in dem es auch viele gibt, die nicht dabei und entsprechend enttäuscht sind, ist ein gemeinsame Zielvorgabe etwas, das einen Kader auch zusammenhält. Wir müssen es uns noch gemeinsam erarbeiten, solche Ziele auch zu definieren.

Respekt vor der Leistung der Eintracht

Eintracht Frankfurt hat ganz andere Ziele und ist dennoch weit oben. Welchen Eindruck haben Sie von der Mannschaft?

Das ist eine erstaunliche Entwicklung, die niemand vorhersehen konnte. Die Frankfurter selber wahrscheinlich auch nicht. Sie haben hervorragende junge Spieler mit Perspektive dazu geholt. Dass es auf Anhieb als Aufsteiger so gut funktioniert, ist eine große Überraschung. Wir haben schon mehr als ein Drittel der Saison gespielt, da kann man sicher nicht mehr von einer Eintagsfliege sprechen.

Herr Metzelder, Sie haben gerade erst ein aufwändiges Fotobuch zugunsten Ihrer Stiftung für benachteiligte Kinder herausgegeben. Das Buch heißt „Aller Anfang“ und porträtiert den Beginn der Karriere von Prominenten. Beginnt Ihre persönliche Karriere jetzt bald auch neu?

Es beginnt auf jeden Fall ein neuer Lebensabschnitt. Ich hoffe auf eine weitere berufliche Karriere, die ähnlich positiv verläuft  wie meine sportliche. Wenn man den Ehrgeiz als Sportler mitnimmt auf den weiteren Berufsweg, dann glaube ich, dass man dort ähnlich erfolgreich sein kann.

Haben Sie Ihr BWL-Studium an der Fernuni Hagen, das Sie zu Beginn Ihrer Profikarriere begonnen haben,  inzwischen beendet?           

Nein, es begann dann bald die Phase Nationalmannschaft und Champions League, da ist es mir zu viel geworden. Aber ich spiele mit dem Gedanken, das Studium noch einmal aufzugreifen.

Wird der Fußball weiter Ihr Leben bestimmen?

Mit Sicherheit. Ich habe den Profifußball schon in recht vielen Facetten kennengelernt und schon viel gelernt. Das will ich nutzen und manches weitergeben.

In welche Richtung denken Sie da?

Perspektivisch hat mich immer interessiert, wie ein Verein funktioniert und wie sich nachhaltiger Erfolg erreichen lässt. Deshalb ist das Thema Management das, was mich am meisten reizen würde.

Mit Ihrer Stiftung engagieren Sie sich intensiv für benachteiligte Kinder in Deutschland. Sehen Sie grundlegende Probleme in der Bildungspolitik?

Das Grundübel ist die föderalistische Struktur. Jedes Bundesland macht seine eigene Bildungspolitik, viele Dinge werden mit Regierungswechsel geändert, mitunter wird auch alles wieder zurückgedreht, Stichwort G 8, G 9. Das sehe ich als ein ernsthaftes Problem.

Was noch?

Dass, wenn gespart werden muss, oft als erstes bei der Bildung und im sozialen Bereich gespart wird. Dabei hängt von der Bildung Wohl und Wehe unseres Landes ab. Die Köpfe der kommenden Generation sind entscheidend für den Standort Deutschland, um zukunftsfähig zu bleiben.  Deshalb habe ich mich in diesen Bereichen schon relativ früh als jemand gesehen, der da versucht zu helfen. Speziell dort, wo Kinder aufgrund ihrer Herkunft sozial benachteiligt sind.  

Das Gespräch führte Jan Christian Müller

 

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