Das Sportjahr 2012

Mats Hummels geht nach dem EM-Aus im Halbfinale gegen Italien in die Knie. Foto: Jens Wolf
Mats Hummels geht nach dem EM-Aus im Halbfinale gegen Italien in die Knie. Foto: Jens Wolf

Berlin. Die Fachwelt ist voll des Lobes für Deutschlands Spaßfußballer, doch bei der Trophäenvergabe gehen Mesut Özil und Co. 2012 wieder leer aus. Die Mission Titelgewinn bei der EM in Polen und der Ukraine endet bereits im Halbfinale - mit einem krachenden 1:2 gegen Angstgegner Italien.

Wochen später gibt es für deutsche Sportler in London doch noch goldene Glücksmomente. Insgesamt elf Mal stehen sie bei den Olympischen Spielen ganz oben auf dem Treppchen. Die Athleten bringen 44 Plaketten mit nach Hause und damit drei mehr als vier Jahre zuvor aus Peking. Als die «MS Deutschland» mit dem Gros der Olympia-Starter im Hamburger Hafen anlegt, ist die Stimmung blendend.

Auf eine Willkommensparty müssen Joachim Löws verhinderte Titeljäger weiter warten. Wie bei der Heim-WM 2006 erweisen sich die Italiener in der Vorschlussrunde als Stolperstein. Der dunkelhäutige Kraftprotz Mario Balotelli versetzt den Deutschen mit zwei Toren in Warschau den K.o. Nach der Heimkehr muss sich Löw erstmals in seiner Amtszeit heftiger öffentlicher Kritik erwehren. Dem Coach werden personelle Fehlentscheidungen und im entscheidenden Spiel die falsche Strategie angekreidet.

Nach einer problemlosen EM-Vorrunde mit Siegen gegen Portugal (1:0), die Niederlande (2:1) und Dänemark (2:1) sowie dem 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland scheint Löw schon auf den Spuren von Franz Beckenbauer zu wandeln und eigentlich nichts falsch machen zu können. Doch mit der Maßnahme, das Team vor dem Halbfinale wieder auf drei Positionen zu verändern, verzockt sich der Bundestrainer und bleibt auch beim dritten Turnier titellos. «Der Weg dieser Mannschaft ist noch lange nicht zu Ende», verkündet der im März zum Nachfolger von Theo Zwanziger gewählte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach trotzig.

Die Freude der italienischen Tifosi über einen Halbfinal-Sieg von beispielloser Effizienz ist indes nur von kurzer Dauer. Im EM-Endspiel sind die Azzurri wenige Tage später nur Spielball für eine überragend auftrumpfende spanische Mannschaft mit den Ballzauberern Andres Iniesta und Xavi. Mit dem 4:0 im Finale in Kiew machen die Spanier ihr Titel-Triple perfekt und gewinnen als erste überhaupt die dritte internationale Trophäe nacheinander.

Was die Iberer auf dem Fußball-Rasen sind, ist Usain Bolt auf der Laufbahn: Einfach nicht zu schlagen. Der jamaikanische Supersprinter wiederholt bei Olympia seinen Gold-Hattrick von Peking über 100 Meter, 200 Meter und mit der 4 x 100 Meter-Staffel. Mit dem Sprintquartett seines Landes läuft Blitz-Bolt in 36,84 Sekunden Weltrekord. Übertroffen wird er in London nur von einem: Michael Phelps. Der Schwimmstar aus den USA feiert weitere vier Olympiasiege und setzt mit 18 Gold- sowie je zwei Silber- und Bronzemedaillen wohl eine Marke für die Ewigkeit.

Auch deutsche Athleten trumpfen in der britischen Hauptstadt groß auf. Als «goldener Reiter» wird Michael Jung gefeiert, der im Einzel- und Mannschaftswettbewerb der Vielseitigkeitsreiter Olympiasieger wird. Der Deutschland-Achter holt auf dem Dorney Lake erstmals seit 24 Jahren wieder olympisches Gold. Während Kanuten und Hockey-Herren fast erwartungsgemäß Gold abholen, landen die Beachvolleyballer Julius Brink und Jonas Reckermann einen echten Überraschungssieg. Der goldene Wurf mit dem Diskus gelingt Robert Harting, der das Kunststück vollbringt, innerhalb von zwölf Monaten Weltmeister, Europameister und Olympiasieger zu werden. Harting enttäuscht seine Fans nicht und zerreißt wie üblich vor Freude sein Trikot.

Die Londoner Kampfrichter in der Luft zerreißen möchten am liebsten zwei deutsche Leichtathletinnen, die um ihre verdienten Medaillen bangen müssen. Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf wird zunächst disqualifiziert, weil sie im abschließenden 800 Meter-Lauf die Bahn verlassen haben soll. Erst nach Protest und anschließender Videoanalyse darf sie sich über Silber freuen. Noch kurioser liegt der Fall bei Hammerwerferin Betty Heidler, bei deren fünftem Versuch die Messung versagt. Die Weite taucht wegen eines Computerfehlers nicht in der Ergebnisliste auf. Erst eine Nachmessung per Hand beseitigt die Zweifel: Die Frankfurterin erhält Bronze.

Für Schlagzeilen ganz anderer Art sorgt in London Ruderin Nadja Drygalla. Die Sportlerin verlässt das olympische Dorf, nachdem ihre Beziehung zu einem früheren Landtagskandidaten der NPD bekannt wird. Drygalla distanziert sich von jeglicher rechtsextremer Ideologie. Der Ruderverband stellt sich später hinter seine Sportlerin.

Für Sebastian Vettel lautet das Motto: Aller guten Dinge sind drei. Mit Platz sechs beim Saisonfinale in Sao Paulo wird der Red Bull-Pilot aus Heppenheim im Alter von 25 Jahren zum dritten Mal nacheinander Formel-1-Weltmeister. Er hält den Spanier Fernando Alonso in der Fahrerwertung um nur drei Punkte auf Distanz und wird als jüngster Dreifach-Champion in der Geschichte der Motorsport-Königsklasse feiern.

Die Karriere des erfolgreichsten Formel-1-Piloten endet still und leise. Nach wochenlangen Spekulationen gibt der Rennstall Mercedes bekannt, dass der Vertrag mit dem siebenfachen Weltmeister Michael Schumacher am Saisonende nicht verlängert wird. Der Brite Lewis Hamilton erhält das Cockpit des Kerpeners, dem seit seinem Comeback 2010 kein Rennsieg mehr gelang. Kurz darauf verkündet Schumacher das Ende seiner Motorsport-Karriere zum Saisonschluss. Sein letztes Rennen in Brasilien beendet er als respektabler Siebter.

Eine andere Sport-Legende steht vor den Trümmern seiner Karriere. Wegen systematischen Dopings erkennt der Radweltverband UCI Lance Armstrong alle sieben Siege bei der Tour de France ab. Zudem wird der Amerikaner auf Lebenszeit gesperrt. «Lance Armstrong hat keinen Platz mehr im Radsport», verkündet UCI-Präsident Pat McQuaid. Die Tour-Titel werden nicht neu vergeben. Jan Ullrich, der dreimal als Zweiter hinter Armstrong in Paris angekommen war, hatte schon vorher betont, sich nicht mit fremden Federn schmücken zu wollen.

Der Wahl-Schweizer ist freilich selbst ein Sünder. Der Internationale Sportgerichtshof spricht ihn im Februar wegen Dopings schuldig. Ullrichs Verbindung zum spanischen Arzt Eufemiano Fuentes ist nach Ansicht der CAS-Richter erwiesen. Die sportlichen Schlagzeilen des Jahres schreibt Bradley Wiggins, der als erster Brite die Frankreich-Rundfahrt gewinnt. Zweifel bleiben.

Wahre Magdalena-Neuner-Festspiele erleben Zehntausende von Fans bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Ruhpolding. Die Bayerin beendet mit dem Gewinn des zwölften WM-Titels ihre einzigartige Karriere. Eine Woche später krönt sie ihr Finale mit dem dritten Sieg im Gesamtweltcup und zieht sich anschließend ins Privatleben zurück. Im nationalen Fußball bleibt Borussia Dortmund das Maß aller Dinge. Die Westfalen gewinnen in der Bundesliga beide Duelle gegen die Münchner Bayern, lassen den Erzrivalen in der Tabelle um acht Punkte hinter sich und holen ihre insgesamt achte Meisterschaft. Mit dem 5:2 im Pokal-Finale fügt Jürgen Klopps Rasselbande den Bayern die dritte Schmach in einer Saison zu und feiert ausgelassen das Double.

Damit aber nicht genug der Niederlagen für die Bayern: Gegen einen fast nur aufs Zerstören bedachten FC Chelsea geht auch noch das Finale «dahoam» in der Champions League verloren. Bastian Schweinsteiger trifft im Elfmeterschießen den Pfosten, auf der Gegenseite versenkt Didier Drogba den Ball zum 4:3 für die Londoner. Aus dem Traum ist ein Trauma für Hoeneß, Heynckes und Co. geworden.

Ein solches erlebt auch die Nationalmannschaft im letzten EM-Qualifikationsspiel des Jahres. Erstmals in der 104-jährigen Länderspielgeschichte wird gegen Schweden ein 4:0-Vorsprung aus der Hand gegeben. Das 4:4 in Berlin hinterlässt fassungslose Beobachter.

Für Negativschlagzeilen im Fußball sorgen erneut Krawallmacher in den Arenen. Millionen Fernsehzuschauer glauben am 15. Mai ihren Augen nicht zu trauen, als Sekunden vor Ende des Relegationsspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC Tausende den Platz stürmen. Schiedsrichter Wolfgang Stark unterbricht die Partie für rund 20 Minuten. Dann erst werden die fehlenden Sekunden nachgespielt.

Nach einem längeren juristischen Tauziehen um die Wertung der 2:2 ausgegangenen Partie steht fest: Fortuna steigt auf, Hertha muss runter. Der DFB bestraft beide Clubs mit dem Teilausschluss von Fans für die neue Saison und brummt Berlins Profi Levan Kobiaschwili eine Rekordsperre auf. Weil er den Unparteiischen im Kabinengang tätlich angegriffen hat, muss der Georgier bis zum Jahresende zuschauen.

Als eine Revolution wird die Entscheidung des FIFA-Regelkomitees gefeiert, technische Hilfsmittel im Fußball zuzulassen. Nach dem Willen der Regelhüter sollen künftig sowohl die Torkamera als auch der Chip im Ball zum Einsatz kommen, wenn es um die strittige Frage geht, Tor oder nicht Tor? Im November rudert die DFL zurück. Die neue Technologie wird nicht wie geplant schon 2013 eingeführt. Man will zunächst die Tests bei der Club-WM im Dezember in Japan und beim Confed-Cup in Brasilien abwarten.

Was zunächst wie eine verrückte Idee von UEFA-Präsident Michel Platini klingt, wird Wirklichkeit: die Fußball-EM 2020 als gesamteuropäisches Erlebnis. Erstmals soll ein EM-Turnier in mehr als zwei Ländern stattfinden. Das Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (UEFA) segnet Platinis Vorschlag im Dezember ab. Auch Deutschland darf auf EM-Spiele und ein neues Sommermärchen hoffen. (dpa)