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Deutscher Medaillenspiegel in Sotschi: Kolossale Fehleinschätzung

Der Deutsche Olympische Sportbund hätte sich mehr davon gewünscht: hier die Goldmedaille der Olympiasiegerin im Skispringen, Carina Vogt.

Der Deutsche Olympische Sportbund hätte sich mehr davon gewünscht: hier die Goldmedaille der Olympiasiegerin im Skispringen, Carina Vogt.

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dpa

Gleich die erste große Bilanz, die Alfons Hörmann in seiner neuen Funktion als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zog, war eine Moderation, in der es nicht ums Erreichen, sondern ums Verpassen ging. Der Allgäuer Wintersportfreund aus Oberstdorf saß im schmucklosen Konferenzsaal in Sotschis gigantischem Medienzentrum und sah so aus, als hätte er eben die letzte Gondel nach oben versäumt.

Im Olympia-Fahrplan des DOSB waren für die deutschen Sportler 27 bis 42 Medaillen vorgemerkt. Und nicht nur Hörmann, sondern auch Michael Vesper, DOSB-Generaldirektor und Chef de Mission, hatte noch zwei Tage vor Beginn des Spektakels in Sotschi die Zahl 30 anvisiert, so viele Medaillen wurden 2010 bei den Spielen in Vancouver gewonnen. Nur klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit nun eine Bergschlucht: Von der Zahl 19 bis zur Zahl 30 ist es ein großer Schritt. „Wir haben unser Ziel nicht erreicht“, sagte Vesper. Und nachdem die 153 Athleten der deutschen Olympiamannschaft in den ersten elf Tagen zeitweise die Nationenwertung angeführt hatten, kam die abrupte Landung als sechstbeste Nation, die dem teilweise arg ARD- und ZDF-gepamperten Selbstverständnis als Wintersportwohlfühloase widerspricht. „Ich komme mir vor wie nach einem Fußballspiel, wo man mit 4:0 führt und mit einem 4:4 nach Hause geht“, sagte Vesper.

Verwalter des Niedergangs

Hörmann weiß, das konnte man am Wochenende heraushören, dass nach seiner kolossalen Fehleinschätzung nun ein Kampf um die Verteilung der öffentlichen Fördergelder für den Spitzensport von 130 Millionen Euro einsetzen wird. Die Diskussion um Strukturreformen kam schon 2012 nach den Sommerspielen in Gang – nur reformiert wurde bisher so gut wie nichts.

Und während Dagmar Freitag, die Sportausschussvorsitzende im Deutschen Bundestag nun grundsätzlich fordert, dass sich der DOSB neu aufstellen muss, bat Hörmann am Sonnabend in Sotschi erst mal devot um interne Rücksicht: „Ich möchte darum bitten, besonders unsere eigenen Organisationen, dass wir nun intern nicht zu kritisch auf diejenigen blicken, die lange Jahre die Erfolge eingefahren haben.“

Bis vor Kurzem war Hörmann selbst noch der Chef des deutschen Skiverbandes. Da ist es kein Wunder, dass er nun versucht, den Sportarten, deren Niedergang er zuletzt verwaltet hat, eine Art Absolution zu erteilen. Sowohl im Langlauf als auch im Biathlon sieht die Erfolgsbilanz trotz Platz zwei am Sonnabend in der Männerstaffel und dem Silberlauf von Erik Lesser im 20-Kilometer-Rennen deutlich schlechter als in Vancouver aus. Die Ski-Freestyler haben keinen Schritt nach vorne gemacht. Und selbst wenn die Snowboarder am Wochenende im Slalom in letzter Minute noch Silber und Bronze gewannen, haben ihre Kollegen in Deutschland nicht mal eine eigene Halfpipe, um dort zu trainieren.

Noch dramatischer rückwärts ist die Entwicklung allerdings im Bobsport und Eisschnelllauf gegangen, wo die Deutschen medaillenlos blieben. Zuletzt waren deutsche Bobpiloten und Eisschnellläufer jeweils vor 50 Jahren ohne Medaille von Olympischen Spielen heimgereist. Der Verband stellt sich schon mal auf eine Kürzung der finanziellen Förderung ein. Auch im Skeleton, das stellte DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank am Sonnabend fest, „haben wir den Anschluss zur Weltspitze verloren“. Und im Shorttrack, wo überhaupt nur zwei Athleten die Olympiaqualifikation schafften, werde über Trainingsmethodik und Personal zu reden sein.

Das Gießkannenprinzip bleibt

Was nun kommt, ist die Frage nach einem Konzept für die Verteilung der Gelder. Wo wird gestrichen? Wer bekommt mehr? Wird in Verbände investiert, die aufholen müssen? Oder belohnt man Sportarten wie Rodeln, die von vier möglichen Goldmedaillen in Sotschi vier gewannen?

Hörmann sagte, der DOSB halte – anders als beispielsweise Holland – an der Breite der Sportarten fest. „Wenn Sie mich fragen, ob ich zwanzig Medaillen in einer Disziplin gegen fünf oder sechs in verschiedenen Disziplinen tauschen würde, dann würde ich mich Tag und Nacht für die zweite Variante entscheiden.“ Das bedeutet: das Gießkannenprinzip wird bestehen bleiben. Auch wenn der Alpindirektor des Deutschen Skiverbandes Wolfgang Maier bereits in Sotschi klar zum Ausdruck gebracht hat, dass etwa die Freestyle-Förderung im Vergleich zu anderen Ländern lächerlich sei.

Hörmann kündigte an, in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe das Thema Sportförderung mit Innenminister Thomas de Maizière diskutieren zu wollen. Das Produkt Olympia, das hätten die Fernsehquoten gezeigt, habe in Deutschland die Menschen bewegt und begeistert. „Spitzensportförderung ist auch ein Stück Patriotismus“, meint Hörmann. „Und jetzt stellt sich die Frage: Wie viel Patriotismus sollen wir umsetzen?“ Aber eben auch: Wohin wird der Patriotismus wie verteilt.