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DFB Nationalmannschaft: Jogi Löw unterm Brennglas

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Amsterdam –  

Vor einem Jahr nahm das DFB-Team die Niederlande auseinander. Seitdem ist viel passiert: Die Duell am Mittwoch hat für Bundestrainer Löw nach der jüngsten Entwicklung mehr als nur Testcharakter.

Es wird am morgigen Mittwoch in der Arena von Amsterdam auf minus einen Tag genau ein Jahr her sein, seit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Republik mit einem brillant herauskombinierten 3:0-Sieg in Hamburg gegen die Niederlande in Verzückung versetzte. Thomas Müller, Miroslav Klose und Mesut Özil schossen Tore, die aussahen, als wären sie am Reißbrett entworfen worden. Die Presse jubelte angesichts „Löws Masterplan“ (Frankfurter Rundschau) enthemmt: „Deutschland spielt Holland an die Wand“ (Tagesspiegel), „Ein Uhrwerk gegen Orange“ (FAZ), „Fußball total“ (Süddeutsche Zeitung). Man schrieb vom „Offensivspektakel“ (Zeit Online) und hatte den „gefühlten Europameister“ (Spiegel online) spielen sehen.

Der Rückenwind hat sich gedreht

Die Erwartungen auf der nach oben offenen Richterskala kannten keine Grenzen, und der notorische Bessermacher des deutschen Fußballs, Joachim Löw, schwärmte in wissenschaftlicher Präzision über „Ballkontaktzeiten von 0,9 bis 1,1 Sekunden“. Zu Beginn seiner Arbeitszeit waren es noch 2,3 Sekunden gewesen. Der „Bundesvorwärtstrainer“ (FR) hatte Deutschland um mehr als hundert Prozent schneller gemacht, aber ein wenig zu viel, und bei Joachim Löw könnte im ungebremsten Höhenflug auch das Gefühl für Bodenhaftung abhandengekommen sein.
Ein Jahr danach hat sich der einstige Rückenwind binnen dreimal 90 Minuten plus Nachspielzeit scharf gedreht.

Das Aus bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine nach schweren taktischen und personellen Fehlern gegen Italien, die Vorführung durch die Gastgeber beim schmeichelhaften 2:1-Sieg in Österreich und schließlich das 4:4 nach 4:0-Führung vor knapp einem Monat in Berlin gegen Schweden haben dafür gesorgt, dass die Zukunftsperspektiven der zuvorderst auf Offensive und Ästhetik ausgelegte Fußball-Philosophie des Erneuerers Löw grundsätzlich in Frage gestellt werden.

„Der Künstler Löw hat sein Kunstwerk verloren“, schreibt Zeit Online, die taz erkennt einen „Erneuerer auf Abruf“, der angesichts seines „kränkelnden Krisenmanagements“ (FAZ) laut SZ von einer „wachsenden Opposition beäugt“ werde, die „großkalibrig“ (taz) auf ihn schieße. Schon fragte sich der Kölner Express bang: „Zerbricht Löw an diesem Team?“ Und Bild meinte es durchaus ernst mit der Frage: „Hat Löw genug Kraft für die WM?“.

Kredit ist geringer geworden

Der Bundestrainer musste reagieren, er konnte nicht, wie nach der EM, als auch die Reporter erst mal Urlaub machten und deshalb bald Ruhe gaben, in sein Rückzugsgebiet Freiburg abtauchen und den Donnerhall der Medien wochenlang stumm wie ein Einsiedler verfolgen. Im ZDF-Sportstudio wurde er nach der „deutschen Lachnummer“ (FAZ) gegen Schweden von Staatsanwältin Katrin Müller-Hohenstein öffentlich verhört (und schlug sich tapfer), dem Zentralorgan Bild stand er Rede und Antwort und räumte ein: „Ja, es ist meine härteste Zeit“, was nicht ganz passte zur trotzigen Behauptung, er mache sich „frei von den Schlagzeilen.“ Jedenfalls seien „Kraft und Motivation unverändert groß“.

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Deutlich geringer ist jedoch der Kredit geworden, auf dem als Basis jeder Trainer der Welt seinen Job ausübt. Auch Joachim Löw, der vom DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach nicht nur zur Befriedung des ausgebrochenen Kriegsgeheuls von Gurus wie Oliver Kahn, Jürgen Kohler und Uli Hoeneß, sondern aus tiefer Überzeugung gestützt wird. Löw ist ein feinfühliger Mensch und hat das erleichtert zur Kenntnis genommen.

Niersbachs Vorgänger Theo Zwanziger glaubt gar, Löw sehe „die Entwicklung um sich herum viel kritischer als andere“. Zwanziger hält angesichts einer möglichen Dynamik des Misserfolgs sogar „bis 2014 immer wieder Situationen denkbar, die es möglich machen könnten, dass Löw sich seine Gedanken macht“. Gedanken um den Rücktritt.

Das Spiel am Mittwoch gegen die Niederlande hat angesichts dieser besonderen Umstände viel mehr als bloß Testcharakter. Auch, was die Frage angeht: Wie stark ist Löw? Vermutlich gut gemeinte Vorschläge, seinen Führungsstil zu ändern und mehr Autorität und Härte im Umgang mit den Profis auszustrahlen, lehnt er aus tiefer Überzeugung mit entsprechend hartnäckiger Konsequenz ab.

Da will sich einer nicht verbiegen lassen, sondern seiner Persönlichkeit treu bleiben. Er „halte nichts vom Kasernenhofton“, sagt der 52-Jährige, er halte auch nichts von Spielern, die, wie medial vielfach gefordert, dazwischen hauen, so, wie es vormals Michael Ballack tat. Solche Spieler, sagt Löw, „haben wir nicht“, er sei „darüber auch nicht böse“, denn: „Solche Spielertypen können auch viel kaputt machen. Da ist der Schaden dann größer.“

Mag sein, dass der Bundestrainer dabei an die Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz denkt, als die Risse zwischen der Fraktion Ballack/Torsten Frings und der Gruppe um Philipp Lahm nach einem 1:2 gegen Kroatien erstmals sichtbar wurden.

Wieder geerdeter

Not-Aufgebot

Die Personalprobleme von Bundestrainer Joachim Löw beim Länderspiel-Klassiker gegen die Niederlande haben sich verschärft. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, bei der die verletzten Holger Badstuber (Bayern München) und Sami Khedira (Real Madrid) nicht im Kader stehen, muss in Amsterdam nach kurzfristigen Absagen von Marcel Schmelzer (Dortmund/Mittelfußprellung) und den Bayern-Profis Bastian Schweigsteiger (Infekt), Toni Kroos (Magen-Darm-Virus) und Jérôme Boateng (Muskelfaserriss) noch auf zwei weitere Leistungsträger verzichten.

Mesut Özil, am Sonntag beim 2:1 von Real Madrid bei UD Levante im Einsatz, sagte wegen muskulärer Probleme ab.

Miroslav Klose, der am Wochenende in Italien vor den Augen von Zuschauer Löw beim 3:2-Sieg von Lazio im Derby gegen den AS Rom getroffen hatte, fällt wegen einer Grippe aus.

Lewis Holtby profitiert von der Absagenflut. Der Bundestrainer nominierte den Schalker Mittelfeldspieler nach.

Vier Jahre danach sei ein 4:4 gegen Schweden einerseits „völlig überbewertet worden“, glaubt Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, andererseits sorge die „Wucht der Kritik“ nun automatisch auch dafür, dass „sowohl Spieler als auch der Bundestrainer und das Management wieder ein Stück geerdeter“ aufträten.

Die Wahrnehmung in der hochsensiblen Branche bringt Rummenigge so auf den Punkt: Löw und Oliver Bierhoff, deren Verhältnis schon mal von mehr Urvertrauen geprägt war, sind bis zum Sommer nicht nur als Bessermacher, sondern auch als Besserwisser wahrgenommen worden. Aus der Liga hatte aber niemand gewagt, in hörbarer Lautstärke Beschwerde zu führen, zu sehr war die Nationalmannschaft seit 2010 zum wertvollen Marketinginstrument neuer deutscher Fußballkunst geworden und hatte Fachleute auf der ganzen Welt in Erstaunen versetzt.

Mittlerweile können die Bundesligavereine wieder mehr Selbstvertrauen vor sich her tragen. Deutsche Teams gewinnen auf Europas Spielfeldern die meisten Spiele auch gegen Großkaliber wie aus Madrid und London. Die ganz eigene Ästhetik des zupackenden Jürgen-Klopp-Fußballs gilt inzwischen als stilbildend, Löw erkennt das an und will Deutschland mit mehr Dortmunder Elementen ausstatten: „seriöser und kompakter“ in „Struktur und Organisation“.

Spieler, die im DFB-Team etwas zu sagen haben, erwarten das auch so von ihrem direkten Vorgesetzten. Der verletzte Mittelfeldstratege Sami Khedira forderte schon vorm Schwedenspiel ein stabileres Miteinander ein, Torwart Manuel Neuer möchte, dass die „Prioritäten anders“ gesetzt werden. Löw weiß, dass er sich dem nicht verschließen kann, sein Credo verteidigt er gleichwohl mutig und unerbittlich: „Zu den deutschen Tugenden zählt auch unsere Spielkultur.“

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