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Berliner Zeitung | DLV und Doping: Auf Kollisionskurs
06. December 2012
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DLV und Doping: Auf Kollisionskurs

Schon 1998 wiesen Frankreichs Polizisten bei der Tour de France, wie hier beim Abführen des Profis Sergei Ivanov zur Vernehmung, Ermittlungsvorteile nach.

Schon 1998 wiesen Frankreichs Polizisten bei der Tour de France, wie hier beim Abführen des Profis Sergei Ivanov zur Vernehmung, Ermittlungsvorteile nach.

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dpa

Rainer Brechtken, Chef des Deutschen Turner-Bundes, will erst mal etwas loswerden: „Doper sind für mich Verbrecher“, sagt er. „Nicht nur, weil sie betrügen, sondern weil sie saubere Sportler prinzipiell in Misskredit bringen. Jeder fragt doch inzwischen bei Spitzenleistungen: Sind die noch sauber?“

Das sind sie nach Überzeugung des Leichtathletik-Verbandes viel zu oft nicht. „Das Dopingkontrollsystem“, heißt es in einem DLV-Antrag zur Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag in Stuttgart, erfasse „nur die Spitze des Doping-Eisbergs“. Weshalb DLV-Boss Clemens Prokop auf Kollisionskurs geht. Zentrale Forderung des DLV-Antrags ist die uneingeschränkte Strafbarkeit des Besitzes von Dopingmitteln. So gerieten auch dopende Athleten ins Visier der Justiz. Die können sich nach jetziger Rechtslage auf Eigenbedarf berufen und bleiben straffrei, vorausgesetzt, man findet bei ihnen keine halbe Apotheke.

„Selbstverständlich“ seien Forderungen, dopende Sportler auch strafrechtlich ins Visier zu nehmen, nachvollziehbar, sagt Brechtken. „Aber diese Emotion ist meiner Ansicht nach völlig falsch.“ Nur der Sport könne Athleten schnell und effizient sperren, weil der positive Test für Bestrafung ausreiche. Übernähme der Staat, gelte die Unschuldsvermutung. „Da sind doch die Konflikte programmiert.“ Brechtken ist Sprecher der Spitzenverbände im Deutschen Olympischen Sportbund. Was er wiedergibt, dürfte in der Mitgliederversammlung mehrheitsfähig sein.

Tests sind ineffektiv

Mit der Durchschlagskraft des Sportrechts ist das so eine Sache. 2011 führte die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) 7767 Trainingskontrollen durch, ganze vier Proben waren positiv. Entweder ist der deutsche Spitzensport extrem sauber, oder die Tests sind extrem ineffektiv. Letzteres, sagt Martin Engelhardt. „Es glaubt doch kein Mensch, dass die paar Fälle, in denen es zu positiven Testergebnissen kommt, den Umfang des Problems abbilden“, so der Präsident der Deutschen Triathlon Union (DTU).

Die DOSB-Spitze um Präsident Thomas Bach stemmt sich seit Jahren gegen ein scharfes Antidopinggesetz. Der Hinweis, so werde ein Konflikt zwischen Sport- und Strafrecht heraufbeschworen, gehört zum propagandistischen Inventar. Mit dem DLV-Antrag hat Clemens Prokop das Thema auf die Agenda der DOSB-Mitgliederversammlung gezwungen. Was Bach davon hält, zeigt schon die Platzierung in der Tagesordnung: Erst ganz am Ende des Palavers in Stuttgart wird abgestimmt, ob der Staat künftig auch dopende Sportler bestrafen soll.

Clemens Prokop hat eine Koalition in der Politik geschmiedet; die bayrische Justizministerin Beate Merk (CSU), SPD und Grüne im Bundestag unterstützen ihn. Auch Sportler geben sich – wie Tischtennis-Star Timo Boll im Namen des gesamten Nationalteams – als Unterstützer der DLV-Initiative zu erkennen. Das wirft unweigerlich die Frage auf, wessen Interessen konservative deutsche Sportfunktionäre, die in dieser Frage an Bachs Seite stehen, eigentlich vertreten?

Hanns Michael Hölz, neuer Boss des Snowboard-Verbandes, räumt ein, dass Sportler „zu ihrem eigenen Schutz eine harte Bestrafung von Dopingsündern wollen“. Er ist sich mit den Präsidentenkollegen Alfons Hörmann (Skiverband) und Ingo Weiss (Basketball Bund) in der Ablehnung des DLV-Antrags einig. Dass dopende Athleten vom Sport, Hintermänner und Umfeld hingegen vom Staat bestraft werden, solle „unbedingt beibehalten werden“, findet Weiss, räumt allerdings „Verbesserungsmöglichkeiten“ ein.

Andere Verbände noch unentschieden

Andere Verbände sind noch unentschieden: „Der Bob- und Schlittenverband wird auf der Mitgliederversammlung sehr genau auf die Argumente hören und entscheiden“, sagt dessen Präsidiumsmitglied Norbert Hiedl. Christian Baumgartner, Vize beim Bundesverband Deutscher Gewichtheber, teilt mit: „Mir würde eine stärkere Einbeziehung der Behörden schon zusagen; einfach weil richtig ermittelt werden und der planmäßigen Betrügerei eine Hürde aufgebaut würde.“ Einige Verbände, darunter der DFB, haben auf Anfrage nicht reagiert. Gerd Heinze, Präsident der Eisschnellläufer, lässt wissen: „Wir teilen unsere Position nicht vor der Mitgliederversammlung mit – wir denken, es ist im Sinne der inneren Demokratie besser.“

Wer es mit dem DLV hält, hat ein anderes Demokratieverständnis. So sagt Triathlon-Präsident Engelhardt: „Wir unterstützen den Antrag uneingeschränkt.“ Auch andere Verbandsfürsten gingen auf Distanz zur DOSB-Spitze. Tischtennis-Bund und Bund Deutscher Radfahrer unterstützen Prokop offen; andere tun’s heimlich. Sie wollen den DOSB-Chef „nicht vorab brüskieren“. Bach will ja bald den IOC-Thron besteigen. Nichts wäre da schlimmer als eine Palastrevolte. In bewährter Manier legte die DOSB-Spitze auf den letzten Drücker einen eigenen Antrag vor. Sie fordert vom Staat plötzlich eine Verschärfung des Arzneimittelrechts – eine Finte des einstigen Florettkünstlers Bach.

Prokop legt in einem Brief an seine Präsidentenkollegen nach: Eine unterfinanzierte Nada und ein Verzicht auf konsequente staatliche Verfolgung könnten leicht den Eindruck entstehen lassen, „dem Sport kämen eine schwache Nada und ein kaum handlungsfähiger Staat in diesem Bereich gelegen“. Er argwöhnt also, Bach und die Nulltoleranzler könnten eine effektive Dopingbekämpfung, die die Medaillenausbeute reduziert, für das eigentliche Problem halten.

Am Samstag in Stuttgart ist der Status quo nicht in Gefahr. „Die Organisation der Macht wird eine Mehrheit haben“, erwartet DTU-Präsident Engelhardt. „Aber die Anständigen werden durch eine solche Politik verarscht, die zudem kurzsichtig ist.“ Clemens Prokop hat sich auf einen langen Kampf eingestellt: „Das Frauenwahlrecht wurde auch nicht bei der ersten Abstimmung durchgesetzt.“