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Doping im Sport: „Es wird weiter betrogen“

Saubere Sieger sind auch künftig nicht garantiert.

Saubere Sieger sind auch künftig nicht garantiert.

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dpa

Richard Pound, 70, war bis Ende 2007 Präsident der Welt-Antidoping-Agentur (Wada). Der Teilhaber einer Anwaltskanzlei in Montreal hat sich einen Namen gemacht als Kritiker des ungenügenden Antidoping-Kampfs, insbesondere beim Radsport-Weltverband (UCI). Im Interview sagt der Kanadier, warum sich die UCI nicht erneuern kann.

Herr Pound, UCI-Chef Pat McQuaid sagt, der Radsport gehe einer goldenen Zukunft entgegen. Teilen Sie seinen Optimismus?

Nein.

Wieso nicht?

Ich kann im Radsport keine fundamentalen Veränderungen erkennen. Wir haben seit Jahren das gleiche Muster. Es wird gesagt: Wir haben kein Dopingproblem im Radsport. Wird jemand erwischt, heißt es, das sei ein außergewöhnlicher Fall. So war es 1998 beim Skandal um das Festina-Team. Da hieß es: Oh, schlimme Sache, aber jetzt haben wir es überstanden. Mit US Postal ist es das Gleiche. Sie sagen, jetzt ist alles sauber, alles ist gut, wir stehen vor einer leuchtenden Zukunft. Aber nichts ist gut. Es wird weiter betrogen, es findet eben nur im Verborgenen statt.

Woran erkennen Sie das?

Weil sich eines überhaupt nicht verändert hat: Man geht deutlich härter mit dem Tippgeber um, der einen Betrug aufdeckt, als mit dem Doper selbst. Wenn du Leute wie Tyler Hamilton oder Floyd Landis als Drecksäcke bezeichnest, wie es McQuaid gerade getan hat, und nicht Lance Armstrong, welche Botschaft sendest du damit aus?

Sagen Sie es uns.

Die Botschaft lautet: Wenn du das Gesetz des Schweigens verletzt, wirst du bestraft. So kann es keine Wende im Radsport geben. Ihre eigenen Leute sagen das. Zum Beispiel Anne Gripper, die das Antidoping-Programm der UCI geleitet hat. Sie ist zurück nach Australien gegangen. Sie sagte, die UCI habe nicht genug getan, um ihr Testprogramm zu verbessern. Was macht die UCI stattdessen? Sie gibt in ihren Statements anderen die Schuld. Der Wada, der Usada, allen außer sich selbst. So lange sie nicht zugeben, dass sie involviert waren, ist es unmöglich, dass sich etwas ändert.

Kann es eine Erneuerung geben, so lange noch Teammanager und Ärzte Einfluss nehmen, die für das alte Denken stehen?

Nur, wenn sie einen Prozess der Aussöhnung durchlaufen, wenn sie eine Wahrheitskommission einsetzen, wie es die Usada vorgeschlagen hat. Nur wenn Leute sagen, wir haben das getan, wir waren dabei, kann man das alles hinter sich lassen.

Geht das mit den alten Funktionären an der UCI-Spitze?

Ich denke, dass ein Sport am besten gemanagt wird von Leuten, die aus diesem Sport kommen, denn sie kennen ihn am besten. Pat McQuaid zumindest war Fahrer. Er müsste wissen, was los war im Radsport.

Er hat selbst gesagt, er habe sich gegen eine Karriere als Radprofi entschieden, weil er nicht dopen wollte.

Hat er? Nun, wenn man weiß, was los ist, warum deckt man es dann nicht auf? Ist es ein Versagen der Wissenschaft, sind die Testverfahren nicht gut genug? Nein, die Test sind sehr gut heutzutage. Ist es menschliches Versagen? Haben Labore weitergegeben, was sie weitergeben sollten? Haben Kontrolleure Fahrer vor Tests gewarnt?

Der Armstrong-Report der Antidoping-Agentur der USA (Usada) legt diesen Verdacht nahe.

Richtig, ja. Ich erinnere mich an eine Begebenheit vor sechs Jahren, nach den Olympischen Winterspielen in Turin, McQuaid war noch nicht lange im Amt und ich noch Präsident der Wada. Ich habe der UCI geschrieben, es gebe zwei oder drei Sachen, die sogar uns auffallen, die wir außerhalb des Radsports stehen. Sachen, die das Testprogramm empfindlich schwächen. Doch sie haben nichts geändert. Was ist die Botschaft, die sie damit aussenden?

Dopt, liebe Fahrer, so lange ihr es professionell macht?

Ja, genau.

Jetzt dreht sich alles um Lance Armstrong, der andere betrogen und eingeschüchtert hat. Aber zeigt der Usada-Report nicht auch, dass Dopingtests ihr Geld nicht wert sind?

Das Geld ist nur dann verschwendet, wenn nicht effektiv getestet wird. Wir brauchen intelligente Tests, denn wir haben es da draußen mit intelligenten Leuten zu tun, die gut darin sind, Tests zu vermeiden. Das ist die effektivste Art, nicht positiv getestet zu werden. Also einfach nicht an die Tür zu gehen, wenn es klopft. Erst wenn ein Sportler zum dritten Mal innerhalb von 18 Monaten nicht angetroffen wird, wird er für ein Jahr gesperrt. Es ist sehr einfach: Man lässt sich testen, wenn man weiß, man ist sauber.

Der spanische Arzt Luis Garcia del Moral hat das Doping bei US Postal orchestriert, er hatte zugleich Fußballer des FC Barcelona und Tennisprofis als Kunden. Geht das Problem also weit über den Radsport hinaus?

Aber sicher, klar. Das hätte die Operation Puerto um den spanischen Arzt Fuentes zeigen können. Anzunehmen, dass del Moral und Fuentes (der spanische Dopingdoktor Eufemiano Fuentes stand im Mittelpunkt der Operation Puerto, d. Red.) nur mit Radsportlern zu tun hatten, ist verrückt. Leider verzögert und behindert die spanische Bürokratie nach der Operation Puerto seit Jahren die Aufklärung.

Muss man beim Fußball genauer hinschauen? Hinter den Zaun, der von einflussreichen Lobbyisten und Top-Anwälten bewacht wird?

Früher oder später müssen wir da einbrechen. Auch wenn das schwierig ist. In Nordamerika haben wir das Problem, dass sich die großen Profiligen nicht für ein robustes Antidoping-Programm interessieren. Auch wenn sie das anders kommunizieren. Im American Football sagen sie, sie hätten das beste Antidoping-Programm der Welt. Wie bitte? Die sagen das wirklich, und dann bleibt es unwidersprochen.

Die Fußballer sagen gerne, Doping sei in ihrem Sport sinnlos.

Damit liegen sie so was von daneben. Das kann doch niemand ernsthaft behaupten. Die Glaubwürdigkeit einer Sportart ist fundamental. Deshalb habe ich es in meiner Zeit bei der Wada als wichtige Aufgabe verstanden, der Öffentlichkeit zu vermitteln: Ich will nicht, das Eure Kinder zu chemischen Vorratslagern werden, um im Sport erfolgreich zu sein.

Ist es naiv, von sauberem Sport zu reden?

Wir alle reden viel mehr über sauberen Sport, als wir für ihn tun.

Das Gespräch führten Wolfgang Hettfleisch und Christian Schwager