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Berliner Zeitung | Doping: Verdächtige im Innenministerium
08. August 2013
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Doping: Verdächtige im Innenministerium

Neue Pillen braucht das Land: Auch der Westen hat kräftig gedopt.

Neue Pillen braucht das Land: Auch der Westen hat kräftig gedopt.

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dpa

Mehr als 50 Zeitzeugen haben sie befragt, die Verfasser des fiebrig diskutierten Teilprojekts der Berliner Humboldt-Universität der Studie „Doping in Deutschland von 1950 bis heute“. Der Gehalt einiger der daraus resultierenden Aussagen, protokolliert im Anhang 2 auf den Dateiseiten 674 bis 790 der Studie, die der Berliner Zeitung nun komplett vorliegt, ist wohl der eigentliche Schatz der bislang vom Auftraggeber, dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), nur als Zusammenfassung veröffentlichten Arbeit des Forscher-Quartetts um den Sporthistoriker Giselher Spitzer. Und die Wissenschaftler sind sich der Problematik dieser Quellen bewusst: „Die Befragung von Zeitzeugen ist (…) mit zahlreichen diffizilen Problemen behaftet. Sie war jedoch aus historischer Sicht zwingend nötig, da zu vielen Problemfeldern des Dopings keine schriftlichen Zeugnisse angefertigt wurden bzw. heute nicht mehr existieren“, heißt es.

Die Problematisierung angewandter Methoden ist gute wissenschaftliche Praxis, nur drohen Wenns und Abers im Furor der Dopingvergangenheitsbewältigung West unterzugehen. Dabei bräuchte es einen umfassenden Diskurs, um wirklich auszuwerten, was ans Tageslicht befördert wurde – und was, da etwa dank der Standardwerke von Berendonk/Franke und Singler/Treutlein bekannt, eben nicht. Dass es zu der ernsthaften Debatte kommt, darf nach den Eindrücken der vergangenen Tage bezweifelt werden. Zu verlockend ist etwa die Aussicht, den liberalen Übervater Hans-Dietrich Genscher als Dopingbefürworter zu überführen.

Umstrittene Rolle Genschers

Tatsächlich wird der FDP-Mann in der Studie belastet. Der langjährige Vorsitzende des BISp-Direktoriums, Ommo Gruppe, berichtete den Forschern: „Einer der damaligen Innenminister hat den Satz geprägt: ‚Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten.‘ Das kann ja als Begründung für ganz vieles herangezogen werden.“ Die Autoren zählen eins und eins zusammen und schreiben die Äußerung Genscher zu, von 1969 bis 1974 Innenminister. Einem anderen, anonym zitierten BISp-Funktionär zufolge soll Genscher im Vorfeld der Münchner Sommerspiele gegenüber einem Sportmediziner gefordert haben: „Von Ihnen will ich nur eins: Medaillen in München.“ Wie, soll Genscher hinzugefügt haben, das sei ihm egal.

Das ist an Eindeutigkeit schwer zu überbieten und darf, so es stimmt, als Aufforderung zu ungebremster Dopingforschung mit dem Ziel der raschen Anwendung verstanden werden – als Befehl zum flächendeckenden Doping aber wohl kaum. Auch der Kölner Sportarzt Wildor Hollmann erinnert sich in einer Veröffentlichung von 2007 ähnlicher Äußerungen Genschers, der erklärt habe, man solle vor allem Gold für München im Auge haben. Dies aber habe, so Hollmann, „automatisch eine Bevorzugung der Zweckforschung gegenüber der bisher stark dominierenden Grundlagenforschung“ bedeutet. Er war maßgeblich an der abenteuerlichen Verteilung der Forschungsaufträge beteiligt und beklagte in den Siebzigerjahren, die für die in Köln aufkeimende Dopinganalytik unter Manfred Donike gewährten Finanzmitteln fehlten der (Doping-)Forschung. Die berechtigten Fragen an Genscher sollten nicht zur Annahme verleiten, es habe einen konsistenten Kurs im Innenministerium gegeben, eine Art geheimen Doping-Staatsplan West. In der Studie sagt ein Zeitzeuge über Genschers Nachfolger Werner Maihofer, ohne diesen zu nennen: „Soweit ich [Z] und seine Haltung richtig beurteile, hat der etwas gegen Anabolika gehabt. Der [Z] hätte den Einsatz von Anabolika m. E. nicht gebilligt.“

Es ist evident, dass es sich bei dem Zeitzeugen um den verstorbenen Gerhard Groß handelt, der im Ministerium für Sport zuständig war. Sein Name wird in der Studie nicht genannt, obwohl die Zuordnung anhand einer auch im Fernsehen ausgestrahlten Rede von Groß 1976 in Freiburg, derzufolge Maihofer leistungsfördernde Mittel für vertretbar gehalten haben soll, leicht fällt. Es ist nicht der einzige Fall, in dem die Autoren der Studie die Anonymisierung der meisten befragten Zeitzeugen durch einen leicht zu entschlüsselnden Kontext konterkarieren.

Zweifel an der nun wiederholt aus der Studie abgeleiteten These, es habe in der BRD analog zur DDR staatlich organisiertes Doping gegeben, nährt auch der Hinweis der Autoren auf Trainer und Sportler, die sich nach eigener Aussage Dopingpraktiken verweigert haben. „Ein Nebeneinander bzw. Konkurrenzverhalten von dopenden Aktiven und demonstrativ sauber Trainierenden ist in mehreren olympischen Sportarten nachweisbar“, heißt es etwa über die erste erforschte Phase bis 1970. Die Autoren reden das Problem deshalb keineswegs klein. „Für die bundesrepublikanische Leichtathletik darf angenommen werden, dass rund zwei Drittel aller Kadersportler anabole Steroide zur Leistungssteigerung nutzten“, heißt es an anderer Stelle. Die Aussagen von Sportlern und Trainern ließen eine ähnliche Verbreitung im Schwimmen vermuten. Cleane Gewichtheber gab’s nach Funktionärsmeinung schon mal gar nicht.

Wenn die Studie der Humboldt-Uni etwas exemplarisch aufzeigt, dann die finanzielle und strukturelle Begünstigung fragwürdiger Forschungsvorhaben mit dem klaren Ziel, das Doping-Know-how zu Anwendungszwecken zu steigern. Die Politik befahl nicht, sie schaute bewusst weg. „Es war, soweit mir bekannt, von der Bundesregierung ausgegeben worden, das soll jetzt mal alles unter den Tisch gekehrt werden, da wollen wir nicht mehr drüber reden“, beschreibt ein von den Autoren befragter, damals im Handball tätiger Arzt die Großwetterlage der Jahre 1967 bis 1974. Das änderte sich auch in den folgenden Jahren nicht. Andreas von Schoeler etwa, der wenige Monate nach Olympia von Montreal 1976 Staatssekretär im Innenministerium geworden war, erklärt laut Studie krass wahrheitswidrig, das BISp sei vor oder während der Spiele in Kanada an „Einzelfällen medikamentöser Leistungsbeeinflussung“ nicht konkret beteiligt gewesen. Tatsächlich, das weisen die Autoren wie zuvor schon Singler und Treutlein schlüssig nach, ist die 1 200-fach im deutschen Olympiateam in Dopingabsicht eingesetzte Kolbe-Spritze der einzige klar dokumentierte Fall eines zentral von BISp und Verbands-Funktionären gelenkten, massenhaften Versuchs der Leistungssteigerung, der nur formal nicht als Doping galt.

Kein Wunder also, dass einige bekannte Sportärzte und deren Bündnispartner im organisierten Sport die Haltung der Politik als Freibrief zur Grenzüberschreitung verstanden. Doch trotz der in der Studie eindrucksvoll aufgezeigten Rückendeckung durch Spitzenfunktionäre wie August Kirsch, den langjährigen Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und BISp-Chef: Geforscht und gedopt wurde letztlich autark. Die Studie nennt einen traurigen Beleg für Letzteres: „Die Interviews verdeutlichen, dass das in den BISp-Projekten zugrunde gelegte Verbot der Anabolika-Anwendung bei Frauen und Minderjährigen vor Ort unterlaufen wurde.“

Eine Schüsselrolle spielten die Sportfunktionäre ausweislich der Studie auch, wenn es galt, dopingkritische Forschungsergebnisse wie die von Joseph Nöcker zu unterdrücken, der die gravierenden Folgen längeren Anabolika-Missbrauchs beschrieb. Auch was die Darstellung dieses Zusammenhangs anlangt, ist die Studie, ähnlich wie die differenzierte Auseinandersetzung mit dem doppelgesichtigen Manfred Donike, verdienstvoll. Unstrittig bleibt aber bei aller Begünstigung durch die Funktionäre die aktive und mit bemerkenswerter Selbstsicherheit gepaarte Rolle der in der Dopingforschung aktiven Sportärzte. „Die ersten Dopinggedanken sind damals in Freiburg entwickelt und gefördert worden, auch geistig, und dann sind diese Gedanken bewusst vom BISp getragen und finanziert worden“, berichtet ein Zeitzeuge.

Eine tragende Rolle bei der ungebremsten Fortführung und personellen wie methodischen Erweiterung der heimlichen Dopingpraktiken nahm die westdeutsche Politikerkaste wohl erst in der Wendezeit ein. Umso bedauernswerter, dass die dritte Phase, die nach 1989, in der Berliner Studie nicht mehr seriös erforscht wurde – werden konnte, wie die Autoren klagen. Hervor geht aus der vorliegenden Arbeit, dass es die – wohl auch mit Hilfe Donikes betriebenen – Vorkontrollen zur Vermeidung positiver Dopingtests problemlos ins vereinigte Vaterland schafften, die ja auch in der DDR geläufige Praxis waren. Auch sonst fand zusammen, was zusammengehörte. Ein befragter Trainer erinnert sich: „[Die westdeutschen Sportverbände] wollten die Trainer [aus der ehemaligen DDR] haben. Es gibt viele Beispiele […], denen sie Verträge vorgelegt haben, Bundestrainer, Bundesstützpunkttrainer oder Mitarbeiter Olympiastützpunkt [erwähnt Namen], exzellente Fachleute […]. Denen legen sie Verträge vor, wo sie zusichern müssen, dass sie nichts damit zu tun hatten, ja?“ Will man Wolfgang Schäuble wirklich auf den Zahn fühlen, sollte man sich eher nicht auf ein paar Bemerkungen aus den Siebzigerjahren kaprizieren.