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Doping: Wie beim Affen

Preisträger: Werner Franke.

Preisträger: Werner Franke.

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dpa

Es ist eine junge Tradition geworden, dass in Deutschland zwei Mal im Jahr der Kampf gegen Doping reflektiert wird. Das geschieht, wenn die Nationale Antidoping-Agentur ihre magere Erfolgsbilanz mit den Vorjahreszahlen zu legitimieren versucht. Etwas aufrichtiger und kritischer allerdings erfolgt die für den sauberen Sport wichtige Überprüfung bei der Vergabe der Heidi-Krieger-Medaille.

Niemand symbolisiert das besser, als der gestern in der Berliner Heinrich-Böll-Stiftung vom Doping-Opfer-Hilfe-Verein für seine Verdienste im Kampf gegen Doping ausgezeichnete Preisträger: der Heidelberger Zellbiologe Werner Franke, 73. Knapp drei Jahrzehnte lang hat er entscheidend geholfen, den chemischen Sportbetrug zu entlarven. Sein umfangreiches Archiv ist seit einem Vierteljahr in den Räumen der Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin einzusehen.

Hilfesuchende Athleten

Der ehrende Verein, bisher vorwiegend beschäftigt mit den Langzeitschäden des Staatsdopings der DDR, registriert mit Schrecken die fortdauernde Problematik. Ein Siebtel der 700 Dopingopfer aus der DDR befindet sich in psychiatrischer Behandlung, ein Teil sogar dauerhaft. „Es melden sich bei mir auch immer mehr Betroffene aus der Transformationszeit nach 1989“, sagte die in der DDR als Sprinterin einst ebenfalls unwissentlich gedopte Vereinsvorsitzende Ines Geipel. Sie zitierte aus Briefen hilfesuchender Athleten, ausschließlich aus Ostdeutschland, vor allem aus Brandenburg.

Der Mainzer Sportmediziner Perikles Simon rief eine Enthüllung der New York Times aus dem vergangenen August in Erinnerung. Die Welt-Antidoping-Agentur hatte 2011 unter 2000 Leichtathleten eine anonyme Erhebung durchführen lassen, um einen Eindruck vom Dopingausmaß zu erhalten. 29 Prozent der Athleten bei der WM und gar 45 Prozent bei den Panarabischen Spielen gaben zu, gedopt zu haben.

Der Kölner Dopingforscher Mario Thevis schilderte Beispiele, wie Athleten ohne Berührungsängste in der medizinischen Fachwissenschaft diskutierte Substanzen zum Doping ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen zum Selbsttest bestellen. Ein an Affen erprobtes Epo-Gen etwa wie Repoxygen, an dem der Leichtathletiktrainer Thomas Springstein einst so sehr interessiert war.

Österreicher dürften nicht starten

Jedenfalls verhindern Wada und IAAF die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Studienergebnisse von 2011. „Sportler müssen sich ernst genommen fühlen“, klagte Simon, „und nicht nur als Stimmvieh, das nur abstimmen darf, wenn das Ergebnis passt.“

Simon rügt die Effizienz des Antidopingkampfes. Auf Anfrage bei 40 Nationalen Antidopingagenturen, hat er nur von neun eine Jahresbilanz in unterschiedlicher Detailliertheit erhalten, obwohl der Weltantidopingkodex die Veröffentlichung der jährlichen Ergebnisse vorschreibt. „Die Österreicher etwa wollten ihre Jahresstatistik nicht mitteilen, weil die höchstens das Ministerium etwas angehe“, sagte er, „genau genommen, dürften österreichische Sportler daher bei den Olympischen Spielen in Sotschi gar nicht starten.“

Simon mahnt aber auch, dass damit zu rechnen sei, dass Antidopingtestergebnisse etwa so sicher sein könnten wie der beste medizinische Labortest auf dem Markt: Bei HIV geht man von drei bis zehn irrtümlichen Positivfällen unter 10.000 Tests aus. Er fordert daher eine strengere Antidopinggesetzgebung, um positive Testergebnisse im Nachgang etwa mit polizeilichen Hausdurchsuchungen und Chemiefunden absichern zu können.