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Dopingforschung: Denn sie widerrufen nicht

Am Puls einer anderen Zeit: Der Sportmediziner Wilfried Kindermann kümmert sich um den Fußballer Lothar Matthäus.

Am Puls einer anderen Zeit: Der Sportmediziner Wilfried Kindermann kümmert sich um den Fußballer Lothar Matthäus.

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Es war ein heißer Herbst 2011 für Deutschlands Sportärzte. Seit September traf man sich in kleinen Gruppen, stritt und feilte an Formulierungen, fast 400 Mails gingen hin und her – bis im Dezember ein Editorial in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin erscheinen konnte. Die Erklärung trug den Titel „Doping im Leistungssport in Westdeutschland“, aber sie beinhaltete eine Sensation: 42 Professoren formulierten ethische Grundsätze für ihre Branche, vor allem jedoch gingen sie auf Abstand zu den Gurus ihrer Bruderschaft. Dass Sportmediziner auch über Verbote hinaus am Einsatz anaboler Steroide festgehalten hätten, das sei „nicht zu rechtfertigen“. Gleiches gelte für Studien mit Anabolika an Kaderathleten. „Es gab eine Unfähigkeit, darüber zu diskutieren“, beschrieb einer der Unterzeichner den bis dahin herrschenden Korpsgeist in der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention. „Letztendlich aus Angst haben Kollegen teilweise sogar die Diskussion abgewürgt.“

Hat Kindermann gelogen?

Der Bruch mit Koryphäen wie dem Freiburger Joseph Keul war Reaktion auf Erkenntnisse der Berliner Forschergruppe. Schon vor anderthalb Jahren stellten die Humboldt-Historiker ihre Kernthese zum Renommierprojekt der vermeintlich hehren Antidopingforschung in den Achtzigerjahren vor, zur Studie „Testosteron und Regeneration“: Der originelle Befund – das körpereigene Sexualhormon Testosteron bringe nichts im Ausdauerbereich – war gefälscht. In Freiburg wurden in Wahrheit für Doper erfreuliche Wirkungen des seit 1982 verbotenen Stoffs belegt – nur verschwiegen die Doktoren das öffentlich. Für den Betrug hatte das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) drei Universitäten 298.000 Mark Steuergeld spendiert. Die Bundesregierung trug die Unwahrheit ins Parlament, als die SPD 1991 eine Kleine Anfrage zur Großstudie stellte.

An der Studie beteiligt war auch Wilfried Kindermann, damals Chef der Sportmedizin in Saarbrücken. Die Erklärung der Kollegen unterschrieb er 2011 nicht. Im Gegenteil. In einem Kommentar für die Zeitschrift Sportmedizin erklärte der Professor zu den dubiosen Forschungen, dass er dazu beitragen wollte, „das Hineindriften von Testosteron in die Ausdauersportarten zumindest zu bremsen“. Kindermann – einst Olympiaarzt, Chefmediziner der Leichtathleten und bei der Fußball-Nationalelf – behauptete noch 2011, er habe „keinen Effekt“ auf Ausdauer und Regeneration seiner Probanden („keine Kadersportler“) festgestellt.

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Hat Kindermann gelogen? Die Berliner Historiker belasten den Mediziner jetzt in ihrem Abschlussbericht: Wegen der hohen Dosierungen seien Probanden erkrankt. Kindermanns Team habe „gar Leistungssteigerungen“ nach Testosterongabe konstatiert. Der Emeritus ist noch immer bestens vernetzt im Sport, bis vor einem Jahr saß er im Aufsichtsrat der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada), beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) schätzt man seinen Rat.

Auch Bernd Wolfarth (TU München), dem aktuellen Olympia-Chefmediziner des DOSB und Verbandsarzt der Biathleten, widmet der Berliner Bericht einige Zeilen. Er soll ebenfalls „einen falschen Eindruck“ von den Ergebnissen der Testosteron-Studie vermittelt haben. Er war als Student daran beteiligt, verfasste später in Freiburg seine Doktorarbeit dazu. An der Forschungsvoraussetzung – den hoch dosierten Testosteronspritzen der Kollegen – störte er sich offenbar nicht. Aus seiner Dissertation, so legen die Historiker dar, gehe hervor, dass bei Kadersportlern das Problembewusstsein ausgeprägter war: Sie verweigerten das Testosteron-Doping und dienten nur als Kontrollgruppe. Anders als Kindermann unterschrieb Wolfarth 2011 die Erklärung der Sportmediziner und verurteilte die eigene Forschung.

Unbeirrt blieb der dritte Kombattant aus dem Mediziner-Klüngel der Achtzigerjahre: Heinz Liesen, damals in Köln. Er betreute zuletzt die Fußball-Weltmeister von 1990 mit Teamchef Franz Beckenbauer. 2011 hielt Liesen die Erklärung der Mediziner für „überflüssig“ und vertrat seine These, ein bisschen Testosteron sei nützlich: „Damit kann man die Jungs gesund erhalten.“

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Am Ende erreichten die medizinischen Fachkräfte ihr Ziel, so unterschiedlich sie auch argumentierten. Was nicht im Bericht der Berliner Historiker steht, dafür aber im Buch von Brigitte Berendonk (1992): Mit dem Segen des Bundesinnenministeriums beschlossen die Spitzenverbände im Sommer 1991 die faktische Freigabe von Testosteron. Angeblich wegen Mängeln in der Analytik stellte man die Kontrollen ein. Praktisch, so kurz vor den Olympischen Sommerspielen in Barcelona. Denn der Stoff, der gar nichts brachte, war damals der Renner. Oder, wie die Kölner Analytiker ihre Testergebnisse des Jahres 1990 zusammenfassten, „ohne Zweifel das derzeit am häufigsten angewendete anabole Steroid, zumindest in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung“.



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